Interview mit Jörg Besier, Accenture/Bitkom

Künstliche Intelligenz hilft, ungenutzte Datenquellen zu erschließen

| Redakteur: Nico Litzel

Jörg Besier, Managing Director – Digital Delivery Lead in ASG, Accenture GmbH und Mitglied im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises Artificial Intelligence
Jörg Besier, Managing Director – Digital Delivery Lead in ASG, Accenture GmbH und Mitglied im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises Artificial Intelligence (Bild: Accenture)

In welchem Verhältnis stehen Big Data und künstliche Intelligenz zueinander? Welches Potenzial bietet Cognitive Computing für deutsche Unternehmen? Welche Ziele verfolgt der Bitkom-Arbeitskreis Artificial Intelligence? Darüber konnte BigData-Insider mit Jörg Besier sprechen, Managing Director – Digital Delivery Lead in ASG bei Accenture und Mitglied im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises Artificial Intelligence.

BigData-Insider: Big Data und Artificial Intelligence werden häufig in einem Atemzug genannt. Wie ergänzen sich beide Techniken?

Besier: Artificial Intelligence kann dabei helfen, bisher ungenutzte Datenquellen, die durch Big Data zur Verfügung gestellt werden, wertschöpfend zu erschließen. Wir nennen das „Unlocking of Dark Data“. Big Data stellt dabei die Werkzeuge und Verfahren zur Verfügung, um große Datenmengen zu erfassen und zu verarbeiten. Artificial Intelligence analysiert dann mit Verfahren wie Deep Learning Bilder, Videos, Audiodaten und Texte mit bisher unbekannten Möglichkeiten. Selbst komplexe Zusammenhänge können – genügend bewertete Beispiele vorausgesetzt – von der Maschine erlernt und mit hoher Sicherheit angewendet werden.

Wie greifen deutsche Unternehmen die neuen Möglichkeiten auf, die Artificial Intelligence bietet? In welchen Einsatzgebieten zeichnet sich dabei ein deutlicher wirtschaftlicher Nutzen ab?

Besier: Durch Artificial Intelligence können im wesentliche drei Bereiche im Unternehmen adressiert werden: Zum einen „Intelligent Process Automation“ , das heißt, Effizienzsteigerung interner Prozesse, im Wesentlichen durch weitere Steigerung der Automatisierung – Stichwort: Robotic Process Automation oder RPA. Daneben „Conversational Intelligence“, das heißt, neuartige, voll automatisierte Interaktionen mit Kunden oder anderen Stakeholdern – Stichwort: ChatBots und drittens „Augmented Intelligence“, bei der Menschen mit Verfahren der künstlichen Intelligenz arbeiten, um die Qualität kreativer Aktivitäten und von Entscheidungsprozessen zu verbessern – Stichwort „Human Machine Collaboration“. In allen drei Bereichen gibt es bereits Anwendungsbeispiele in der Wirtschaft. Allerdings bieten die Verfahren der „Intelligent Process Automation“, vor allem RPA, aktuell die konkretesten Wertschöpfungspotenziale und werden daher auch mit der höchsten Geschwindigkeit von den Firmen umgesetzt.

Wie sehen Sie die deutsche Wirtschaft für die Ära der Künstlichen Intelligenz gerüstet?

Besier: Das Thema Artificial Intelligence – oder Cognitive Computing – wird aktuell von sehr vielen unserer deutschen Kunden auf konkrete Anwendungsfälle hin untersucht. Viele sind im Thema Robotic Process Automation bereits in der Umsetzung oder testen „Conversational Intelligence“ aus. Die Voraussetzungen für deutsche Unternehmen in diesem Thema sind, unter anderem durch die jahrzehntelange Forschung auf höchstem internationalen Niveau, vor allem in Instituten wie dem DFKI, hervorragend. In der universitären Ausbildung müssen jedoch weitere Anreize für die Themen Data Science und Artificial Intelligence geschaffen werden, da hier zunehmend Fachkräftemangel herrscht.

Im Zusammenhang mit Artificial Intelligence wird auch von kognitiver digitaler Arbeit gesprochen. Was verstehen Sie darunter, in welchen Formen erscheint kognitive digitale Arbeit bereits und wie werden in wenigen Jahren Menschen mit Systemen zusammenarbeiten, die kognitive digitale Arbeit leisten können?

Besier: Die kognitive digitale Arbeit ist ein Anwendungsfall der bereits erwähnten „Augmented Intelligence“. Hier setzt sich meines Erachtens der Trend der zunehmenden IT-Unterstützung von Prozessen und Verfahren in Unternehmen auf logische Weise fort. Während wir mit IT bis heute eher operative Aufgaben und sehr einfache Entscheidungsprozesse unterstützen konnten, stehen mit Artificial Intelligence nun auch Technologien zur Verfügung, die eine Unterstützung von komplexeren Vorgängen und Entscheidungen erlaubt. Dabei steht der Mensch aber zu jeder Zeit im Mittelpunkt. Auch die Anwendungen der Artificial Intelligence werden in Bezug auf den optimalen Einsatz menschlicher Fähigkeiten in den Arbeitsprozessen entwickelt werden. Dabei können einige Aufgabengebiete möglicherweise komplett automatisiert werden, während es in anderen Bereichen zu einer „höheren“ Form der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine kommen wird. Erste Ausblicke darauf sehen wir in Beispielen der „Conversational Intelligence“ wie Siri, Alexa, Cortana und Watson, aber auch in den AI-gestützten Fahrerassistenzsystemen. Auch hier steht die Fähigkeit zur möglichst natürlichen Interaktion mit Menschen im Vordergrund.

Sie engagieren sich im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises Artificial Intelligence. Was hat sich diese Gruppe vorgenommen?

Besier: Der Arbeitskreis Artificial Intelligence will die öffentliche Wahrnehmung der durch AI entstehenden Wachstumspotenziale verbessern. Wichtige Punkte sind in diesem Zusammenhang die Attraktivität des AI-Studiums, die Nachwuchsgewinnung für Forschung und Unternehmen, das Profil an Fähigkeiten der AI-Spezialisten, Forschung/Lehre/Aus- und Weiterbildung, die Einbettung in den historischen und kulturellen Background. Autorenteams aus dem Arbeitskreis AI haben damit begonnen, Entscheidungshilfen für Anwender in Form von Positionspapieren und Leitfäden zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit dem DFKI sowie weiteren Partnern werden wir in diesem Jahr die Publikation „Germany – Excellence in Artificial Intelligence“ vorlegen – bis zum Sommer kommt der erste Teil mit den Profilen der Anbieter und wissenschaftlichen Organisationen in diesem Bereich. Adressaten dieser Publikation sind internationale Entscheider, die auf die in Deutschland entwickelten Kompetenzen bauen wollen. Auf unseren Kongressen präsentieren wir erfolgreiche AI-Einsatzbeispiele. So gibt es auf dem 5. Big Data Summit am 16. Februar einen Track für AI. Natürlich geht es uns auch darum, den Erfahrungsaustausch zwischen den Anbietern zu führen und neuestes Management-, Markt- und Technologiewissen im AI-Bereich zu vermitteln. So geben wir Impulse für die Erweiterung der Kooperation zwischen spezialisierten Anbietern. Ein für uns ganz wichtiger Punkt ist die Mitgestaltung der Rahmenbedingungen für den AI-Einsatz in der Wirtschaft und im Öffentlichen Bereich und der Dialog mit der Politik sowie mit weiteren gesellschaftlichen Akteuren. Dabei greifen wir auch ethischen Fragestellungen auf, verdeutlichen neue Beschäftigungsmöglichkeiten und neu entstehende Berufsbilder.

Ergänzendes zum Thema
 
Jörg Besier

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