Kommentar von Piotr Majchrzak, Boldare AI-Washing – wenn KI zum bequemen Sündenbock wird

Von Piotr Majchrzak 4 min Lesedauer

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Die deutsche Wirtschaft kommt auch im Frühjahr 2026 nicht richtig in Schwung. Seit Monaten spiegeln sich die strukturellen Probleme nicht nur in Prognosen, sondern ganz konkret im Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen wider. Laut dem IfO-Institut bauen Unternehmen derzeit mehr Stellen ab, als neue entstehen – ein klares Signal für anhaltende Unsicherheit. In dieser Situation wird Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend als Sündenbock für strukturelle Probleme herangezogen.

Der Autor: Piotr Majchrzak ist Co-CEO von Boldare(Bild:  Boldare)
Der Autor: Piotr Majchrzak ist Co-CEO von Boldare
(Bild: Boldare)

Schon 2025 ging etwa ein Viertel der Unternehmen davon aus, dass KI zum Abbau von Stellen führen wird, während nur ein sehr kleiner Teil mit neuen Jobs rechnete. Diese Wahrnehmung hat sich in der öffentlichen Debatte festgesetzt und wird durch medienwirksame Entscheidungen einzelner Unternehmen befeuert. Ein kritischer Blick auf dieses Narrativ lohnt sich: Nicht jede Entlassung, die mit KI begründet wird, ist tatsächlich technologisch getrieben. Studien (z. B. von Forrester) zeigen, dass wirtschaftliche Faktoren oft eine größere Rolle spielen als neue Technologien. KI ist in vielen Fällen nicht die Ursache, sondern die Erzählung, mit der Entscheidungen im Nachhinein plausibel gemacht werden.

Was kann KI heute tatsächlich leisten und wo liegen ihre Grenzen?

Künstliche Intelligenz ersetzt aktuell vor allem einzelne Aufgaben, nicht ganze Berufe. Produktivitätsgewinne entstehen vor allem bei Textarbeit, Recherche, Zusammenfassungen und einfachen Datenanalysen.

Gleichzeitig bleibt der Mensch zentral: Ergebnisse müssen eingeordnet, überprüft und oft nachbearbeitet werden. Der „Human in the Loop“ ist kein Sicherheitsmechanismus, sondern Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von KI. Prognosen von Forrester gehen davon aus, dass bis 2030 nur ein vergleichsweise kleiner Anteil von Jobs tatsächlich vollständig automatisiert wird, während ein deutlich größerer Teil durch KI ergänzt wird. Das bedeutet: Die Arbeitswelt verändert sich, aber nicht in der oft skizzierten Radikalität. Wer heute von flächendeckendem Jobersatz spricht, überschätzt die technologischen Möglichkeiten und unterschätzt die Komplexität realer Arbeit.

Hinzu kommt, dass die Einführung neuer Technologien in Unternehmen meist langsamer verläuft als angenommen. Grund dafür sind bestehende Prozesse, Regulierungen und fehlende Kompetenzen, welche eine flächendeckende Umsetzung ausbremsen können. Der Erfolg einer flächendeckenden Umsetzung zeigt sich allerdings niemals in ihrer Geschwindigkeit, sondern vielmehr in der Herangehensweise: daran, ob Erwartungen frühzeitig geklärt, Einsatzfelder klar definiert und Mitarbeitende gezielt in die Nutzung eingebunden werden.

Wie KI die Struktur von Arbeit verändert

KI steigert Effizienz und verändert gleichzeitig die Struktur von Arbeit. Wenn repetitive Aufgaben wegfallen, verschiebt sich der Fokus auf komplexe, kreative und strategische Tätigkeiten. Der Effekt ist nicht nur schnelleres Arbeiten, sondern eine Verlagerung hin zu höherwertiger Arbeit.

Diese Entwicklung muss bewusst gestaltet werden. Produktivitätsgewinne durch KI müssen nicht automatisch zu Entlastung führen, wenn Organisationen ihre Arbeitsweisen nicht anpassen. Die gewonnene Zeit wird sonst schnell wieder durch neue Aufgaben aufgefüllt.

Der entscheidende Punkt ist also nicht, ob KI Arbeit reduziert, sondern wie Unternehmen die neu entstehenden Freiräume nutzen. Gut umgesetzt, kann KI dazu beitragen, Arbeit sinnvoller zu machen: weniger Routine, mehr Fokus auf das, was wirklich Wert schafft. Dafür braucht es allerdings mehr als nur Tools – nämlich klare Prozesse, realistische Erwartungen und Teams, die lernen, mit diesen neuen Möglichkeiten bewusst umzugehen. Genau hier entscheidet sich, ob aus Effizienz echte Verbesserung wird.

Ein bislang wenig beachteter Erfolgsfaktor liegt in der Frage, wie gut Unternehmen organisatorisch und kulturell auf den Einsatz von KI vorbereitet sind. Denn die Technologie allein entfaltet noch keinen Mehrwert. Entscheidend ist, ob Führungskräfte in der Lage sind, ihren Einsatz sinnvoll zu steuern. In vielen Fällen scheitert der Einsatz von KI nicht an der Technologie, sondern an fehlender Orientierung im Unternehmen: unklare Zuständigkeiten, mangelnde Priorisierung oder Unsicherheit im Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Dort hingegen, wo Führung aktiv begleitet, ausprobiert und Lernen ermöglicht, entwickelt KI ihr Potenzial deutlich schneller. Der Unterschied liegt damit weniger in der Technologie selbst als in der Fähigkeit von Organisationen, sie produktiv in den Arbeitsalltag zu integrieren.

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Zwischen Hype, AI-Washing und realen Chancen

Parallel dazu verschärft sich ein Problem, das die Debatte zunehmend verzerrt: AI-Washing. Gemeint ist die Tendenz, KI als Erklärung oder Rechtfertigung für Entscheidungen zu nutzen, die eigentlich andere Ursachen haben – etwa Kostendruck, schwache Nachfrage oder strategische Neuausrichtung. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten wird KI so zum bequemen Erklärungsmodell für Maßnahmen, die auch ohne technologische Veränderungen getroffen worden wären.

Ein typisches Beispiel für AI-Washing: Unternehmen führen einzelne Tools ein und bezeichnen sich anschließend als „AI-driven“, ohne dass sich Prozesse grundlegend verändern. Gleichzeitig werden Versprechen gemacht, KI könne große Teile von Teams ersetzen – obwohl die tatsächliche Nutzung weit dahinter zurückbleibt.

Überhastete Automatisierung kann nicht nur zu finanziellen Rückschlägen führen, sondern auch Vertrauen innerhalb der Organisation beschädigen. Erste Beispiele zeigen bereits, dass vermeintlich durch KI ersetzte Rollen wieder besetzt werden, wenn sich die erwarteten Effizienzgewinne durch die Technologie nicht einstellen.

Gleichzeitig zeigt sich: Unternehmen, die KI erfolgreich einsetzen, verfolgen einen anderen Ansatz. Sie reduzieren nicht primär Personal, sondern investieren gezielt in Fähigkeiten. Entscheidend ist dabei, die Hürden für den Einsatz von KI bewusst zu senken. KI entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn sie im Arbeitsalltag verfügbar ist und aktiv genutzt werden kann – nicht, wenn sie in Pilotprojekten isoliert oder durch komplexe Freigabeprozesse eingeschränkt wird. Genau hier entscheidet sich, ob KI zu kurzfristigen Einsparungen führt – oder zu einer nachhaltig produktiveren Arbeitsweise.

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