Kommentar von Manoj Mehta, Cognizant Mid-Tech-Falle bremst Innovationen aus – was tun?

Von Manoj Mehta 5 min Lesedauer

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Die sogenannte Mid-Tech-Falle zwingt europäische Unternehmen dazu, ihre Innovationsstrategien im globalen Kontext zu überdenken und neu auszurichten. Welche strukturellen Änderungen sind hier konkret notwendig? Wie können erfolgreiche Projekte in der Praxis aussehen? Und inwiefern behindern technologische Altlasten die Potenziale von KI-getriebenen Innovationen?

Der Autor: Manoj Mehta ist Präsident der EMEA-Region bei Cognizant(Bild:  Erik Verheggen Fotografie Amsterdam)
Der Autor: Manoj Mehta ist Präsident der EMEA-Region bei Cognizant
(Bild: Erik Verheggen Fotografie Amsterdam)

Die von vielen Ökonomen beschriebene Mid-Tech-Falle bringt Europas Technologie-Industrie in ein Dilemma: Demnach gelten die meisten europäischen Unternehmen als zu fortschrittlich, um mit den Schwellenländern im Hinblick auf eine kostengünstige Produktion zu konkurrieren. Auf der anderen Seite mangelt es den einheimischen Playern an Agilität, sodass sie mit den Hightech-Innovationen der USA und Chinas nicht mithalten können.

Konkret mahnt das deutsche Ifo-Institut, eine der führenden europäischen Einrichtungen für Wirtschaftsforschung, dass Europa bei technologischen Innovationen mittlerweile den Anschluss gegenüber seinen globalen Konkurrenten verloren hat. So ist die internationale digitale Wirtschaft längst in der Hand US-amerikanischer Technologiegiganten. China hingegen hat in der Robotik sowie in fortschrittlichen Fertigungsverfahren die Nase vorn. Demgegenüber stützt sich die europäische Wirtschaft stark auf altbewährte Kernbranchen wie den Automobil- und Telekommunikationssektor, während sie in wichtigen Wachstumsmärkten wie der Halbleiter- und der Automatisierungsindustrie weit hinterherhinkt.

Staatliche Förderprogramme laufen ins Leere

Umfassende staatliche Subventionspakete und Förderprogramme sollten hier Abhilfe schaffen und die Innovationsbereitschaft der Unternehmen in großem Stil vorantreiben. Doch diese Maßnahmen zeigten bislang nicht die gewünschte Wirkung und konnten die Lücke keineswegs schließen. So hat beispielsweise Horizon Europe, das Flaggschiff unter den Forschungs- und Innovationsprogrammen der EU, bis 2027 rund 100 Milliarden Euro bereitgestellt. Doch bislang haben weniger als fünf Prozent dieser Fördermittel zu nennenswerten Innovationen geführt.

Zwar spielen solche Initiativen eine entscheidende Rolle für die technologische Zukunft Europas, doch reichen sie allein nicht aus. Um sich wirksam aus der Mid-Tech-Falle zu befreien, muss Europa seine bereits vorhandenen Stärken ausbauen. So müssen traditionelle Branchen wie Automobil, Telekommunikation und Energie durch Digitalisierung, Nachhaltigkeit und KI neu gestaltet und das entsprechende Governance-Modell an die aktuellen Bedürfnisse und Realitäten des digitalen Zeitalters angepasst werden.

Laut einer Untersuchung von Cognizant sind sich Führungskräfte sowohl der Dringlichkeit als auch der Herausforderung von Technologie-Investitionen bewusst. Demnach befürchten 85 Prozent der Befragten, dass ihre bestehende IT-Infrastruktur anstehende KI-Innovationen behindern wird. 63 Prozent der Teilnehmer sehen in der Komplexität von Modernisierungsprojekten ein großes Hindernis. Dennoch führt kein Weg an einer umfassenden Erneuerung vorhandener Infrastrukturen vorbei.

Innovationsagenda auf den Wandel ausrichten

Auch die jüngste CxO Growth Survey von Forbes Research unterstreicht die zentrale Bedeutung der digitalen Transformation und entsprechender Innovationen. Wie die Studie ergab, haben diese Themen ein hohes Konfliktpotenzial und lösen unter Führungskräften zahlreiche Meinungsverschiedenheiten aus. So sehen 37 Prozent der Befragten darin einen häufigen Diskussionspunkt. Und genau hier liegt das Problem: Zu viele Verantwortliche debattieren über Technologien und Taktiken, anstatt sich auf das Wesentliche wie Strategien, Governance, Ziele und Kennzahlen zu konzentrieren.

Für eine erfolgreiche Innovationsagenda muss das gesamte Unternehmen auf den Wandel vorbereitet sein und Funktionen wie Beschaffung, Rechtswesen und Mitarbeiterentwicklung mit einem einheitlichen Governance-Modell in Einklang bringen. Das Beschaffungswesen beispielsweise ist traditionell auf Kostenkontrolle und Lieferantenmanagement ausgerichtet und fungiert heute als Motor für Innovation. Verantwortliche experimentieren in hohem Maß mit KI-gestützter Beschaffung, dynamischer Risikobewertung und Strategien für nachhaltige Materialien, die Emissionen reduzieren und die Widerstandsfähigkeit verbessern.

Führungskräfte im Beschaffungswesen überdenken zunehmend ihre Vorgehensweise bei der Bewertung und Zusammenarbeit mit Lieferanten und ebnen so den Weg für schnellere und intelligentere Innovationen im gesamten Unternehmen. Dies schafft Raum, damit Rechtsabteilungen Verträge in Bezug auf Datenaustausch und ethisch verantwortete KI modernisieren und HR-Teams die Kompetenzen der Mitarbeitenden weiterentwickeln können.

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Die richtige Balance bei der Innovation finden

Unternehmen lassen sich in Bezug auf ihre Innovationsagenda meist in zwei Lager einteilen: Es gibt solche, in denen einige wenige die Veränderungen von oben nach unten vorantreiben, sie also erzwungen werden. Im anderen Lager hingegen wird eine gewisse Innovationsbereitschaft von allen Mitarbeitenden, überall und jederzeit erwartet. Das bedeutet, hier können Innovationen frei fließen.

In der Realität sind Unternehmen gefordert, beide Aspekte in Einklang zu bringen. Übermäßiger Druck von oben führt zu Projektverzögerungen und Widerstand seitens des mittleren Managements, das möglicherweise an der Skalierbarkeit, der Reife oder der Notwendigkeit neuer Technologien zweifelt. Andererseits können fließende Hierarchien Chaos auslösen, da neue Ideen ohne klares Ziel verfolgt werden. So besteht das Ziel nicht darin, einen „Always-on“-Ansatz für Innovation zu verfolgen.

Vielmehr muss die Innovationsstrategie klar ausgerichtet werden, sodass Verantwortliche auf die darin festgelegten, gemeinsamen Ziele hinarbeiten und den Fortschritt konsequent sowie kontinuierlich messen können. Darüber hinaus sollten Unternehmen bedenken, dass wegweisende Innovationen nicht ausschließlich in Hightech-Branchen oder agilen Start-ups vorangetrieben werden. Sie können ebenso aus der Neukonzeption traditioneller Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse innerhalb etablierter Organisationen entstehen.

Als sehr innovationsoffen gilt beispielsweise der Sektor Finanzdienstleistungen: Laut der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) setzen bereits 92 Prozent der EU-Banken KI-Technologien ein. Zu den gängigen Anwendungsbereichen zählen dabei Kundenprofilierung, Risikomanagement und die automatisierte Zusammenfassung von Dokumenten. Die Deutsche Bank nutzt KI beispielsweise, um personalisierte „Next Best Offers“ für Vermögensverwaltungskunden zu erstellen sowie Finanzkriminalität wie Betrug, Geldwäsche und Steuerhinterziehung aufzudecken. Und die in Amsterdam ansässige Neobank bunq, die über 17 Millionen Nutzer bedient, setzt KI ebenfalls zur Verbesserung der Betrugserkennung ein.

Modernisierung von Zielen und Kennzahlen

Damit Innovation einen Mehrwert schafft, sollten sich entsprechende Initiativen auf die Schlüsselbereiche Kundenerlebnis, Produktivität und Umsatzsteigerung im Unternehmen konzentrieren. Herkömmliche Leistungskennzahlen können die in einer KI-Umgebung erforderlichen Parameter wie Agilität, Anpassungsfähigkeit und geschäftliche Auswirkungen nicht erfassen. Um sich konsequent weiterzuentwickeln, müssen Unternehmen daher von funktionsbasierten Zielen zu einer ergebnisorientierten Steuerung übergehen. Das erfordert, Strukturen rund um gewünschte Ergebnisse wie Nachhaltigkeit, Lieferkettenoptimierung oder Produktinnovation aufzubauen und die Governance ganzheitlich über diese Dimensionen hinweg zu steuern – statt in funktionalen Silos.

So steht beispielsweise die Automobilbranche insbesondere in Europa unter enormem Druck. Denn Zölle, härterer Wettbewerb aus China und immer kürzere Produktzyklen haben eine Krisensituation geschaffen, auf die nur wenige vorbereitet waren. Während digitale Innovationen stark zugenommen haben, sind viele Automobilhersteller nach wie vor durch starre Strukturen, eine veraltete Governance und fragmentierte Prioritäten eingeschränkt. Daher darf sich die Innovationsstrategie nicht einfach auf den Einsatz von KI, IoT oder 5G konzentrieren. Sie muss vielmehr auf die Erreichung umfassenderer Ziele in Bezug auf Wachstum, Rentabilität und Widerstandsfähigkeit ausgerichtet sein.

Innovation neu erfinden durch effektive Governance

Heute haben nur vier der 50 weltweit führenden Technologiefirmen ihren Sitz in Europa. Und in den vergangenen fünf Jahrzehnten wurde kein einziges einheimisches Unternehmen mit einem Wert von über 100 Milliarden Euro neu gegründet. Angesichts dieser alarmierenden Zahlen wird deutlich, dass nicht nur Innovation, sondern auch eine Neugestaltung entsprechender Strategien dringend geboten ist. Wer an veralteten Modellen festhält, wird nur noch tiefer in die Mid-Tech-Lücke abrutschen. Diejenigen, die Zweck, Governance und Strategie auf transformative Innovation ausrichten, können jedoch die nächste Ära der Wettbewerbsfähigkeit Europas entscheidend mitprägen.

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