Praktisch jedes europäische Unternehmen setzt generative KI ein, doch die Governance hält mit dem Tempo der Nutzung nicht Schritt. Regulierte Daten verursachen laut dem aktuellen Netskope Threat Labs Report Europe 2026 fast sechs von zehn Richtlinienverstößen. Gleichzeitig missbrauchen Angreifer vertrauenswürdige Dienste wie GitHub und OneDrive, um Schadsoftware zu verteilen.
Eine Schranke allein macht noch keine Kontrolle: Der Netskope-Report dokumentiert, wie verbreitet die Umgehung formaler KI-Vorgaben in europäischen Unternehmen ist.
(Bild: KI-generiert)
Nahezu flächendeckende KI-Nutzung bei wachsender, aber noch unfertiger Kontrolle: So lässt sich der Befund zusammenfassen, den der Sicherheitsanbieter Netskope für seinen Threat Labs Report Europe 2026 vorlegt. Die Auswertung analysiert Adoptionstrends, Datenschutzverstöße und die Verbreitung von Schadsoftware über Cloud-Anwendungen. Sie beruht nach Angaben des Unternehmens auf aggregierten Nutzungsdaten der hauseigenen Netskope-One-Plattform für eine Teilmenge der europäischen Netskope-Kunden im Zeitraum vom 1. März 2025 bis zum 31. März 2026.
Verschiebung zu verwalteten Lösungen, Shadow AI bleibt
Dem Report zufolge nutzen 99 Prozent* der europäischen Unternehmen inzwischen GenAI-Anwendungen. Die aktive Nutzung durch Mitarbeiter habe sich binnen eines Jahres von 35 auf 65 Prozent annähernd verdoppelt. Parallel verschiebt sich das Gewicht weg von privaten hin zu unternehmenskontrollierten Konten: Der Anteil persönlicher GenAI-Zugänge sank den Angaben zufolge von 79 auf 43 Prozent, während verwaltete Unternehmenslösungen von 28 auf 72 Prozent zulegten.
Die beliebtesten GenAI-Apps in Europa
(Bild: Netskope)
Vollständig verdrängt ist die unkontrollierte Nutzung damit nicht. Der Anteil der Anwender, die zwischen privaten und Unternehmenskonten wechseln, stieg laut Netskope von sieben auf 15 Prozent. Das Unternehmen wertet dies als Hinweis, dass Benutzerfreundlichkeit und Zugänglichkeit verwalteter Lösungen in vielen Umgebungen noch nicht ausreichten.
Bei den eingesetzten Werkzeugen führt ChatGPT mit einer Nutzungsrate von 88 Prozent. Anthropic Claude folgt mit 79 Prozent vor Google Gemini mit 69 Prozent. Claude verzeichnete dem Report zufolge ab September 2025 einen schnellen Anstieg und kam im Jahresverlauf auf 29 Prozent Wachstum. Mistral Le Chat erreicht acht Prozent.
Regulierte Daten als größtes Leck
Bei den Datenschutzverstößen zeichnet sich ein klares Muster ab. Regulierte Daten sind den Angaben zufolge für 59 Prozent aller GenAI-bezogenen Richtlinienverstöße verantwortlich, gefolgt von Quellcode mit 15 Prozent, geistigem Eigentum mit 13 Prozent sowie Passwörtern und API-Schlüsseln mit 12 Prozent. Bei privaten Cloud-Anwendungen liegt der Anteil regulierter Daten mit 63 Prozent noch höher.
„Europa hat die anfängliche Phase der Begeisterung für generative KI hinter sich gelassen und bewegt sich nun in Richtung einer eher praxisorientierten Realität, in der die Nutzung zwar weit verbreitet ist, die Kontrolle jedoch noch hinterherhinkt“, erläutert Gianpietro Cutolo, Cloud Threat Researcher bei Netskope Threat Labs. „Unternehmen verlagern ihren Fokus zunehmend von persönlichen KI-Tools hin zu verwalteten Umgebungen, doch Verstöße gegen Datenschutzrichtlinien betreffen nach wie vor vor allem regulierte Daten, was zeigt, wo das eigentliche Risiko weiterhin liegt. Da KI zunehmend in alltägliche Arbeitsabläufe eingebettet wird, anstatt als eigenständiges Tool genutzt zu werden, besteht die Herausforderung nicht mehr in der Einführung, sondern darin, die Transparenz und Kontrolle über sensible Daten zu wahren, die durch immer komplexere und vernetztere Systeme fließen.“
KI läuft tiefer im Hintergrund als sichtbar
Für Sicherheitsteams besonders relevant ist die indirekte Durchdringung. Zwar interagieren laut Netskope nur 64 Prozent der Anwender direkt mit GenAI-Anwendungen, doch 95 Prozent nutzen Anwendungen, die KI-Funktionen indirekt einbetten. 89 Prozent verwenden Anwendungen, die für ihr Training auf Nutzerdaten zurückgreifen. KI arbeitet damit auch dort, wo Mitarbeiter sie nicht bewusst einsetzen. Auf das Problem unsichtbarer KI-Risiken in Cloud-Umgebungen verwies zuletzt auch eine Untersuchung von Tenable, die fehlende Governance, übermäßige Rechte und Lieferkettenrisiken als zentrale KI-Exposure-Lücke beschreibt.
Angreifer tarnen sich als legitimer Cloud-Verkehr
Neben den Governance-Risiken verweist der Report auf eine Verschiebung der Angriffstaktik. GitHub und Microsoft OneDrive sind in Europa die am häufigsten zur Verbreitung von Schadsoftware missbrauchten Plattformen, jeweils zehn Prozent der Unternehmen sind betroffen. Angreifer nutzen das Vertrauen der Anwender in bekannte Dienste, um schädliche Inhalte zu platzieren und die Erkennung zu erschweren. Zur Einordnung: Im Vorgängerbericht für 2025 hatte Netskope für GitHub in Europa noch 16 Prozent ausgewiesen.
Die Ergebnisse verdeutlichen eine strukturelle Spannung, die IT-Security-Verantwortliche in Europa zunehmend unter Druck setzt: KI ist operativ tief verankert, die Kontrollmechanismen sind es noch nicht. Für Unternehmen, die unter DSGVO, NIS2 oder branchenspezifischen Compliance-Anforderungen operieren, erhöht das nach Lesart des Reports die Dringlichkeit einer belastbaren KI-Governance.
Stand: 08.12.2025
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* Die Aussagekraft der Zahlen ist an die Methodik gebunden. Grundlage ist kein repräsentatives Sample der europäischen Wirtschaft, sondern Telemetrie aus dem Kundenstamm eines Cloud-Security-Anbieters, also von Unternehmen, die bereits entsprechende Schutzwerkzeuge einsetzen. Werte wie die 99-prozentige KI-Durchdringung gelten somit für diese Klientel und lassen sich nicht ungeprüft auf den europäischen Markt übertragen.