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Industrie 4.0 Paragon AG optimiert ihre Produktion mit REFA

| Autor / Redakteur: Dr. Birgit Lutzer / Nico Litzel

Die Paragon AG trägt zur Erfüllung von PS-Träumen bei: Das Delbrücker Unternehmen und seine ebenfalls dort ansässigen Tochterfirmen Productronic GmbH und Voltabox AG fertigen Automobil-Komponenten für Premium-Anbieter wie AMG, Porsche und Bentley. Die Gruppe ist auf Wachstumskurs. Deshalb wird die aktuell manuell geprägte Fertigung stufenweise auf Teil- und Vollautomatisierung umgestellt. Eine wichtige Grundlage dabei ist die REFA-Lehre.

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Die Paragon AG und ihre Tochterfirmen fertigen Automobil-Komponenten für Premium-Anbieter. Die Gruppe ist auf Wachstumskurs. Deshalb wird die Fertigung stufenweise auf Teil- und Vollautomatisierung umgestellt.
Die Paragon AG und ihre Tochterfirmen fertigen Automobil-Komponenten für Premium-Anbieter. Die Gruppe ist auf Wachstumskurs. Deshalb wird die Fertigung stufenweise auf Teil- und Vollautomatisierung umgestellt.
(Bild: Dr. Birgit Lutzer)

Der Wandel in Delbrück geht einher mit Digitalisierungsprozessen. Um das vorhandene Konzept auszubauen, trafen sich Führungskräfte des Automobil-Zulieferers mit REFA-nahen Wissenschaftlern aus dem Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa).

Welche Schnittmenge gibt es zwischen der REFA-Lehre, Arbeitswissenschaft und praktischen Gegebenheiten beim Automobil-Zulieferer Paragon AG? Diese Fachleute diskutierten über Synergie-Effekte. Von links: Christian Happe (Productronic-Werksleiter), Dr. Burkhard Leifhelm (Paragon-Bereichsvorstand Mechanik & Produktion), Dr. Martina C. Frost (ifaa), Dr. Bernd Zöllner (Productronic-Geschäftsführer Technik), Sebastian Terstegen (ifaa) und Prof. Dr. Sascha Stowasser (Leiter ifaa und Vorsitzender des REFA-Instituts).
Welche Schnittmenge gibt es zwischen der REFA-Lehre, Arbeitswissenschaft und praktischen Gegebenheiten beim Automobil-Zulieferer Paragon AG? Diese Fachleute diskutierten über Synergie-Effekte. Von links: Christian Happe (Productronic-Werksleiter), Dr. Burkhard Leifhelm (Paragon-Bereichsvorstand Mechanik & Produktion), Dr. Martina C. Frost (ifaa), Dr. Bernd Zöllner (Productronic-Geschäftsführer Technik), Sebastian Terstegen (ifaa) und Prof. Dr. Sascha Stowasser (Leiter ifaa und Vorsitzender des REFA-Instituts).
(Bild: Dr. Birgit Lutzer)

Dr.-Ing. Burkhard Leifhelm, Bereichsvorstand Mechanik und Produktion, erläuterte: „Die Herstellung ist gegenwärtig durch händische Montage geprägt. Doch durch die von verschiedenen Auftraggebern gewünschten gestiegenen Stückzahlen ist eine Automation notwendig.“ Gegenwärtig eingesetzt würden etwa digitale Werker-Assistenzsysteme. Der Werksleiter der Productronic GmbH, Christian Happe, sieht diesen Fortschritt unter anderem dadurch bedingt, „dass manche Teile aufgrund ihrer filigranen Beschaffenheit außerordentlich schwer zu montieren sind.“

Werksleiter Christian Happe verdeutlicht: „Mit großen Händen ist es nahezu unmöglich, ein solches Element in akzeptabler Zeit einzubauen.“
Werksleiter Christian Happe verdeutlicht: „Mit großen Händen ist es nahezu unmöglich, ein solches Element in akzeptabler Zeit einzubauen.“
(Bild: Dr. Birgit Lutzer)

Gefragt war und ist Handlungsbedarf. Doch dieser Prozess müsse mit Bedacht umgesetzt werden, wie Leifhelm unterstrich: „Bevor wir die ersten Schritte gehen konnten, war zuerst eine fundierte Analyse aller Prozesse erforderlich. Und das ist wichtiger Bestandteil der REFA-Lehre.“

Blick auf die Gesamtzusammenhänge

Produktions-Bereichsleiter Dr.-Ing. Bernd Zöllner beschrieb, was den Entscheidern bei der Analyse wichtig war: „Wer nur einzelne Bereiche anschaut und diese zu verbessert, geht nicht weit genug.“ Es sei notwendig, alle Zusammenhänge zu betrachte. „Dabei geht es auch um die Menschen und ihre Bedürfnisse“, sagte Zöllner. Prof. Dr. Sascha Stowasser ergänzte: „Im Zentrum der REFA-Lehre steht die gleichzeitig humangerechte und effiziente Produktion. Dazu werden etwa ergonomische Prinzipien bei der Gestaltung der Arbeitsplätze bedacht.“ In Delbrück können sich die Mitarbeiter die Arbeits-Vorrichtungen durch höhenverstellbare Werktische körpergerecht einstellen. Um ihre Rücken zu schonen, wurden von Voltabox spezielle Vorrichtungen zum Heben schwerer Lasten angeschafft. Happe räumt ein: „Einige Mitarbeiter setzen dennoch bevorzugt auf eigene Körperkraft.“

Den ersten Schritt bei der Produktion von Batterie-Modulen geht ein Roboter. In ein paar Sekunden überprüft er die Batteriezellen und setzt sie anschließend ein. Defekte Elemente sortiert er sofort aus. Die Endmontage der Batterien geschieht teilautomatisiert auf der Fertigungsstraße.

Die gesamte Herstellung ist digitalisiert und vernetzt. An Displays erkennen die Fertigungs-Mitarbeiter sofort die Codes der verbauten Teile und erhalten andere Hinweise. Dadurch ist ihre die Tätigkeit wesentlich einfacher. Damit die Arbeitsanweisungen sofort erfüllt werden können, hat Paragon in ein digitales Informationssystem investiert: Der Mitarbeiter blickt an seinem Platz auf eine Projektionsfläche in Form einer weißen Arbeitsplatte. Ein Beamer über dem Kopf projiziert darauf in einfachen Sätzen und Symbolen, was der Werker beachten muss. Auch auf dem bearbeiteten Teil können über Lichtspots Bereiche markiert werden. Bei Fehlern meldet sich das System. Ermöglicht wird dies über eine integrierte Multisensor-Kamera für die Bilderkennung. Diese scannt das montierte Teil und erkennt durch eine Bilderkennungssoftware Fehler in der Verbauung. Ist alles richtig, leuchtet als Bestätigung ein Okay-Symbol auf der Platte auf. Dadurch sind mögliche Fehler komplett ausgemerzt.

Der Roboter arbeitet schnell und präzise.
Der Roboter arbeitet schnell und präzise.
(Bild: Dr. Birgit Lutzer)

Bis zu drei Mitarbeiter stehen an den Linien-Stationen.
Bis zu drei Mitarbeiter stehen an den Linien-Stationen.
(Bild: Dr. Birgit Lutzer)

All diese Elemente entsprechen wichtigen REFA-Prinzipien, wie Stowasser betonte. Beispielhaft nannte er die „Sieben Arten der Verschwendung.“ Diese lauern dem Professor zufolge in jedem Betrieb. „Verbreitet sind überflüssige Wartezeiten, zu lange Wege für den Transport und Überproduktion. Erst wenn diese Phänomene beseitigt sind, können Digitalisierungsmaßnahmen erfolgreich umgesetzt werden.“ Als weiteres Element aus der REFA-Lehre beschrieb er die Arbeitssystemgestaltung mit den „5 S“ – Sortieren, Setzen und Anordnen, Sauberkeit, Standardisierung und Selbstdisziplin. „Diese wichtige Basis für Ordnung und Sicherheit ist der erste Schritt für Ablaufverbesserungen. Und das sind klare Produktivitätsfaktoren.“ Ebenfalls bedeutsam seien die Rüstzeitminimierung und die Fehlervermeidung. Auch dafür gebe es in der REFA-Lehre wirkungsvolle Methoden.

Die Belegschaftsmitglieder müssen beim Wandel mitziehen

Zusätzlich zur technischen Umsetzung muss nach Auskunft des ifaa-Leiters immer auch die Mitarbeiter-Perspektive berücksichtigt werden. Eine entsprechende Checkliste mit Fragen für Firmen, die 4.0-Projekte planen und umsetzen, hält das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft bereit. Dabei geht es sowohl um die technischen Grundlagen als auch um die Auswirkungen auf die Mitarbeiter.

Für die Akzeptanz neuer Technologien in der gesamten Belegschaft, spielt die Kommunikation nach Ansicht des ifaa-Teams eine grundlegende Rolle. „Ein Weg kann sein, die Mitarbeiter behutsam an Neuerungen heranzuführen, indem die Technologie allen zugänglich gemacht wird“, sagte Dr. Martina Frost. „Eine Variante ist das Aufstellen einer neuen Gerätschaft, damit die Mitarbeiter diese ausprobieren können.“ Sebastian Terstegen führte aus: „So werden Befürchtungen reduziert, von einer neuen Technologie überfordert zu sein.“ Dass sich Abläufe und Prozesse durch die Anwendung von REFA-Prinzipien und die neue Technologie vereinfachen, darüber sind sich die Führungskräfte bei Paragon und Productronic einig. Leifhelm: „Gerade durch diese Verbindung können wir weiter Gas geben. So muss das auch sein bei einem Automobil-Zulieferer.“

Ergänzendes zum Thema
Auszug aus der ifaa-Checkliste zur Vorbereitung von Industrie-4.0-Projekten

Die Checkliste gliedert sich in die Analyse des Ist-Zustandes und in die Realisierung von Maßnahmen. Über die insgesamt 111 Fragen sollte ein fachübergreifendes Team diskutieren. Nur so können unterschiedliche Sichtweisen einfließen. Der gesamte Fragenkatalog zuzüglich weiterer Erläuterungen und andere Checklisten können hier kostenfrei heruntergeladen werden: www.arbeitswissenschaft.net/downloads/checklisten/

Einzelne Fragen aus Teil 1, Bestimmung von Digitalisierungsaktivitäten

  • A.2 Welche Chancen und Risiken sehen Sie für das eigene Geschäftsmodell aufgrund der allgemeinen Entwicklung der Digitalisierung?
  • A.3 Welche Anforderungen hinsichtlich der Digitalisierung stellen Kunden oder Lieferanten in der Wertschöpfungskette?
  • B.2 Welche Produktionssystem-Elemente bzw. Lean-Prinzipien sind im Unternehmen eingesetzt, die für klare und stabile Prozesse als Grundlage für Digitalisierung & Industrie 4.0 sorgen?
  • B.6 Inwieweit sind Arbeitsprozesse im Unternehmen eindeutig beschrieben und standardisiert?
  • C.1 Welche Ansätze oder Maßnahmen zur Digitalisierung der Informationsverarbeitung werden aktuell im Unternehmen umgesetzt (vertikal innerhalb des Unternehmens sowie horizontal zwischen dem Unternehmen und seinen Partnern in der Wertschöpfungskette)?
  • C.2 Welche Techniksysteme der Digitalisierung & Industrie 4.0 werden für eine Umsetzung in Betracht gezogen?

Einzelne Fragen aus Teil 2, Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen

  • 1.1 Wie werden sich die Anforderungen an die Arbeitsaufgaben für die Beschäftigten verändern?
  • 2.3 Wie werden sich Entscheidungsprozesse für Führungskräfte verändern?
  • 3.1 Welche Anforderungen könnten im Hinblick auf den Arbeitsschutz (Gesetze und Verordnungen) von Interesse sein?
  • 4.5 Wie verändern sich die Möglichkeiten zur Personalentwicklung?
  • 5.1 Wie wird sich der Betriebszeitbedarf entwickeln?
  • 6.2 Wie werden Änderungen der Eingruppierung infolge veränderter Arbeitsanforderungen vorbereitet und umgesetzt?
  • 7.1 Was muss aufgrund der Digitalisierungs- & Industrie-4.0-Lösungen hinsichtlich des Bundesdatenschutzgesetzes neu oder zusätzlich beachtet werden?
  • 8.2 Welche Konzepte zum Schutz der unternehmensbezogenen Daten müssen entwickelt werden?
  • 9.3 Welche Themen könnten besondere Sensibilität bei der Zusammenarbeit der Betriebsparteien erfordern?
  • 10.1 Welche wissenschaftlichen Experten bzw. Einrichtungen können unterstützend zu Rate gezogen werden bei der Einführung?
  • 11.1 Welcher Umsetzungsstand der Digitalisierungs- & Industrie-4.0-Lösungen und der entsprechenden Unternehmensstrategie soll zu welchen Zeitpunkten erreicht sein?

Ergänzendes zum Thema
Die Beteiligten

( Bild: Paragon )

Die Paragon AG und ihre Tochterfirmen: Die Paragon AG hat sich auf Lösungen für den Fahrzeuginnenraum wie z. B. Luftgütesensorik, Akustikkomponenten und Cockpitelemente sowie Aerodynamikeinheiten für eine bessere Gesundheit, Komfort, Sicherheit, CO2-Reduktion und Elektrifizierung spezialisiert. Das international aufgestellte Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 124,8 Mio. Euro im Jahr 2017. Von der Productronic GmbH, dem Produktions-Tochterunternehmen, kommen u. a. komplexe Aerodynamik-Einheiten wie Spoilerantriebe. Der ehemalige Paragon-Geschäftsbereich der Elektromobilität ist ebenfalls in Delbrück ansässig – die auf Batteriesysteme für mobile Anwendungen spezialisierte Voltabox AG.

www.paragon.ag

( Bild: ifaa )

Das ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft: Das Forschungsinstitut der Metall- und Elektroindustrie zur Gestaltung der Arbeitswelt. Das Institut unterstützt seine Mitgliedsverbände und deren Mitgliedsunternehmen durch praxisorientierte Forschungsarbeit. Die Kernkompetenz besteht in der Verknüpfung von Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation mit der betrieblichen Praxis. Die Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen daraus werden in Studien, auf Veranstaltungen und durch Publikationen veröffentlicht.

www.arbeitswissenschaft.net

( Bild: REFA )

REFA Nordwest e. V. ist Teil des REFA-Verbands für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung. Mit rund 20.000 Experten ist dieser eine der wichtigsten Anlaufstellen für die berufliche Weiterbildung im Bereich des Industrial Engineerings und der Arbeitswirtschaft. REFA Nordwest e.V. mit seinen Regional- und Bezirksverbänden ist im Westen und Norden Deutschlands aktiv. Durch REFA-Qualifizierungen wird fundiertes Fachwissen aus der Arbeits- und Betriebsorganisation und dem Industrial Engineering übermittelt.

www.refa.de

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