Kommentar von Nitin Singhal, GitLabInstitutionelles Wissen ist die Entscheidungsschicht für erfolgreiche KI-Agenten
Von
Nitin Singhal
5 min Lesedauer
Wer Datenplattformen für große Institutionen baut, trifft Entscheidungen häufig auf Basis des gut Sichtbaren und übersieht dabei das Unsichtbare, fast wie in einem toten Winkel. Unsichtbare Daten können gefährlicher sein als schlechte. Etwa Ausnahmen, Genehmigungen, Kontext, undokumentiertes institutionelles Wissen, systemübergreifende Synthesen und Ermessensentscheidungen, die den Geschäftsbetrieb tragen, aber selten in ein System gelangen.
Der Autor: Nitin Singhal ist VP of Data and Monetization Engineering bei GitLab
(Bild: GitLab)
Dieses Muster habe ich in jeder Branche erlebt, in der ich gearbeitet habe. Ein Beispiel: Mein Team bei einem großen Social-Media-Unternehmen führte ein Metadaten-Audit durch, das offenlegte, dass die meisten Produktivdatensätze verwaist, ohne Eigentümer oder redundant waren. Niemand hatte eine verlässliche Zahl der laufenden APIs. Herkömmliche Katalog-Tools lieferten Metadaten, die schon bei ihrer Ankunft veraltet waren.
Um das Problem zu lösen, bauten wir graphbasierte Konnektoren, führten die Lineage der Assets zusammen und erzielten Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe. Doch selbst, nachdem wir das Sichtbarkeitsproblem für strukturierte Daten gelöst hatten, stießen wir immer wieder an dieselbe Grenze: Die Begründung hinter den Daten war im System nirgends zu finden.
Jahrzehntelang war der Verlust dieser Begründung ein akzeptabler Preis. Teams konnten sie über Erfahrung und Onboarding rekonstruieren. Entscheidungen wurden inkonsistent, und die Inkonsistenz blieb unsichtbar. KI-Agenten legen diese Inkonsistenzen offen.
Wo jeder Agent an seine Grenzen stößt
Man stelle sich vor, was passiert, wenn ein KI-Agent bei einer Kundenverlängerung entscheiden soll, ob er einen Rabatt von 20 Prozent genehmigt, obwohl die Richtlinie Verlängerungen bei zehn Prozent deckelt. Ein gut instrumentierter Agent kann den Umsatz des Kunden aus dem CRM ziehen, offene Support-Tickets prüfen, jüngste Incidents durchsuchen und das relevante Richtliniendokument auswerten. Das ist die sichtbare Ebene.
Worauf er nicht zugreifen kann, ist die Begründung, die in den Köpfen jener Menschen steckt, die diese Aufgabe lange genug gemacht haben: eine Historie von Ausnahmen zum Rabattsatz und undokumentierte Veränderungen in der Entscheidungsfindung nach einer Reorganisation.
Ohne diese Begründung trifft der Agent eine Fehlentscheidung, eskaliert an einen Menschen, der dieselbe Logik von Grund auf rekonstruiert, oder wendet die schriftliche Richtlinie starr in Situationen an, die das Unternehmen zuvor mit Augenmaß gehandhabt hat. Der mögliche Fehler, die sich leicht potenzieren können.
Warum etablierte Anbieter diese Lücke nicht schließen können
Die Beschränkung ist architektonischer Natur, keine Produktlücke, die ein Anbieter mit einem Roadmap-Eintrag schließen könnte. Operative Systems of Record – CRM, ERP und HRIS – speichern den aktuellen Zustand. Wird eine Ausnahme genehmigt, verschwindet der Kontext, der sie gerechtfertigt hat. Man sieht, dass sich der Rabatt geändert hat, aber man kann den Zustand der Welt im Moment dieser Entscheidung weder erneut abspielen noch abfragen oder als Präzedenzfall für künftiges Reasoning nutzen.
Datenplattformen haben jedoch ein anderes Problem. Sie erhalten Daten über ETL-Pipelines (Extract, Transform, Load), nachdem die Entscheidungen bereits getroffen wurden. Wenn ein Datensatz im Warehouse landet, ist der Begründungskontext längst verdunstet. Diese Plattformen können Historie zeigen, aber keine Kausalität, denn Kausalität setzt voraus, zum Commit-Zeitpunkt im Ausführungspfad präsent zu sein.
Jeder große Softwareanbieter integriert inzwischen Agentenfunktionen. Diese Agenten arbeiten innerhalb der Grenzen ihrer jeweiligen Systeme zuverlässig, übernehmen jedoch auch die Beschränkungen des übergeordneten Systems. Ein CRM-Agent sieht den Infrastruktur-Incident im Monitoring-System nicht. Ein Agent auf der Support-Plattform sieht das Abwanderungssignal nicht, das in einem internen Thread vergraben ist. Die systemübergreifende Synthese, die erfahrene Menschen instinktiv leisten, bleibt jedem Agenten verborgen, der im Perimeter eines einzelnen Anbieters eingeschlossen ist.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Die meisten Wissenssysteme im Unternehmen erfassen, welche Entitäten existieren, wie sie zueinander in Beziehung stehen und wie sich ihr Zustand über die Zeit verändert.
Eine vierte Dimension fehlt jedoch fast überall, obwohl sie den eigentlichen Kern der unsichtbaren Daten bildet: Entscheidungsereignisse, also strukturierte Aufzeichnungen jener Momente, in denen organisationales Urteilsvermögen Kontext in Handlung überführt hat. Die meisten Teams erfassen nicht, welche Eingaben eine Entscheidung trieben, welche Richtlinienversion galt oder welche Bedingungen ein Genehmigender daran knüpfte.
Diese Begründung verdunstet in Slack-Threads, in Telefonaten und in Onboarding-Gesprächen mit Menschen, die irgendwann das Unternehmen verlassen. Vor den Agenten war das ein verkraftbarer Verlust, denn ein erfahrener Mitarbeiter konnte die Begründung aus Gedächtnis und Beziehungen rekonstruieren.
In einer agentengetriebenen Umgebung wird die Lücke kritisch. Agenten müssen verstehen, was die Richtlinie sagt und wie das Unternehmen sie historisch in der Praxis gehandhabt hat. Was das möglich macht, ist eine Entscheidungsschicht: ein lebendiger, abfragbarer Nachweis organisationalen Urteilsvermögens, erfasst im Moment der Entscheidung.
Die Argumente für den Aufbau dieser Entscheidungsschicht werden mit jeder Entscheidung stärker, die das Unternehmen trifft. Jede erfasste Entscheidungsspur wird zu einem durchsuchbaren Präzedenzfall. Jede Ausnahme kalibriert das künftige Routing von Ausnahmen. Das organisationale Wissen, das früher mit ausscheidenden Mitarbeitern verloren ging, wird zu einer bleibenden Ressource, die Umstrukturierungen und Übernahmen überdauert.
Die Entscheidungsschicht aufbauen
Die architektonische Beschränkung zwingt nicht dazu, auf die Lösung eines Anbieters zu warten. Die folgenden fünf Praktiken bauen die fehlende Entscheidungsschicht schrittweise auf, ohne die bestehende Infrastruktur zu ersetzen. Dabei greifen sie ineinander und das von der Bestandsaufnahme bis hin zum abfragbaren Nachweis.
Die Ausnahmefläche auditieren: Kartieren Sie die Entscheidungen, die Ihr Unternehmen trifft und die die schriftliche Richtlinie nicht vollständig erklärt: Preisausnahmen, Genehmigungs-Overrides, Compliance-Ausnahmen. Das sind die Lücken, an denen Agenten zuerst scheitern werden. Priorisieren Sie, was erfasst werden soll, anstatt zu versuchen, alles auf einmal zu erfassen.
Den Ausführungspfad instrumentieren, nicht nur das Ergebnis: Das meiste Logging erfasst, was geschehen ist. Entscheidungserfassung verlangt zusätzlich das Warum: welche Eingaben berücksichtigt wurden, welche Richtlinienversion galt, wer genehmigte und welche Bedingungen daran geknüpft waren. Fügen Sie folgenreichen Workflows eine strukturierte Ereigniserfassung hinzu, bevor Sie Agenten in ihnen einsetzen.
Anbieter am systemübergreifenden Reasoning messen: Fragen Sie bei der Bewertung von Agentenplattformen konkret, wie sie mit Entscheidungen umgehen, die Kontext aus mehreren Systemen erfordern. Hängt die Antwort vollständig von vorgefertigten Integrationen oder einem einzigen Datenmodell ab, wird die strukturelle Lücke als Produktionsfehler zutage treten.
Mit hochfrequenten, folgenreichen Abläufen beginnen: Kundenverlängerungen, Security-Ausnahmeprüfungen, Incident-Eskalationen und Lieferantenfreigaben bieten sich als Ausgangspunkte an. Sie treten häufig genug auf, um schnell einen aussagekräftigen Präzedenzkorpus aufzubauen, und Agentenfehler tragen hier reale Kosten.
Für Replay entwerfen, nicht nur für Retrieval: Ein brauchbarer Entscheidungsnachweis ist ein strukturiertes Artefakt, das Teams abfragen, mit früheren Entscheidungen vergleichen und nutzen können, um zu validieren, ob eine geplante Handlung damit übereinstimmt, wie sich das Unternehmen tatsächlich verhalten hat.
Die eigentliche Konsequenz
Agenten schließen aus dem, was zum Ausführungszeitpunkt explizit verfügbar ist und das in einem Tempo und Umfang, den kein menschlicher Mechanismus zur Wissensweitergabe erreichen kann.
Die Unternehmen, die dauerhaft einen Mehrwert aus KI-Agenten ziehen, werden nicht jene mit den ausgefeiltesten Modellen sein. Es werden jene sein, die die Arbeit geleistet haben, ihr organisationales Urteilsvermögen abrufbar zu machen, indem sie nicht nur erfassen, was ihre Daten sagen, sondern wie ihr Unternehmen sich über die Zeit entschieden hat, danach zu handeln.
Der Eisberg ist real, und die Agenten sind da. Jede Entscheidung, die Ihr Unternehmen trifft, ohne ihre Begründung zu erfassen, ist institutionelles Wissen, das Sie nie zurückbekommen.