Buchrezension „Künstliche Intelligenz. Eine Einführung.“

Wichtige Fragen zur KI klar beantwortet

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Was ist KI? Woher stammt der Begriff? Was sind Maschinenlernen, neuronale Netze, Robotik, Computer Vision? Diese Fragen will Jerry Kaplan in seinem Buch beantworten.
Was ist KI? Woher stammt der Begriff? Was sind Maschinenlernen, neuronale Netze, Robotik, Computer Vision? Diese Fragen will Jerry Kaplan in seinem Buch beantworten. (Bild: MITP-Verlag)

Künstliche Intelligenz ist im Moment eines der intensiv diskutierten IT-Themen. Für viele grundlegende, nicht technische Fragen ist es schwierig, Antworten zu finden. Genau das versucht eine neue Einführung in die Technologie.

Was ist KI? Woher stammt der Begriff? Was sind Maschinenlernen, neuronale Netze, Robotik, Computer Vision? Haben Computer Bewusstsein oder Gefühle? Wie verändert KI das Recht? Wie die Arbeitswelt? Wie könnte soziale Gerechtigkeit im KI-Zeitalter aussehen? Und wie sieht es aus mit Begriffen und Entwicklungen wie Singularität? Diese und ähnliche Fragen versucht eine rund 200-seitige Einführung in KI von Jerry Kaplan zu beantworten. Dabei bedient sich Kaplan einer Sprache, die auch für Nicht-Technologen und Nicht-ITler sehr gut zu verstehen ist. Kaplan selbst ist KI-Spezialist und unter anderem Gründer der Go Corporation.

Das broschierte Buch ist übersichtlich in acht Abschnitte gegliedert, die nach großen, immer intensiver ins Thema eindringenden Themenbereichen geordnet sind. Diese Themenbereiche sind: Definition von KI, Geistesgeschichte des Sektors, Grenzen der Technologie, Philosophie, Recht, Auswirkungen aufs Arbeitsleben, auf die soziale Gerechtigkeit und Auswirkungen in fernerer Zukunft.

Im Rahmen dieser Bereiche werden jeweils Einzelfragen behandelt. Am Anfang jedes Abschnitts steht eine Frage, die in der Folge beantwortet wird. Weil sich alle Fragen auch im Inhaltsverzeichnis wiederfinden, eignet sich das Werk gut zum Nachschlagen – vorbehaltlich der Tatsache, dass sich Gegebenheiten und auch Auffassungen auf diesem Sektor sehr schnell ändern. Der Autor bemüht sich, seine eigene Meinung, wo er sie äußert, deutlich zu machen und unterschiedliche Ansätze zu zeigen, sodass auch klar wird, welche unterschiedlichen Ansätze es gibt. Außerdem belegt er seine Erörterungen durch aktuelle Fundstellen, die sich häufig auch im Web nachschlagen lassen.

Schnörkellose Historie

Besonders dankbar sollte man dem Autor dafür sein, dass er die Historie und die Entwicklung von KI seit dem Anbeginn ihrer Geschichte darlegt und schon dadurch bestimmte Mythen, die sich um die Technologie ranken, entkräftet. Es ist zum Beispiel sehr hilfreich, dass Kaplan KI vor allem in Bezug zum Begriff Automatisierung setzt. Dieser wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber für die meisten Menschen nicht durchgängig negativ besetzt, wie das bei manchen Zeitgenossen hinsichtlich der KI gilt.

Auch die Darstellung der Grenzen der KI hilft sehr, Fantasy und Science-Fiction von dem zu unterscheiden, was KI wirklich kann und was von der Technologie erwartet wird. Schon schwieriger wird es beim Thema Recht. Hier scheinen sich zwar mittlerweile neue Regeln auszubilden, doch auch Fachleute sind sich heute noch keinesfalls einig, wie man Fragen nach der Rechtspersönlichkeit autonom handelnder Roboter oder deren möglicher strafrechtlicher Verantwortung beantworten soll. Kaplan verdeutlicht, dass für diese Fragen praktikable Antworten gefunden werden müssen, aber auch können, um KI auf Feldern wie dem autonomen Fahren tatsächlich einsatzfähig zu machen.

Ergänzendes zum Thema
 
Bibliografie

Die Themengebiete, die mit Sicherheit in der Praxis die kontroversesten Diskussionen und echte politische Herausforderungen bergen, sind KI und Arbeitswelt sowie KI und soziale Gerechtigkeit. Denn auf die Herausforderungen auf beiden Gebieten geben Gewerkschaften, Parteien und sonstige Akteure unterschiedliche Antworten. So plädiert Kaplan beispielsweise durchaus für eine Umverteilung des Reichtums, der sich, wie er richtig beobachtet, bei den Kapitalinhabern durch KI und Big Data noch stärker anhäufen wird als bisher bei den Eignern des Kapitals, während andere keine Arbeit, kein Ein- und möglicherweise aufgrund leidender Sozialsysteme auch kein sonstiges Auskommen mehr finden werden. Kaplan macht keinen Hehl daraus, dass KI sehr viele Arbeitsplätze kosten wird, vor allem im Bereich repetitiver geistiger Tätigkeiten, aber durchaus auch im semikreativen Bereich, beispielsweise beim Verfassen von Sport- oder Finanzmeldungen. Er plädiert deshalb für eine Umverteilung des Reichtums mittels intelligenter Finanzmechanismen, was nicht finanztechnisch, aber hinsichtlich des Budgets der einzelnen Menschen auf ein mehr oder weniger bescheidenes Grundeinkommen hinauslaufen könnte.

Kaplan findet auch nichts dabei, wenn sich die Gesellschaft irgendwann in zwei Gruppen aufteilt. „... wer sich gegen jede Arbeit entscheidet, ist offensichtlich mit einem minimalen Lebensstandard zufrieden. Möglicherweise gibt es dann (…) auf der einen Seite die Spaßgesellschaft der (aus freien Stücken und abgesehen vom Grundeinkommen) mittellosen Hippies und auf der anderen Seite die egozentrischen, ambitionierten Yuppies. Sei‘s drum, das ist allemal besser als sich in jene zu zersplittern, die verzweifelt um ihre Stelle kämpfen und jene, die den langsamen Hungertod sterben.“ (S. 156) Diese Sätze sind mit einem US-amerikanischen Hintergrund geschrieben, wo die sozialen Systeme brüchiger sind als hier. Allerdings dürften die wenigsten Hartz-4-Empfänger von ihren Bezügen das sorgenfreie Hippieleben führen, das in Kaplans Vorschlag aufscheint.

Ob so viel gesellschaftliche Ungleichheit der menschlichen Natur entspricht oder sie doch eher verkennt und eine solche Gesellschaft auf die Dauer zu Unrast und Aufständen führen würde, muss dahingestellt bleiben. Die Autorin dieser Rezension sieht in dieser Vorstellung kein ideales oder erstrebenswertes Gesellschaftsmodell, auch dann nicht, wenn KI für mehr Effizienz sorgt, aber es geht ja gerade darum, diese Debatte in Gang zu bringen.

Singularität als Religionsersatz

Dankenswerterweise diskutiert der Autor auch Themen wie die Singularität („der Zeitpunkt, an dem Maschinen intelligent genug sein werden, um sich selbst weiterzuentwickeln und zu verbessern, was zu einer unkontrollierbaren Intelligenz führt“) (S. 158) , die anscheinend im Kopf so manchen transhumanistischen KI-Gurus herumspukt und entlarvt diese Vorstellung als pseudoreligiöses Konstrukt: Das, was früher Gott genannt wurde – eine übergeordnete, allwissende Entität – wird nun, da der Himmel dank Forschung immer weniger Raum für einen Gott bietet, sozusagen in die Maschine verpflanzt. Diese und ähnliche Debatten verweist der Autor hinsichtlich ihres Gehalts für die aktuelle und absehbare Gestaltung der gesellschaftlichen Realität ins Reich der fernen Zukunft, wie er überhaupt an vielen Stellen nachweist, wie langwierig und interdependent von anderen Wissensgebieten die Entwicklung von Maschinenintelligenz ist.

Das Buch eignet sich hervorragend für den Einstieg in informierte Debatten über das Thema, auch und gerade, weil der Autor einige Ansichten vertritt, die bei vielen Widerspruch auslösen dürften.

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