Das Governance-Paradox Blindflug mit gutem Gefühl

Von Berk Kutsal 4 min Lesedauer

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Deutsche Unternehmen setzen KI im IT-Betrieb häufiger ein als britische und französische, und mehr als die Hälfte sieht die eigene Governance im Rückstand. Eine Datadog-Umfrage legt nahe, dass dieses Eingeständnis eher für Reife spricht: Am sichersten fühlen sich ausgerechnet die Unternehmen mit den schwächsten Kontrollen.

Zuversicht ist kein Kontrollinstrument: Unternehmen mit geringer KI-Reife halten ihre Governance am ehesten für ausreichend.(Bild:  KI-generiert)
Zuversicht ist kein Kontrollinstrument: Unternehmen mit geringer KI-Reife halten ihre Governance am ehesten für ausreichend.
(Bild: KI-generiert)

In 52 Prozent der deutschen Großunternehmen, die Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, läuft sie inzwischen produktiv im IT-Betrieb. In Großbritannien und Frankreich sind es jeweils 29 Prozent. Das geht aus dem Report „The State of Operational AI in Europe 2026“* hervor. Dafür hat das Marktforschungsinstitut Censuswide im Auftrag des Observability-Anbieters Datadog 756 IT-Entscheider in den drei Ländern befragt.

Hält die Governance mit der KI-Einführung Schritt? Antworten nach Land und nach selbst eingeschätztem Reifegrad.(Bild:  Datadog)
Hält die Governance mit der KI-Einführung Schritt? Antworten nach Land und nach selbst eingeschätztem Reifegrad.
(Bild: Datadog)

Zugleich sagen 54 Prozent der deutschen Befragten, die KI-Einführung schreite schneller voran, als ihr Unternehmen sie steuern könne. Im Schnitt der drei Länder sind es 43 Prozent. Nur sechs Prozent sehen ihre Governance der Einführung voraus.

Die Lücke sieht, wer weit ist

Dass die Governance der KI hinterherläuft, ist kein neuer Befund. Aufschlussreicher ist, wer das sagt. Die Studie teilt die Befragten nach selbst eingeschätztem KI-Reifegrad ein. Unter den „Innovators“, den nach eigener Einschätzung am weitesten fortgeschrittenen Unternehmen, sagen 65 Prozent, die Governance komme nicht mit. Unter Unternehmen mit geringer KI-Reife ist es nur etwa jedes fünfte. Fast ein Drittel von ihnen hält die eigene Governance sogar für weiter als die Einführung.

Die übrigen Antworten stützen diese Zuversicht nicht:

  • Nur zehn Prozent der wenig reifen Unternehmen können immer belegen, wie eine KI-gestützte Entscheidung zustande kam. Bei den Innovators sind es 36 Prozent.
  • 24 Prozent kümmern sich erst nach dem Rollout um Betriebsreife, also um Architektur, Observability, Sicherheit und Zuständigkeiten. Bei den Innovators sind es sieben Prozent.
  • Unter Unternehmen am Anfang ihrer KI-Nutzung haben zehn Prozent vollständigen Einblick in unerwartetes Verhalten von KI-Agenten, 32 Prozent haben gar keinen. Unter den reifsten Unternehmen sind es 36 beziehungsweise vier Prozent.

Wo KI bereits im Produktivbetrieb läuft: Einsatzfelder im Ländervergleich.(Bild:  Datadog)
Wo KI bereits im Produktivbetrieb läuft: Einsatzfelder im Ländervergleich.
(Bild: Datadog)

Datadog erklärt das damit, dass mit der Erfahrung das Bewusstsein für die eigenen Defizite wachse. Für Deutschland ergibt sich daraus eine zweite Lesart der 54 Prozent: Sie sprechen womöglich weniger für einen Rückstand als dafür, dass deutsche IT-Abteilungen mit KI im Betrieb weiter sind und die Lücke deshalb überhaupt wahrnehmen. Wie sich die deutschen Befragten auf die Reifegrade verteilen, weist der Report nicht aus.

Verordnet statt nachgefragt

Woher der Druck kommt, zeigt die Frage nach den Treibern. Interne Produktivitätsziele liegen vorn, Kundennachfrage landet auf dem letzten Platz. In wenig reifen Unternehmen nennen 26 Prozent die Vorgaben der Geschäftsführung als wichtigsten Treiber, bei den Innovators sind es 13 Prozent.

„Das deckt sich mit dem, was ich von CIOs in ganz Europa häufig höre: KI ist zur Vorgabe der Unternehmensleitung geworden, und von CIOs wird erwartet, daraus konkrete Projekte zu machen – oft im Eiltempo. Sie sollen zeigen, welchen Mehrwert KI schafft, häufig bevor die nötigen betrieblichen Grundlagen stehen“, sagt Pejman Tabassomi, EMEA Field CTO bei Datadog (Zitat übersetzt aus dem englischsprachigen Report).

Das gilt auch bei Datenresidenz und Souveränität. Für 44 Prozent der deutschen Befragten sind diese Anforderungen ein vorrangiges Kriterium bei KI-Entscheidungen, in Frankreich für 47 Prozent. „Sicherheitsverantwortliche in Europa kennen die Risiken rund um Datenresidenz, Souveränität und Datenschutz sehr genau. Doch sie sollen KI in einem Tempo einführen, das keinen Raum mehr für die Prüftiefe lässt, die sie noch vor zwei Jahren angelegt hätten. Der Druck zwingt die Teams, Prioritäten zu setzen“, so Tabassomi.

Kunden merken Fehler mitunter zuerst

68 Prozent aller Befragten trauen sich zu, ein KI-Problem zu erkennen, bevor es das Geschäft breit trifft. Bevor Kunden etwas bemerken, trauen sich das nur noch 52 Prozent zu. Deutschland liegt hier mit 57 Prozent vor Großbritannien mit 41 Prozent. Eine vollständige Prüfspur für KI-Entscheidungen können insgesamt nur 20 Prozent immer vorlegen.

Heute Assistent, bald Akteur

Noch arbeitet KI in den befragten Unternehmen überwiegend unter Aufsicht. 52 Prozent beschreiben sie als Unterstützung mit Empfehlungen, 26 Prozent als Werkzeug für operative Aufgaben unter menschlicher Kontrolle. Eigenständig handelt sie laut zwei Prozent. Das dürfte sich Datadog zufolge ändern: Innerhalb von zwei Jahren erwarten 32 Prozent, dass KI-Agenten Code ohne menschliche Prüfung erzeugen. 30 Prozent rechnen damit, dass Agenten unbeaufsichtigt mit Kunden interagieren, ebenso viele mit eigenständig freigegebenen Finanztransaktionen. 26 Prozent erwarten Personalentscheidungen ohne Menschen im Prozess.

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Gerade bei diesen Szenarien hängt viel davon ab, ob Unternehmen Agentenverhalten sehen und Entscheidungen nachvollziehen können. Nach den Daten des Reports können das bislang vor allem diejenigen, die ihre Lücken bereits erkannt haben.

* Censuswide befragte vom 4. bis 24. August 2026 im Auftrag von Datadog 756 IT-Entscheider aus Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, mindestens 250 pro Land. Befragt wurden ausschließlich Unternehmen, die KI bereits einsetzen. Den KI-Reifegrad haben die Befragten selbst eingeschätzt. Datadog vertreibt Software zur Überwachung von KI-Systemen.

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