Kommentar von Neil Sholay, Oracle Warum vertikale KI jetzt zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird

Von Neil Sholay 4 min Lesedauer

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Künstliche Intelligenz (KI) im Unternehmensumfeld lässt sich heute in zwei Kategorien einteilen. Horizontale KI unterstützt allgemeine Geschäftsprozesse und bietet skalierbare Funktionen, die in vielen Unternehmen ähnlich eingesetzt werden. Vertikale KI geht deutlich tiefer: Sie löst komplexe, branchenspezifische Herausforderungen, indem sie Fachwissen, proprietäre Daten und zentrale Geschäftsprozesse miteinander verbindet.

Der Autor: Neil Sholay ist SVP of AI bei Oracle(Bild:  © Ruben Philipse)
Der Autor: Neil Sholay ist SVP of AI bei Oracle
(Bild: © Ruben Philipse)

Seit Jahren betrachten Unternehmenslenker KI als eine Art Wundermittel. Hier einen digitalen Assistenten einführen, dort einen Copiloten ausrollen – und auf die erhofften Produktivitätsgewinne warten. Doch genau diese bleiben vielfach aus oder erreichen nicht den Umfang, den Unternehmen benötigen. Horizontale Lösungen lassen sich leicht implementieren, was zugleich der Grund dafür ist, dass sie zunehmend zur Massenware werden. Wenn zudem alle dieselben Werkzeuge nutzen, entsteht daraus kein Wettbewerbsvorteil.

Was bei Kunden zu beobachten ist: Die Unternehmen, die heute vorausgehen, verzichten nicht auf horizontale KI. Sie bauen auf ihr auf. Sie haben aufgehört, eine flächendeckende Einführung als Ziel an sich zu betrachten, und entwickeln stattdessen vertikale KI-Systeme, die ihre Geschäftsabläufe grundlegend verändern. Horizontale KI bildet das Fundament. Vertikale KI schafft den Wettbewerbsvorteil.

Unterschiede bei Aufwand und Wirkung

Die meisten Organisationen haben einen zentralen Zusammenhang noch nicht erkannt. Horizontale KI ist einfach einzuführen, liefert für sich genommen aber nur begrenzten Mehrwert. Vertikale KI ist schwieriger aufzubauen, kann jedoch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens grundlegend verändern. Viele Unternehmen bleiben bei horizontaler KI stehen, ohne den nächsten Schritt zur vertikalen KI zu gehen.

Ein generischer digitaler Assistent spart einem Kundenservice-Team möglicherweise einige Stunden pro Woche. Das ist real und ein sinnvoller Ausgangspunkt, aber allein noch nicht transformativ. Demgegenüber steht ein KI-System, das speziell für eine Branche entwickelt wurde, tief in Kernprozesse integriert ist und auf proprietären Daten sowie dem eigenen Fachwissen basiert. Das ist kein Assistent mehr, das ist Business Process Engineering. Beide Ansätze entfalten ihren größten Nutzen gemeinsam, nicht im Wettbewerb miteinander.

Der Unterschied ist keineswegs theoretisch. Erfahrungen aus Workshops in ganz Europa zeigen, wie Organisationen durch die Ergänzung ihrer horizontalen KI-Basis um vertikale KI-Fähigkeiten Produktivitätssteigerungen von 15 bis 20 Prozent oder mehr erzielen konnten – und das nicht nur in einzelnen Funktionen, sondern über komplette Prozessketten hinweg. Auf der horizontalen Ebene wurden Systeme, Prozesse und Daten vernetzt, auf der vertikalen Ebene wurde der eigentliche Leistungssprung erzielt.

Warum vertikale KI alles aufwertet

Vertikale KI hebt die bereits vorhandenen Möglichkeiten horizontaler KI auf ein neues Niveau. Sie kann etwas leisten, das allgemeine Lösungen allein nicht erreichen. Sie versteht Unternehmen. Sie kennt ihre Prozesse, Einschränkungen, Compliance-Anforderungen und Werttreiber. Sie versucht nicht, für jeden alles zu sein, sondern ist gezielt für ein spezifisches Problem entwickelt und in die Plattformen und Workflows integriert, die Teams bereits nutzen.

Hier kommt das Ökosystemmodell ins Spiel. Ein vergleichbares Modell hat sich bereits im Cloud-Bereich etabliert: Hyperscaler stellen die Basisschicht bereit, spezialisierte Anbieter entwickeln darauf aufbauende Lösungen und Systemintegratoren verbinden alles zu einem Ganzen. Genau dieses Muster zeigt sich nun auch im Bereich Enterprise AI. Anstatt monatelang generische Einzellösungen zu evaluieren, können Unternehmen heute branchenspezifische Agenten innerhalb weniger Tage finden, testen und einsetzen, auf Basis ihrer bestehenden Systeme.

Die bedeutendste jüngste Entwicklung bei vertikaler KI besteht darin, dass Unternehmensplattformen inzwischen koordinierte Teams spezialisierter Agenten bereitstellen, die gezielt auf Geschäftsprozesse wie Forderungseinzug, Personaleinsatzplanung oder Lieferantenbeschaffung ausgerichtet sind. Unternehmen müssen KI nicht mehr nachträglich in bestehende Systeme integrieren. Das ist keine Theorie mehr, sondern gelebte Praxis. Systemintegratoren und unabhängige Softwareanbieter liefern bereits validierte vertikale KI-Lösungen für Finanzwesen, Personalmanagement, Lieferketten und Kundenerlebnis. Diese Lösungen ersetzen bestehende Funktionen nicht, sondern verstärken deren Nutzen durch intelligente, speziell entwickelte Agenten.

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Das Risiko einer Beschränkung auf horizontale KI

Anlass zur Sorge geben Organisationen, die mit ihren horizontalen KI-Einführungen zufrieden sind und diese als Zielerreichung betrachten. Sie haben KI implementiert, erste Ergebnisse erzielt und können entsprechende Initiativen gegenüber Investoren, Analysten oder dem Aufsichtsrat präsentieren. Den eigentlichen Wendepunkt haben sie jedoch nicht erreicht.

Früher basierten Wettbewerbsvorteile im KI-Umfeld vor allem auf Talent und Budget. Heute entscheidet etwas anderes: die Fähigkeit, Standardlösungen gezielt zu ergänzen und in vertikale KI-Anwendungen zu investieren, die nachweisbaren geschäftlichen Mehrwert schaffen. Unternehmen, die das konsequent umsetzen, bauen einen nachhaltigen und schwer kopierbaren Wettbewerbsvorteil auf.

Dagegen erzielen Unternehmen, die den Einsatz horizontaler KI als abschließende Entwicklungsstufe betrachten, zwar solide Ergebnisse, stoßen jedoch zunehmend an deren Grenzen. Gleichzeitig wächst die Frage, warum Wettbewerber trotz vergleichbarer Ausgangsbedingungen deutlich höhere wirtschaftliche Effekte realisieren.

Der Weg nach vorn

Die Botschaft lautet nicht, horizontale KI aufzugeben. Vielmehr geht es darum, Investitionen in der richtigen Reihenfolge zu tätigen. Unternehmen sollten bei den bereits in ihren Systemen integrierten Funktionen ansetzen und diese nutzen, um Effizienzgewinne zu erzielen, Vertrauen aufzubauen und die Datenbasis zu schaffen, die sie später benötigen. Anschließend sollten Unternehmen gezielt vertikale KI-Projekte starten, die ihre für den Geschäftserfolg wichtigsten und komplexesten Geschäftsprozesse adressieren.

Zunächst gilt es, systematisch zu analysieren, welche Prozesse den größten Einfluss auf den eigenen Geschäftserfolg haben. Danach können Unternehmen entweder selbst oder gemeinsam mit Partnern KI-Systeme entwickeln, die exakt auf diese Prozesse zugeschnitten sind. Die Ergebnisse sollten systematisch gemessen werden. Darauf aufbauend lassen sich die Ansätze skalieren, die nachweislich einen Mehrwert schaffen.

Die Unternehmen, die heute den größten Vorsprung aufbauen, sind nicht jene mit den meisten KI-Projekten. Es sind diejenigen mit einem klar strukturierten Ansatz für beide Ebenen. Sie verstehen, dass horizontale KI die notwendige Grundlage schafft, während vertikale KI den eigentlichen geschäftlichen Mehrwert und die Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb ermöglicht. Komplexität ist für die Einführung von KI heute kein Hindernis mehr. Der gezielte Umgang mit dieser Komplexität kann vielmehr zu einem nachhaltigen Wettbewerbsvorteil führen.

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