Kommentar von Jason Harvey, Zebra Technologies Die 70-Prozent-Regel – warum KI-Strategie vor allem eine Personalstrategie ist

Von Jason Harvey 4 min Lesedauer

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In Unternehmen wurde bei Ergebnisgesprächen im vergangenen Jahr so häufig über Künstliche Intelligenz (KI) gesprochen wie nie zuvor. Laut einer Analyse von The CEO Radar, für die fast 5.000 dieser Gespräche ausgewertet wurden, gehört KI inzwischen zu den fünf wichtigsten Themen von CEOs. Führungskräfte nannten KI dabei vor allem im Zusammenhang mit Innovation und Wachstum. Auch weltweit gewinnt das Thema an Bedeutung: CEOs sprechen zunehmend über KI, Technologie, Innovation und Wachstum.

Der Autor: Jason Harvey ist VP Automation EMEA, Zebra Technologies(Bild:  Zebra Technologies)
Der Autor: Jason Harvey ist VP Automation EMEA, Zebra Technologies
(Bild: Zebra Technologies)

Die wachsende Bedeutung von KI birgt jedoch die Gefahr, dass Unternehmen die falschen Schwerpunkte setzen. Die jüngsten Fortschritte und Möglichkeiten von KI-Modellen, ob agentenbasiert oder generativ, ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich. Auch der Aufbau von erforderlichen Algorithmen und Technologie-Stacks ist wichtig.

Der eigentliche Mehrwert von KI entsteht nicht allein durch die Technologie. Er entsteht dort, wo Geschäftsprozesse neu gestaltet und Menschen befähigt werden. KI ist weniger ein IT-Projekt als vielmehr ein neues Kapitel darin, wie Unternehmen über Humankapital nachdenken, es stärken und einsetzen. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Unternehmen strategisch noch nicht ausreichend vorbereitet sind. Laut McKinsey gaben nur 21 Prozent der Führungskräfte an, dass ihre Strategien vier oder mehr der „Ten Tests of Strategy“ erfüllten, ein Rückgang von 40 Prozent gegenüber dem Wert vor anderthalb Jahrzehnten. In einer Geschäftswelt, die hohe Investitionen und Erwartungen mit KI verbindet, ist das eine besorgniserregende Entwicklung.

Um Innovation zu fördern, müssen Unternehmen ein Umfeld schaffen, in dem Lernen, Experimentieren und Veränderung möglich sind. Gleichzeitig braucht es einen klaren strategischen Rahmen, der diese Entwicklung gezielt vorantreibt. Entscheidend ist dabei eine praxisnahe Vision davon, wie KI die tägliche Arbeit verbessern und Kundennutzen schaffen kann. Zwar kann KI einzelne Probleme lösen. Ihr eigentlicher Wert liegt aber darin, Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Dafür braucht es Menschen und Partner mit dem nötigen Wissen und der entsprechenden Erfahrung.

KI nach der 70-20-10-Regel

Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group beschreibt eine 70-20-10-Logik. Demnach entstehen rund zehn Prozent des KI-Werts durch die Algorithmen selbst, 20 Prozent durch die zugrunde liegende Technologie und 70 Prozent dadurch, dass Unternehmen die Rolle ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu denken.

Diese Zahlen zeigen deutlich, worauf es bei einer erfolgreichen Transformation ankommt: auf eine Innovationskultur, kontinuierliches Lernen und konsequentes Veränderungsmanagement. All das gewinnt an Bedeutung, da Unternehmen den ROI ihrer KI-Investitionen steigern wollen.

Dazu gehört, KI auf Vorstandsebene als Wachstumstreiber zu verankern und nicht bloß als IT-Projekt zu betrachten. Ebenso wichtig ist es, das mittlere Management als zentralen Hebel der Umsetzung einzubinden. Die Studie macht deutlich, dass 88 Prozent der Manager den Einsatz von KI vorleben und sie aktiv in Entscheidungen sowie tägliche Abläufe integrieren.

Führungskräfte auf der mittleren Ebene verbinden Unternehmensleitung und Strategie mit dem operativen Geschäft. Dort entsteht der eigentliche Mehrwert: Aufgaben werden intelligent automatisiert und Prozesse im Arbeitsalltag kontinuierlich verbessert.

Die 70-20-10-Regel in der Praxis umsetzen

Dass dieses Konzept nicht nur theoretisch funktioniert, zeigt das Beispiel eines Herstellers aus der Holzindustrie mit 80-jähriger Unternehmensgeschichte. Das Unternehmen erzielte jährliche Einsparungen von mehr als 500.000 Pfund. Seine Führungskräfte erkannten eine Marktlücke für ein verbessertes Kundenangebot und nutzten KI, um dieses Potenzial zu erschließen.

Wettbewerber boten zwar zahlreiche Scanner für die visuelle Prüfung an, entwickelten diese jedoch kaum weiter und verzichteten auf Upgrade-Pakete. Gleichzeitig machte der Hersteller die Erfahrung, dass veraltete Technologien und überholte Arbeitsweisen zu Fehlalarmen, höherem Ausschuss, zusätzlichem Kontrollaufwand und schlechteren Arbeitsbedingungen führten. Dabei mussten die Mitarbeiter in der Produktion täglich bis zu 20.000 Teile bearbeiten.

Praxiserfahrung, Kundenfokus und die richtige Unternehmenskultur wurden gemeinsam mit einer klaren Strategie zum Wettbewerbsvorteil. Das Unternehmen kombinierte die Expertise seiner Direktoren und Projektmanager mit der seiner Partner. Dazu arbeitete es mit einem weltweit führenden Anbieter von Machine-Vision- und KI-Lösungen sowie einem lokalen Partner für Tests und Implementierung zusammen.

Die Abläufe sind heute mithilfe von Machine-Vision-Software, Deep Learning und 3D-Sensoren intelligent automatisiert. Das System wird in die Produktionslinien integriert und liefert auch unter schwierigen Bedingungen konsistente und zuverlässige Ergebnisse. Die KI lernt kontinuierlich hinzu, sodass Präzision und Ertrag weiter steigen. Zu den Ergebnissen zählen eine achtfache Verbesserung der Präzision, weniger Fehler, Kosteneinsparungen im sechsstelligen Bereich sowie die Sicherheit, das Geschäft auf neue globale Märkte ausweiten zu können.

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Die Vorteile reichen dabei über die Produktion hinaus bis in die Lieferkette. Beim Einkauf bei verschiedenen Anbietern verfügt das Unternehmen nun über deutlich mehr Transparenz hinsichtlich Ertrag und Qualitätsprofil der einzelnen Lieferanten. Zudem konnte es die Genauigkeit bei Beständen und Zuweisungen verbessern. Liefer- und Produktionspläne lassen sich dadurch verlässlicher umsetzen.

Das System hilft zudem dabei, eine der größten Herausforderungen der Branche zu bewältigen: den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Gleichzeitig erleichtert die KI-gestützte Lösung die Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Diese können auf Bildern markieren, worauf es bei der Prüfung ankommt. Die KI lernt aus diesen Beispielen und erkennt die relevanten Merkmale anschließend selbstständig und zuverlässig, ohne dass ein hochqualifizierter Bediener jede Prüfung übernehmen muss.

Die Lehre daraus ist klar: Ohne Umsetzung bleibt Strategie eine Halluzination. Im Zeitalter der KI geht es dabei jedoch nicht allein um Algorithmen, sondern um eine Unternehmenskultur, die Menschen motiviert und befähigt. Die entscheidenden Fragen für Führungskräfte lauten: „Was ist unsere KI-Strategie?“ und „Wer treibt die Transformation unserer Geschäftsprozesse voran?“ Werden diese Fragen richtig beantwortet, entwickelt sich KI vom Schlagwort im Ergebnisgespräch zum echten Wettbewerbsvorteil.

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