Artenschutz neu gedacht: Ein Ansatz aus der IT-Security Wenn Künstliche Intelligenz Tiger und Elefanten rettet

Ein Gastbeitrag von Ewald Munz und Rohit Singh 5 min Lesedauer

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WWF Singapore und das Cisco-Unternehmen Splunk übertragen die Logik eines Security Operations Centers auf den Artenschutz. Das geplante Wildlife Protection Operations Center soll vorhandene Felddaten in Echtzeit auswerten und Ranger gezielter steuern. Bislang handelt es sich um ein Konzept ohne abgeschlossenen Feldtest.

Im Einsatz für den Artenschutz: Ein WWF-Ranger durchstreift den Regenwald. Das geplante Wildlife Protection Operations Center soll solche Einsätze KI- und datenbasiert optimieren.(Bild:  Emmanuel Rondeau / WW_US)
Im Einsatz für den Artenschutz: Ein WWF-Ranger durchstreift den Regenwald. Das geplante Wildlife Protection Operations Center soll solche Einsätze KI- und datenbasiert optimieren.
(Bild: Emmanuel Rondeau / WW_US)

Die Methoden, mit denen Unternehmen Cyberangriffe erkennen und abwehren, könnten künftig auch Tiger und Elefanten schützen. WWF Singapore und das Cisco-Unternehmen Splunk arbeiten an einem Konzept, das die Logik eines Security Operations Centers (SOC) auf den Artenschutz übertragen soll. Geplant ist ein Wildlife Protection Operations Center (WOC). Es soll Ranger dabei unterstützen, vorhandene Felddaten in Echtzeit auszuwerten, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und knappe Ressourcen gezielter einzusetzen.

Die Lage in Südostasien zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist: In den Schutzgebieten Kambodschas, Laos und Vietnams liegen schätzungsweise 12 Millionen Schlingenfallen. Tiger gelten in allen drei Ländern bereits als ausgestorben. Laut dem WWF Living Planet Report 2024 sind die globalen Populationen von mehr als 5.000 untersuchten Wildtierarten zwischen 1970 und 2020 um 73 Prozent geschrumpft, in Asien um 60 Prozent.

Zwar erfassen Teams Felddaten zum Teil systematisch, um wirksam gegensteuern zu können. Was jedoch fehlt, ist die Auswertung dieser Daten in Echtzeit. Denn Wilderei ist kein statisches Problem: Bedrohungslagen ändern sich, Wilderer passen ihre Routen an, Tiere bewegen sich. Wer nur auf vorhandene Hinweise reagiert, kommt zu spät.

Das Team hinter dem WOC-Ansatz

Das Wildlife Protection Operations Center (WOC) ist ein gemeinsames Konzept von WWF Singapur und Splunk/Cisco, entwickelt mit Expertise aus den Bereichen Feldschutz, Datenanalyse und KI:

WWF Singapur

  • Rohit Singh, Senior Director Field Conservation and Wildlife Policy
  • Natalie Munz, Praktikantin (KI-Projekte)

Splunk/Cisco

  • Frank Nebgen, Leader Country Plan Execution, CDA & Sustainability
  • Lukas Utz, Global Solution Architect AI/ML
  • Harini Aravind Raman, Werkstudentin (Nachhaltigkeit)
  • Ewald Munz, Head of Manufacturing, Automotive and Sustainability EMEA

Effizientere Entscheidungen im Feld

Seit über fünfzehn Jahren sammelt das Spatial Monitoring and Reporting Tool (SMART) Daten aus Schutzgebieten weltweit: Patrouilleninformationen, Artsichtungen und Bedrohungsvorfälle. Das System wurde von einem Konsortium aus führenden Naturschutzorganisationen entwickelt und ist heute an mehr als 1.200 Standorten in über 100 Ländern im Einsatz. Es gilt als das weltweit meistgenutzte Managementtool für Schutzgebiete. 2025 wurde SMART zur tragenden Säule der SMART–EarthRanger Conservation Alliance (SERCA), einem Zusammenschluss von neun Naturschutzorganisationen, der Technologien für den Naturschutz weiterentwickelt und optimiert.

Trotz dieser Basis verhindern knappe Ressourcen und Personalmangel oft, dass die gesammelten Daten ihr volles Potenzial entfalten. Patrouillenpläne basieren häufig auf Erfahrungswerten statt auf fundierten Analysen. Risiken bleiben unsichtbar und Wilderei-Hotspots werden oft erst bekämpft, wenn bereits Hinweise vorliegen. Was fehlt ist kein weiteres Monitoring, sondern ein Ansatz, der aus vorhandenen Informationen in Echtzeit konkrete und vor allem vorausschauende Entscheidungen ableitet.

Was IT-Security mit Tigern zu tun hat

Den Ausgangspunkt bildete ein Gespräch zwischen WWF Singapore und Splunk/Cisco über die Herausforderungen des Artenschutzes in Südostasien. Die zentrale Frage: Lassen sich Methoden aus der Cyberabwehr auf den Schutz bedrohter Arten übertragen?

Von der Rohdaten zur Handlungsempfehlung: Das Splunk-basierte WOC-Dashboard zeigt Wildlife-Analysen, Threat Intelligence, Patrol Coverage und Predictive Risk Analysis auf einen Blick.(Bild:  Splunk)
Von der Rohdaten zur Handlungsempfehlung: Das Splunk-basierte WOC-Dashboard zeigt Wildlife-Analysen, Threat Intelligence, Patrol Coverage und Predictive Risk Analysis auf einen Blick.
(Bild: Splunk)

Ein Vorbild lieferte das Security Operations Center (SOC). Ein SOC überwacht IT-Infrastrukturen in Echtzeit, erkennt Angriffsmuster und leitet gezielte Gegenmaßnahmen ein. WWF und Splunk/Cisco übertrugen diese Logik auf den Artenschutz und entwickelten daraus die Idee des Wildlife Protection Operations Center (WOC). Nach erfolgreicher Umsetzung hat es das Potenzial, Wilderei-Aktivitäten in Echtzeit zu identifizieren, Hotspots nach Dringlichkeit zu priorisieren und Ranger dorthin zu schicken, wo der Bedarf am größten ist. Mit diesen vorausschauenden Informationen ließen sich künftig mehr Wildereivorfälle verhindern, so die Hoffnung der Naturschützer.

Die technische Basis bilden die Splunk-Datenplattform und das Splunk AI Toolkit. Mithilfe von Machine Learning können sie die vorhandenen SMART-Daten aus den in diesem Programm erfassten Schutzgebieten analysieren und sie für die Nutzung im Feld aufbereiten. Aus Rohdaten würden so Echtzeit-Analysen und klare Handlungsempfehlungen entstehen. Das WOC ist dabei kein fertiges Produkt, sondern ein technisch fundiertes Konzept, entwickelt auf Basis realer Felddaten und erprobter Plattformtechnologie.

Bedrohungen erkennen, Ranger steuern

Ein zentrales Element wäre dabei die sogenannte Endangered Species Intelligence. Sie kann das gezielte Tracking von prioritären Arten wie Tigern und Elefanten ermöglichen, inklusive historischer Trends, Standortmustern und letzten Sichtungen. Naturschutzmanager erhielten so einen präzisen Überblick, wo und wann bedrohte Arten aktiv sind.

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Darauf aufbauend soll das System Wilderei-Hotspots identifizieren und ein Coverage Efficiency Scoring berechnen: Welche Zonen zeigen Aktivität, sind aber kaum durch Ranger abgedeckt? Auf dieser Basis könnte das WOC automatisierte Patrouillenpläne erstellen und nach Bedrohungsdichte sowie Artvorkommen priorisieren.

Für Ranger ohne Data-Science-Hintergrund kann das System künftig komplexe Analysen in KI-generierten Executive Briefings zusammenfassen. Diese sollen einen kompakten Überblick über den aktuellen Stand geben und konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Ergänzend ist ein Frühwarnsystem für Mensch-Tier-Konflikte vorgesehen: Mithilfe von Predictive-Modelling-Ansätzen ließe sich abschätzen, wo sich Tiere in der Nähe menschlicher Siedlungen bewegen, um lokale Gemeinschaften frühzeitig zu informieren. Das kann perspektivisch helfen, Ernte- und Lebensgrundlagen zu schützen und das Vertrauen zwischen Behörden und Anwohnern zu stärken.

Ein Modell über den Artenschutz hinaus

Das WOC-Konzept zeigt, was möglich ist, wenn bewährte Datenmethoden konsequent in neue Anwendungsfelder übertragen werden. Vorhandene Daten, erprobte Technologien und interdisziplinäre Zusammenarbeit schaffen echten Mehrwert in Bereichen, die bislang kaum von datengetriebenen Ansätzen profitiert haben. Für IT- und Datenverantwortliche stellt sich dabei die naheliegende Frage: Welche weiteren Bereiche lassen sich mit vorhandenen Plattformen erschließen?

Das Konzept ist zudem skalierbar. Was in Südostasien für Tiger und Elefanten entwickelt wurde, lässt sich auf andere Regionen und bedrohte Ökosysteme übertragen. Eine zentrale Herausforderung bleibt jedoch, die Nachfrage nach Wildtierprodukten zu senken, welche Wilderei und illegalen Artenhandel antreibt. Technologie allein wird sie nicht lösen. Doch das WOC zeigt, wie datenbasierte Ansätze den Schutz bedrohter Arten heute konkret verbessern könnten und wie viel Potenzial noch ungenutzt ist.

Über die Autoren

Ewald Munz.(Bild:  Splunk)
Ewald Munz.
(Bild: Splunk)

Ewald Munz verfügt mehr als 25 Jahren Erfahrungen mit Fokus auf Datenanalyse, Nachhaltigkeit, Industrie 4.0, Engineering und technischen Services. Bei Splunk treibt Munz das Wachstum der Branchen Fertigung und Automotive mit branchenspezifischen Lösungen in den Bereichen Sicherheit und Observability voran. Darüber hinaus hat er Sustainability bei Splunk maßgeblich vorangetrieben.

Rohid Singh.(Bild:  WWF)
Rohid Singh.
(Bild: WWF)

Rohit Singh ist seit 18 Jahren beim WWF tätig und bringt in seiner Rolle als Senior Director Field Conservation and Wildlife Policy umfassende Erfahrung, große Leidenschaft und tiefes Fachwissen ein. Er verfügt über mehr als 21 Jahre Erfahrung in den Bereichen Naturschutz, Management von Schutzgebieten und Bekämpfung des illegalen Wildtierhandels. Rohit hat maßgeblich dazu beigetragen, die Professionalisierung des Ranger-Berufs weltweit voranzutreiben. Zudem ist er Vizepräsident der International Ranger Federation. Für seine Führungsleistung und seinen Beitrag zur Ranger-Arbeit wurde er 2022 mit dem KfW-Bernhard-Grzimek-Preis ausgezeichnet.

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