Interview mit Andreas Blumauer, Semantic Web Company

„Das Internet hat sein Limit erreicht, weil es an Semantik mangelt“

| Autor / Redakteur: Dr. Susanne Ardisson / Nico Litzel

Andreas Blumauer, Mitbegründer und CEO der Semantic Web Company
Andreas Blumauer, Mitbegründer und CEO der Semantic Web Company (Bild: Semantic Web Company)

Die Semantic Web Company wurde 2004 in Wien gegründet und gehört zu den Vorreitern der semantisch gestützten Künstlichen Intelligenz (Semantische KI). BigData-Insider sprach mit Andreas Blumauer, Mitbegründer und CEO.

BigData-Insider: Die Bedeutung von Daten für den Geschäftserfolg ist unumstritten. Doch zwischen strategischen Erwartungen des Managements und tatsächlicher Projektumsetzung liegen häufig Welten. Welcher Teil des Daten-Lifecycle ist für Unternehmen derzeit die größte Herausforderung?

Blumauer: Wir beobachten häufig, dass Unternehmen keine ausreichende Daten- und Informationsstrategie haben, die auch das Thema Datenqualität und Governance umfasst. Viele Unternehmen vernachlässigen es schon zu Beginn der Datengenerierung, eine systematische Grundlage für die agile Datenweiterverarbeitung zu schaffen. Warum? Weil Daten in der Praxis nicht genügend als wertvolle Ressource betrachtet werden. Doch wenn es dann um Datenanalysen geht, wird plötzlich alles Mögliche erwartet. Datenanalysten sollen Wunder vollbringen. Sie sollen am Ende des Daten-Lifecycle Daten in einen Kontext bringen, sie mit Metadaten anreichern und den Daten Leben und Bedeutung einhauchen, wenn sie aus diversen Datenbanken für Big Data gezogen werden. Das kann in einigen Fällen funktionieren. Doch dieser Zugang zu Datenmanagement berücksichtigt nicht die steigende Komplexität und unterstützt somit auch nicht eine nachhaltige Datenlandschaft. Dabei kann man gerade diese als Wettbewerbsvorteil nutzen. Die Realität sieht anders aus. Wie sagte ein Semantics Keynote Speaker letztens?: „Wenn Sie Chaos automatisieren, erhalten sie automatisiertes Chaos.“

Wie können Unternehmen anfangen, Big Data und Künstliche Intelligenz zu implementieren?

Blumauer: Damit Künstliche Intelligenz in Unternehmen eine breite Akzeptanz findet, müssen zuerst die richtigen Prozesse identifiziert werden. Das können bestehende Prozesse sein, es können durch die Automatisierung aber auch gänzlich neue Prozesse entstehen. Die grundsätzliche Frage ist: Welche Prozesse können durch einen höheren Automatisierungsgrad einen spürbaren Mehrwert für Mitarbeiter und Kunden schaffen? Die Einführung datengestützter Arbeitsprozesse hängt stark von vorhandenen Fähigkeiten und Wissen im Unternehmen ab. Das ist nicht nur auf Technologie selbst beschränkt. Es bedarf einer Strategie, die unterschiedliche Aspekte umfasst. Darunter fallen z. B. auch HR-Fragen, wie Wissen rund um Automatisierung ausgebaut werden sollen. Es sind zukunftsträchtige Entscheidungen, ob ich Wissen intern selbst aufbaue, es dazu kaufe oder ganz auf Outsourcing setze. Wenn ich mich dem Thema künstliche Intelligenz schrittweise und iterativ annähere, dann habe ich die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung. Wir bei der Semantic Web Company haben deshalb das „Semantic Web Starter Kit“ entwickelt, wo wir mit Kunden in einem überschaubaren Zeitrahmen von 10 bis 20 Tagen erst einmal eine Strategie entwickeln und einen Prototypen bauen.

Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Data Science – das sind die Technologie-Trends unserer Zeit. Was kommt als nächstes?

Blumauer: In der näheren Zukunft sehe ich nichts, was über die genannten Trends hinausgeht. Diese Bereiche werden sich aber zunehmend besser ergänzen und ganzheitlicher entwickeln. Im Fokus steht der Daten-Lifecycle. Entscheidungsträger von Unternehmen werden ein Bewusstsein entwickeln müssen, dass datengetriebene Geschäftsmodelle nur dann erfolgreich umgesetzt werden können, wenn es ein professionelles Daten- und Informationsmanagement gibt. Das bedeutet, dass sich diese Fachdomäne als zentraler Prozess etablieren wird. Wer die Megatrends der Zukunft als lästige Nebentätigkeit erachtet, wird keine Chance haben, in Zukunft zu bestehen.

Wie hängt das semantische Web mit der Künstlichen Intelligenz zusammen?

Blumauer: Machine Learning und Künstliche Intelligenz werden oft synonym verwendet. Künstliche Intelligenz hat sich in zwei Bereiche ausdifferenziert. Man unterscheidet zwischen symbolischer und statistischer Künstlicher Intelligenz. Das semantische Web basiert auf dem ersten Ansatz, wohingegen die meisten Machine-Learning-Techniken wie Deep Learning auf dem statischen Ansatz beruhen. In den letzten Monaten beobachten wir eine interessante Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Ein dritter Ansatz ist im Entstehen, und zwar die semantische Künstliche Intelligenz. Kürzlich hat ein Forschungs-Team der Free University of Amsterdam ein Paper veröffentlicht, das zeigt, was semantische künstliche Intelligenz bewirken kann. Die Idee ist, dass nicht lose Datensätze, typischerweise CSV-Dateien, in die Algorithmen eingespeist werden, sondern miteinander verlinkte Datensätze, die auf einem hoch expressiven semantischen Datenmodell basieren.

Sie sind ein Pionier im Bereich semantische Technologien. Wieso haben Sie sich vor mittlerweile mehr als 15 Jahren entschieden, auf dieses Spezialgebiet zu setzen? Was treibt Sie heute an?

Blumauer: Es gibt ein Ziel, das mich seit dem ersten Tag antreibt: Nur wenn Daten und Informationen die Komplexität von Wissensdomänen wiedergeben, können wir sie dafür nutzen, bessere Entscheidungen zu treffen. In Zeiten von Fake News erkennen wir deutlich, warum Informationen miteinander verlinkt sein sollten. Wenn Informationen auf eine kuratierte Wissensbasis verweisen, dann ist das ein essenzieller Mehrwert für den Leser und eine bedeutsame Qualitätssicherung. Ein anderes Beispiel findet sich im Einzelhandel: Wenn die Supply Chain für den Konsumenten transparenter wird und ich weiß, wer wie zur Produktion beiträgt, dann entsteht ein neues Bewusstsein. Das Internet von heute hat sein Limit erreicht, weil es an Semantik mangelt. In vielen Fällen reicht es nicht mehr aus, dass wir schnell einen Informationsbrocken zu einem Suchbegriff serviert bekommen, vielmehr müssen wir uns von der Idee kontextualisierter Informationsaufbereitung leiten lassen.

Sie sind auch der Mitbegründer der Semantics-Konferenz. Dieses Jahr findet Sie zum 14. Mal in Wien statt. Wieso sollten CIOs vorbeischauen?

Blumauer: Jeder CIO sollte wissen, warum semantische Technologien wichtige Eckpfeiler einer Informationsarchitektur sind, die zukünftig auf künstlicher Intelligenz beruhen wird. Auf der Semantics erwarten wir Fachexperten aus der Industrie, aber auch Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Für CIOs ist das eine gute Möglichkeit, sich einen Überblick verschaffen. Es werden Themen wie Prozessoptimierungen, die nächste Generation der Customer Experience, Informationsmanagement und agile Datenintegration auf unterschiedlichen Flughöhen diskutiert.

Konferenz zu semantischen Systemen im September

Semantics 2018 angekündigt

Konferenz zu semantischen Systemen im September

29.05.18 - Bereits in 14. Auflage findet vom 10. bis 13. September die Konferenz Semantics 2018 in Wien statt. Dort dreht sich allen um den aktuellen Stand semantischer Systeme und Technologien. lesen

Wie entwickelt sich die Konferenz?

Blumauer: Es ist großartig zu sehen, wie sich die Konferenz entwickelt hat. 2005 war es eine überschaubare Anzahl an Besuchern, die sich für semantische Technologien interessiert hat. In der Zwischenzeit beschäftigen sich mehrere Tausend Menschen weltweit mit unterschiedlichen Aspekten von semantischen Technologien. Als sich circa 2010 das Thema Text Mining auch für semantische Technologien als wesentlich herausgestellt hat, haben wir Anschluss an die NLP Community gewonnen. Seit zwei Jahren wachsen nun auch die Themen Data Science und Machine Learning mit Semantic Web zusammen. All das wird in Summe die semantische Künstliche Intelligenz ergeben

Auf welche Referenten freuen Sie sich besonders?

Blumauer: Jeder Vortragende wird mit seinen Ideen und Praxiserfahrungen dazu beitragen, dass wir alle weiterlernen. Oftmals sind es die persönlichen Gespräche in den Pausen, bei denen sich Neues entwickelt, oder ein Poster von Wissenschaftlern, das anfangs unspektakulär wirkt, das dann aber den entscheidenden Impuls für die Zukunft gibt.

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