Interview mit Professor Daniel Rosenberg

Daten als Geschichte der Moderne

| Redakteur: Stephan Augsten

Die ältesten Artefakte des Schreibens sind Inventare, Quittungen und Steuerrollen.
Die ältesten Artefakte des Schreibens sind Inventare, Quittungen und Steuerrollen. (Bild: mzmatuszewski0 - Pixabay.com / CC0)

Schon seit Jahrtausenden erhebt, speichert und analysiert die Menschheit mehr oder weniger wertvolle Informationen. Über die Geschichte der Daten äußert sich Daniel Rosenberg, Professor für Geschichte an der University of Oregon, im Interview.

Daniel Rosenberg: „Wir können die Geschichte der Daten auf mindestens zwei Arten betrachten: als die Geschichte eines Problems und als die Geschichte einer Idee.“
Daniel Rosenberg: „Wir können die Geschichte der Daten auf mindestens zwei Arten betrachten: als die Geschichte eines Problems und als die Geschichte einer Idee.“ (Bild: Annette Hornischer / American Academy)

Daniel Rosenberg ist Professor für Geschichte an der University of Oregon. Seine Forschung berührt Geschichte, Erkenntnistheorie, Sprache und visuelle Kultur. Rosenberg war Stipendiat der National Endowment for the Humanities, des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, des Stanford Humanities Center und der American Academy in Berlin. In diesem Interview spricht er über die Geschichte der Daten, die Auswirkungen des Internets und sein neues Projekt TimeOnline, das sich der Digitalisierung von Infografik Artefakten widmet.

Professor Rosenberg, als Historiker betrachten Sie Daten aus einer ganz anderen Perspektive als ein Informatiker. Was macht für Sie den Reiz aus?

Daniel Rosenberg: Wir können die Geschichte der Daten auf mindestens zwei Arten betrachten: als die Geschichte eines Problems und als die Geschichte einer Idee. Offensichtlich sind diese beiden Dinge miteinander verbunden. Aber sie sind nicht identisch.

Ihre wechselhafte Beziehung steht im Mittelpunkt meiner Forschung. In der Geschichte beschäftigen sich Menschen oft mit intellektuellen, kulturellen und wissenschaftlichen Problemen. Und dann werden aus verschiedenen Gründen neue Begriffe für den Umgang mit diesen Problemen formuliert.

In vielen Fällen spiegelt der Akt der Namensgebung die Entstehung einer neuen Herangehensweise an das Problem wider. In einigen Fällen ist die Nennung selbst ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung eines neuen Ansatzes. Man denke zum Beispiel an das Wort Gesellschaft, das im 18. Jahrhundert neu war. Es beeinflusste das philosophische und politische Denken über Formen der menschlichen Organisation und wird sichtbar im großen Interesse der Aufklärungsphilosophen an diesem Phänomen.

So auch bei den Daten. Die Geschichte des Umgangs mit Daten ist sehr alt. Die Geschichte der systematischen Produktion, Aggregation, Quantifizierung, Klassifizierung, Manipulation, Speicherung, Verwaltung, Kommunikation von Informationen reicht bis nach Babylon und noch weiter zurück. Tatsächlich sind die ältesten Artefakte des Schreibens keine Geschichten von Göttern oder Helden; sie sind Inventare, Quittungen und Steuerrollen – genau die Art von Aufzeichnungen, die wir heute unreflektiert als Daten bezeichnen.

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Was also können Informatiker aus der Geschichte der Daten lernen?

Daniel Rosenberg: Vieles, was wir als modern betrachten, ist eigentlich außerordentlich alt. Nicht nur ein bisschen alt, sondern so alt wie das Schreiben. Für Informatiker, die das Rad – oder den Algorithmus – nicht neu erfinden wollen, gibt es ein oder zwei Dinge, die man aus dieser Geschichte lernen kann.

Vor dem elektronischen Rechnen und den anderen heute allgegenwärtigen mechanischen Hilfsmitteln der Datenverarbeitung waren Brute-Force-Methoden für Rechen- und Informationsprobleme meist unzugänglich. Was zählte, war Eleganz. Das ist eine Dimension, die für Informatiker interessant sein könnte.

Eine zweite Dimension betrifft die Sprache beziehungsweise das Konzept der Daten selbst. Vor der Neuzeit sprach man, als man darüber redete, was wir heute Daten nennen, je nach Kontext von Zahlen, Aufzählungen, Aufzeichnungen, Beobachtungen, Fakten. Der Begriff Daten wurde nicht verwendet.

Im Gegensatz zu der sehr langen Geschichte des Umgangs mit Daten ist die Geschichte des Konzepts der Daten nur etwa drei- bis vierhundert Jahre lang. Ich glaube, dass Informatiker die Bedeutung oder Macht der Daten intuitiv erfassen. Dieser nominalistische Ansatz hilft uns, klarer zu sehen, dass Daten nicht eine Art von Objekt benennen, sondern eine Perspektive.

Wie hat sich die Art der Daten seit dem Aufkommen des Internets, der zunehmenden Verfügbarkeit von Rechenleistung und der semantischen Interpretierbarkeit von Informationen verändert? Evolution oder Revolution?

Daniel Rosenberg: „Eine anhaltende Herausforderung für uns in den kommenden Jahren besteht darin, eine angemessene Skepsis aufrechtzuerhalten, wenn das nächste großes ‚Ding‘ angekündigt wird.“
Daniel Rosenberg: „Eine anhaltende Herausforderung für uns in den kommenden Jahren besteht darin, eine angemessene Skepsis aufrechtzuerhalten, wenn das nächste großes ‚Ding‘ angekündigt wird.“ (Bild: Annette Hornischer / American Academy)

Daniel Rosenberg: Ich bin skeptisch, was die Vorstellung betrifft, dass es so etwas wie eine Natur der Daten gibt. Daten sind eine rhetorische Kategorie. Interessanterweise war der rhetorische Charakter der Daten von Anfang an ein wichtiger Aspekt des Konzepts. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen – dafür müssen Sie meinen Vortrag auf der „Semantics“ in Wien besuchen – möchte ich darauf hinweisen, dass der Begriff Daten von Anfang an verwendet wurde, um zwischen „Dingen“ und „Darstellungen“ zu unterscheiden.

Etymologisch bedeutet Daten einfach „geben“. Das ist die Bedeutung des Begriffs im Lateinischen. Im Lateinischen können sich Daten auf alles beziehen, was gegeben ist. Aus historischer Sicht ist das, was dann passiert, eine faszinierende Wendung: Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts nutzten zunehmend das Konzept der Daten, um über Messungen, Beobachtungen und dergleichen zu sprechen. Damit nahmen sie sich die Erlaubnis, direkt zur Analyse überzugehen.

Was aber ist mit der Wahrhaftigkeit der Informationen? Es gibt hier eine starke und lehrreiche Ironie: Während der Begriff Daten in der Mathematik und vor allem auch in der Theologie verwendet wurde, um ein konzeptuelles Territorium abseits der Welt der „Dinge“ abzugrenzen, kommt die breite kulturelle Bedeutung des Begriffs von seiner Verwendung in empirischen Bestrebungen – von einer Verwendung also, bei der die Frage der Beobachtungswahrheit und der Referenz wirklich eine Rolle spielt.

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Daniel Rosenberg: Und doch ist eine der wichtigsten Implikationen des Datenkonzepts, genau wie in der Mathematik, in der Empirie oder in der Statistik, die Produktion einer ganz neuen Art von Tatsache: eine Tatsache der „Darstellung“, die unabhängig von ihrer Wahrhaftigkeit ihre eigene Realität und Wirksamkeit hat. Der Twitter-Trend ist eine reale und starke soziale Tatsache, unabhängig davon, was er tatsächlich repräsentiert.

Um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen: Wie hat sich die Art der Daten seit der Entstehung des Internets verändert? Das ist etwas, worüber Informatiker wahrscheinlich mehr zu sagen haben als ich. Was ich lieber betonen möchte, ist das, was sich an dem Konzept der Daten seit dieser Zeit nicht geändert hat, und das ist fast alles.

Was sehen Sie als die spannendsten oder herausforderndsten Entwicklungen in den kommenden Jahren? Kann uns die Geschichte etwas über die Zukunft sagen?

Daniel Rosenberg: Die Geschichte sagt uns sehr wenig über die Zukunft, aber sie kann uns viel über die Gegenwart sagen. Zu den intellektuellen Merkmalen unserer Zeit – und das unterscheidet uns von unseren Vorgängern vor dem 17. und 18. Jahrhundert – gehört die Tendenz, die Geschichte als einen Prozess des Wandels und der Neuheit zu betrachten.

Mit anderen Worten, eine Schlüsselinnovation der modernen Welt ist der Begriff der Innovation selbst. Und an dieser Perspektive ist nichts auszusetzen: Das Neue ist immer interessant. Aber als Moderne übersehen wir oft die historische Kontinuität zugunsten des Wandels. Das ist nirgendwo offensichtlicher als in der Technik.

Also, anstatt zu spekulieren, was der Trend der Zukunft sein könnte, schlage ich vor, dass eine anhaltende Herausforderung für uns in den kommenden Jahren darin besteht, eine angemessene Skepsis aufrechtzuerhalten, wenn das nächste großes „Ding“ angekündigt wird. Die Theorie ist tot. Die Datenflut macht die wissenschaftliche Methode überflüssig.

Was können Sie uns über Ihr aktuelles Projekt ´Time Online´ sagen?

Daniel Rosenberg:Time Online ist ein digitales Experiment, das von unserem Team an der University of Oregon in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Designern mehrerer anderer Universitäten in den USA und Europa entwickelt wurde. In Time Online sichern wir Infografik-Artefakte – vorrangig aus dem 18. und 19. Jahrhundert – und bauen diese für das Web wieder auf.

Ein Resultat dieser Arbeit ist, einige wirklich interessante und schwer zu findende alte Grafiken online zu erleben. Wir erzählen ihre Geschichten, wir reproduzieren und verbessern das Druckerlebnis. Aber unser Hauptinteresse ist die Erforschung der algorithmischen Logik der Druckgrafik. Unsere Arbeitshypothese ist, dass diese Druckartefakte Interaktionsprotokolle implizieren, die genauso ausgeklügelt sind wie jene, die wir heute in digitalen Umgebungen antreffen.

In vielen Fällen machen es die Grenzen des Printmediums erforderlich, dass die Designer viel klüger sind als die digitalen Designer. Basierend auf unserer Forschung wird es viele interessante Erkenntnisse geben, die im digitalen Bereich angewendet werden können. Wir hoffen auch, mehr über die spezifische Dynamik und Kraft des Printmediums zu lernen.

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