Kommentar von Tjarko von Lehsten, Swisscom

Wie sich Swisscom mit SAP digitalisierte

| Autor / Redakteur: Tjarko von Lehsten / Nico Litzel

Der Autor: Tjarko von Lehsten ist Senior Management Consultant Data & Analytics bei der Swisscom AG
Der Autor: Tjarko von Lehsten ist Senior Management Consultant Data & Analytics bei der Swisscom AG (Bild: Swisscom AG)

Wie der Telco-Provider Swisscom mit SAP seine historisch gewachsene IT-Infrastruktur konsolidierte und sein Geschäftsfeld erweiterte, das erklärt Tjarko von Lehsten, Senior Management Consultant Data & Analytics bei der Swisscom AG.

Eine gemeinsame Datenbasis für finanzielle und logistische Prozesse: So lautete das Ziel des größten Schweizer ICT-Providers Swisscom, als das Unternehmen im Jahr 2015 mit der Konsolidierung seiner Data-Warehouse-Landschaft begann. Es mussten weit über 100 Datenflüsse und logische Modelle zusammengeführt werden, die teilweise historisch gewachsen waren. Hinzu kam eine komplizierte Architektur von drei SAP-Business-Warehouses und weitere Anwendungen von Drittanbietern, die Swisscom zum Teil durch eine Fusion geerbt hatte.

Hieraus ergaben sich viele Herausforderungen. Zum Beispiel konnten aufgrund fehlender Echtzeitinformationen einige Kernprozesse nur suboptimal bedient werden, wie etwa die genaue Planung von Produktlieferungen von Handy-Herstellern an Swisscom-Shops. Die IT-Abteilung von Swisscom hatte aufwendige Schnittstellen zu Datenquellen, die abhängig von bestimmten Personen und veralteter Berichts- und Analysesoftware waren.

Einheitliche Datenquelle

Um dieses komplexe Geflecht unter einem Dach zusammenzuführen, die Prozesse zu beschleunigen und insgesamt agiler handeln zu können, definierte Swisscom zunächst ein Governance-Framework und stellte mehr als 250 vorhandene Prozesse auf den Prüfstand. Das Ergebnis: OneBI – das interne Business-Intelligence-System der Swisscom, läuft nun auf SAP BW/4HANA. Damit gibt es heute eine zentrale, übergreifende Plattform, die alle Unternehmensdaten zentral verwaltet, egal, aus welcher Quelle sie stammen: Hauptquellen sind Daten aus SAP-Systemen (ERP, CRM und weitere) sowie das Inventar- und Belieferungssystem des Shops von Oracle.

Mit dem OneBI-Data-Warehouse verfügt Swisscom nun über eine einzige Informationsquelle für Finanz- und Controlling-Daten, die vollständig in die operativen Systeme und die eigene Big-Data-Plattform integriert sind. Damit ist das Unternehmen in der Lage, in Echtzeit aktuelle Daten mit historischen Daten abzugleichen und zu analysieren. So kann Swisscom nun nicht nur Berichte und Inventurschnittstellen – wie beispielsweise Finanzabschlüsse oder Absatzprognosen – deutlich schneller und genauer bereitstellen, auch die Zahl der Berichte hat sich erheblich reduziert. Mit den bisherigen Systemen wurden bei Swisscom über 5.000 Berichte (Queries) generiert. Durch die Konsolidierung im Business Warehouse von SAP HANA wurde diese Zahl um 80 Prozent auf ca. 1.000 zentrale Master-Berichte reduziert.

Eigener Bezahldienst erweitert Geschäftsfeld

Doch nicht nur die internen Prozesse hat der Schweizer ICT-Provider verbessert. Von der digitalen Weiterentwicklung von Swisscom profitieren auch die Kunden: Mit NATEL Pay hat der ICT-Provider einen eigenen Bezahldienst für seine Kunden eingeführt, mit dem sie in Online-Shops Apps, Spiele, Musik, Filme und Tickets einkaufen können. Damit bietet Swisscom eine sichere Alternative zu etablierten Angeboten wie PayPal oder Kreditkarten. Kunden müssen sich dafür nicht einmal bei einem zusätzlichen Dienstleister mit ihren Bankdaten registrieren. Sie zahlen einfach mit NATEL Pay, ihr Konto wird dann mit ihrer nächsten Mobilfunk-Abrechnung belastet. Swisscom-Kunden nehmen den Service aufgrund der Bequemlichkeit und Einfachheit gut an. Online-Shops profitieren von NATEL Pay, da sie damit höhere Konversionsraten erreichen als mit Kreditkarten.

Auch Swisscom als Anbieter profitiert: Mit den aus dem Nutzerverhalten gewonnenen Erkenntnissen lernt der Provider seine Kunden besser kennen. Die Funktionen für vorausschauende Analysen sollen helfen, Kundenanforderungen zu prognostizieren, Angebote zu personalisieren und das Risiko von Umsatzeinbußen durch Zahlungsausfälle zu senken.

Prognosen über das Zahlverhalten von Kunden

Bei der vorausschauenden Analyse werden historische Daten ausgewertet, um bisher nicht erkannte Zusammenhänge zu ermitteln. So lässt sich zum Beispiel herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Handymarke, dem Alter eines Kunden und den von ihm gekauften Produkten gibt. Oder ob ein 40-jähriger iPhone-Nutzer zuverlässiger zahlt als ein 25-jähriger Android-Nutzer.

In der Pilotphase analysierte das Swisscom Team mit SAP Predictive Analytics ein Beispieldatenset. Anschließend berechnete die SAP-Software ein Modell und gab Prognosen aus, die auf Zusammenhängen und Trends aus den Beispieldaten beruhten. Auf dieser Basis schrieb das Team dann einen Algorithmus aus den Abrechnungsdaten und band diesen in eine SAP-HANA-Systemfunktion ein. Das Ziel: die vom bestehenden System bereitgestellten Daten effizienter auszuwerten.

Treuere Kunden und weniger Risiko durch gezieltes Marketing

Hierdurch kann Swisscom jetzt innerhalb weniger Stunden eine Datenmenge analysieren, für deren Analyse früher Tage oder gar Wochen notwendig waren. Das Unternehmen hat dank der neuen Software beispielsweise tiefere Einblicke in die demografische Verteilung der Mobilfunkteilnehmer. Daraufhin optimierte Vertrags- und Serviceangebote sorgen für treuere und zufriedenere Kunden. Durch maßgeschneiderte Angebote und gezieltes Marketing gewinnt Swisscom außerdem mehr Neukunden.

Selbst das Risiko unbezahlter Rechnungen sinkt, weil mit der Bezahlung via NATEL Pay der gesamte Prozess automatisiert abgewickelt wird. So sanken die Verluste durch Zahlungsausfälle beim sogenannten „Carrier billing“ um mehr als 50 Prozent. Und auch das Geschäft wächst – denn diese Prognosealgorithmen lassen sich auch auf andere Geschäftsbereiche und Prozesse anwenden, um Kunden neue Dienste, Services und Lösungen anzubieten.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46019447 / Best Practices)