FAU-Forschungsprojekt untersucht Chinas Datenpraktiken über zwei Jahrtausende Big Data begann nicht im Silicon Valley

Quelle: Pressemitteilung 3 min Lesedauer

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Daten gelten als neutrale Entscheidungsgrundlage – in der Politik wie in der Künstlichen Intelligenz. Ein Forschungsprojekt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) widerspricht: Wer entscheidet, was als Daten gilt, prägt die gesellschaftliche Wirklichkeit mit. Beleg dafür sucht das Projekt nicht in Rechenzentren, sondern in chinesischen Haushaltsregistern, die zweitausend Jahre alt sind.

Erforschen Chinas Datengeschichte: Projektleiter Dr. Chun Xu (l.) und Co-Projektleiterin Sijia Cheng.(Bild:  Privat)
Erforschen Chinas Datengeschichte: Projektleiter Dr. Chun Xu (l.) und Co-Projektleiterin Sijia Cheng.
(Bild: Privat)

Wer über Künstliche Intelligenz oder Big Data spricht, denkt an Algorithmen und Rechenzentren. Das Projekt „Towards a Chinese History of Data“ setzt früher an. Es untersucht, wie in China über mehr als zwei Jahrtausende hinweg Informationen gesammelt, geordnet und als Herrschaftsinstrument genutzt wurden. Angesiedelt ist das Vorhaben am Lehrstuhl für Sinologie mit Schwerpunkt Geistes- und Kulturgeschichte Chinas. Die Volkswagenstiftung fördert es mit knapp 325.000 Euro über eine Laufzeit von 18 Monaten, von April 2026 bis September 2027. Projektleiter ist Dr. Chun Xu, Co-Projektleiterin ist Sijia Cheng.

Die Leitfrage: Sind Daten neutrale Abbilder der Wirklichkeit? Die Forscher verneinen. Schon die Auswahl, was als Daten zählt, welche Kategorien gelten und wofür Informationen genutzt werden, forme politische und gesellschaftliche Wirklichkeit mit.

Frühe Formen staatlicher Datenerfassung

Viele Debatten über Big Data behandelten datengetriebene Gesellschaften als neues Phänomen, kritisiert Xu. Dabei hätten Staaten schon vor Jahrhunderten mit komplexen Informationssystemen gearbeitet. In chinesischen Quellen fänden sich Haushaltsregister, Landvermessungen, Steuerlisten und Bevölkerungszählungen in hoher Dichte. Der Hersteller-Vergleich liegt nahe: Bei seiner Arbeit mit vormodernen Datensätzen stellte Xu nach eigenen Angaben fest, dass historische Beamte oft ähnliche Probleme bearbeiteten wie heutige Dateningenieurinnen und -ingenieure – alte Register bereinigen, widersprüchliche Angaben zusammenführen, Formate anpassen, lückenhafte Datensätze nutzbar machen.

Wie Daten Wirklichkeit formen

Als Beispiel diene das chinesische System der Haushaltsregistrierung, das sogenannte Huji-System. Bereits in der Qin-Dynastie im 3. Jahrhundert v. Chr. erfasste der Staat, wer wo lebte, wie viele Menschen zu einem Haushalt gehörten, welchen sozialen Status sie hatten und welche Pflichten daraus entstanden. Solche Register entschieden darüber, wer Steuern zahlte, zum Militär eingezogen werden konnte oder seinen Wohnort wechseln durfte. „Solche Systeme beschrieben Gesellschaft nicht einfach nur, sie formten sie aktiv mit“, sagt Xu. „Wenn ein Staat Menschen in bestimmte Kategorien einteilt, erzeugt er damit auch politische Wirklichkeit.“

Das Projekt betrachtet mehrere Phasen, in denen Datenpraktiken in China besonders an Bedeutung gewannen: frühe Verwaltungsdaten im 3. und 4. Jahrhundert v. Chr., großangelegte Vermessungen und statistische Projekte der Song-Dynastie sowie moderne Formen quantitativer Erfassung im 19. und 20. Jahrhundert.

Historische Fragen für die digitale Gegenwart

Co-Projektleiterin Cheng erforscht vor allem die Moderne. Sie hat unter anderem zur Geschichte von Intelligenztests und zur statistischen Erfassung sozialer Probleme in der Republik China gearbeitet. „Daten sind gemacht, nicht einfach gegeben“, betont sie. „Sie entstehen durch Technologien, Verwaltungsroutinen, politische Interessen und kulturelle Vorstellungen darüber, was überhaupt als messbar oder relevant gilt.“

Damit berühre das Projekt zentrale Fragen der Gegenwart: Wer und was wird gezählt, und nach welchen Regeln? Was fällt durch das Raster? Welche Annahmen stecken in Kategorien, die später objektiv wirken? Und wer kontrolliert die Infrastruktur, mit der Daten erzeugt und ausgewertet werden? Die Forscher sehen Parallelen zu heutigen digitalen Systemen.

Was die Vergangenheit über die Zukunft verrät

Auch algorithmische Bewertungen, automatisierte Klassifikationen und digitale Verwaltungen machten bestimmte Informationen sichtbar und andere unsichtbar. Zugleich zeige der historische Blick, dass große Datensammlungen an Grenzen stoßen: Schon kaiserliche Verwaltungen kämpften mit zu vielen Informationen, unübersichtlichen Datenströmen und Zahlen, deren Bezug zur Wirklichkeit vor Ort schwer zu prüfen war.

„Unser heutiges Datensystem ist nicht das natürliche Ende einer einzigen Entwicklung“, sagt Cheng. „Es ist eine Möglichkeit unter vielen. Frühere Datensysteme sind entstanden, haben sich verändert und sind teilweise auch wieder zerfallen. Genau deshalb lohnt der historische Blick.“ Das Projekt will eine Lücke in der Chinaforschung schließen und zugleich Debatten über KI, Überwachung, digitale Verwaltung und Big Data historisch erweitern mit dem Befund, dass heutige Systeme weder selbstverständlich noch alternativlos seien.

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