Business Intelligence per Selbstbedienung

Self-Service BI ist eine Frage der Organisation

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Nico Litzel

Die Visualisierungen mit Tableau Public sind einfach und anschaulich. Diese zwei Diagramme zeigen die Folgen des Lufthansa-Streiks 2014.
Die Visualisierungen mit Tableau Public sind einfach und anschaulich. Diese zwei Diagramme zeigen die Folgen des Lufthansa-Streiks 2014. (Bild: Tableau)

Facharbeiter erstellen täglich Datenauswertungen, die ihnen Einblicke in ihr Geschäft verschaffen sollen. Aber sie wollen für den Erhalt dieser Analysen nicht auf eine von der IT-Abteilung erstellte Anwendung warten müssen, sondern stellen sich mit geeigneten Werkzeugen ihre Analysen und Visualisierungen selbst zusammen. Diese Self-Service BI muss mehrere Bedingungen erfüllen, um produktiv und effizient zu sein.

Die Selbstbedienungs- oder Self-Service Business Intelligence geht nicht nur schneller und leichter als eine von der IT gelieferte Lösung, sondern verhindert auch Missverständnisse, wenn der Mitarbeiter seine Analysen weitergibt: Ein Bild ist eben (meist) eindeutig.

Andreas Becks, Manager Business Intelligence bei SAS
Andreas Becks, Manager Business Intelligence bei SAS (Bild: SAS)

„Mit Self-Service BI und Ad-hoc-Analysen können auch Missverständnisse zwischen Fachabteilung und IT vermieden werden, denn nicht selten passiert es, dass der IT-Experte eine Anfrage bearbeitet – und hinterher feststellt, dass sein Kollege etwas ganz anderes wollte“, gibt Andreas Becks, Manager Business Intelligence bei SAS DACH, zu bedenken. Eine wichtige Rolle spielt daher zum einen die Visualisierung von Analyseergebnissen. Die Grafiken sind viel leichter und schneller verständlich als Zahlen.

Zum anderen lassen sich die Ergebnisse, Datenmodelle und Templates in einem „Business Glossar“ ablegen, einer Bibliothek der Begriffe. Dort stehen sie allen anderen berechtigten Mitarbeitern zur Verfügung. Das steigert wiederum deren Produktivität, aber auch die Einheitlichkeit der in der Bibliothek abgelegten, vom Unternehmen definierten Messgrößen (KPIs), mit denen die Mitarbeiter umgehen.

Data Governance ist entscheidend

Mit Self-Service BI ist also auch Data Governance realisierbar. Wird aber Selbstbedienung ohne Governance umgesetzt, entsteht wohl Anarchie. „Daher ist Self-Service BI stets auch eine Frage der Organisation“, gibt der Unternehmensberater Wolfgang Martin zu bedenken.

Der Berater hat anhand von Forschungsergebnissen der beiden BI-Experten Claudia Imhoff und Colin White vier Zielsetzungen aufgestellt, die Self-Service BI verfolgen sollte:

  • 1. leichter Zugang zu Daten zur Berichtserstellung und Analyse,
  • 2. benutzerfreundliche BI- und Analyse-Werkzeuge,
  • 3. einfache und anpassbare Oberflächen der Werkzeuge und
  • 4. Data Warehouse-Technologien, die schnell bereitgestellt werden können wie etwa Appliances und Cloud-basierte Systeme.

Analysewerkzeuge

Die Umsetzung der Technologie, die das selbstständige Anlegen von Analysen, Reports und Dashboards ermöglicht, haben die Hersteller auf unterschiedliche Weise realisiert. Splunk nutzt Pivot-Tabellen, wie man sie aus Excel kennt. SAS hingegen liefert mit Visual Analytics eine gesonderte Anwendung, die sehr umfangreich in der Palette ihrer Funktionen für Visualisierung und Analyse ist.

„Während die meisten Self-Service-BI-Lösungen einen vorgegebenen Analysepfad haben und ausschließlich Informationen zu Geschehnissen in der Vergangenheit wiedergeben“, so Becks, „unterstützt SAS Visual Analytics Anwender dabei, den Grund für das Geschehene zu identifizieren sowie künftige Entwicklungen abzuschätzen – und das verschafft Unternehmen einen echten Wettbewerbsvorteil.“

Der Pionier der Datenvisualisierung Tableau Software ermöglicht, ebenso wie Qlik, die Analyse von Daten in direkter Verbindung mit einer Grafik – sie sind nahezu untrennbar miteinander verbunden. Visualisierung steht nicht mehr am Schluss einer Analyse, sondern am Anfang. Tableau bietet mehrere Versionen, davon eine (Tableau Online) in der Public Cloud.

Alexander Klaus, Director Marketing DACH bei Qlik
Alexander Klaus, Director Marketing DACH bei Qlik (Bild: Qlik)

Neue Einsichten gewinnen

Auch Qlik hat sich die zwanglose Erforschung und Entdeckung von Informationen auf die Fahnen geschrieben. „In QlikView wird das möglich über die Nutzung einer individuell für das Unternehmen, die Abteilung oder das Team erstellte BI-App“, erläutert Alexander Klaus, Director Marketing DACH bei Qlik. „In Echtzeit erhalten die Anwender Einblicke in die Daten, sie können die Analyse intuitiv erweitern oder verändern und so immer neue Einsichten gewinnen.“

Allerdings gibt es dabei etwas zu beachten: „Die App wird dabei meist nicht vom Anwender selbst erstellt, sondern optimalerweise von einer Person im Unternehmen, die der IT nahesteht und so Einblick in die Datenquellen hat, aber zugleich auch über das Fachwissen der jeweiligen Bereiche verfügt“, schränkt Klaus ein. Mehr Freiheit hat der Nutzer mit Qlik Sense: „Es ermöglicht dem Anwender, mit Drag-and-drop seine eigenen Datenquellen und Analysen zu bestimmen.“

Kombi-Lösungen

Während Tableau, Qlik und SAS eigenständige Lösungen für Analyse wie auch Visualisierung anbieten, stellt TIBCO Jaspersoft sein Werkzeug als integrierbares Modul visualize.js zur Verfügung: „Die Version Jaspersoft 6 erlaubt die schnelle Erstellung und Einbettung interaktiver Dashboards innerhalb von Webanwendungen, ohne dass dafür auf iFrames zurückgegriffen werden muss“, erläutert Mike Boyarski, Leiter des TIBCO-Produktmarketings. Mit TIBCO Spotfire stünde solch ein Analysewerkzeug bereit.

Beim deutschen Anbieter Exasol verhält es sich genau umgekehrt. Exasol bietet eine In-Memory-Datenbank an, verweist jedoch hinsichtlich Datenvisualisierung auf seine Partner, etwa Tableau. Dass alle solchen Tools heute auch in der Cloud bereitstehen – meist auf Amazon Web Services – ist mittlerweile selbstverständlich.

„Ein beispielhaftes Cloud-basiertes Szenario ist unser Kunde Wooga“, sagt Thomas Scholz, Head of Solution Engineering bei Exasol. „Die Berliner Spieleschmiede nutzt EXASolution zur permanenten Analyse anfallender Spieldatenmengen und zur Auswertung des Nutzerverhaltens.“ Die laufenden Erkenntnisse daraus seien gerade für kostenlose, mobile Games erfolgsentscheidend, um die Freude am Spielen und das Spielerlebnis hochzuhalten.

Freiheit vs. Einheitlichkeit

„BI-Entwickler sollten vordefinierte, nicht änderbare Performance-Metriken programmieren“, empfiehlt Wolfgang Martin. „BI-Manager sollten Start-Bibliotheken mit Berichtsmustern und Standard-Analyseroutinen schaffen, sodass die Self-Service BI-Nutzer nur noch auswählen und kombinieren müssen.“

Die beiden Faktoren Governance und Templates sollen zudem eine sichere und reibungslose Kollaboration zwischen den Mitgliedern einer Fachabteilung ermöglichen. Sie gehen mit vereinheitlichen Begriffen um und können zugleich gewiss sein, dass keine unbefugten Personen diese wichtigen Datengrundlagen manipulieren können. Drittens wissen sie, dass sie auf dieser Basis-Plattform, die häufig als Portal realisiert ist, auch neue KPIs, Begriffe und Modelle erarbeiten können.

„In SAS Visual Analytics (VA) können Berichte und Explorationen vordefiniert und mithilfe von Metadaten verteilt werden“, berichtet Andreas Becks von SAS. „Diese bilden dann die Basis für neue abgeleitete Berichte oder freie Auswertungen.“ Wichtig ist hierbei: Je freier der Analysezweck, desto mehr Freiheiten braucht auch der Anwender. Genau das unterstütze auch VA: „Auf Basis vorgegebener Metriken und KPIs lassen sich Analysen, Prognosen und Modelle erstellen.“ Reiche das zur Beantwortung einer Frage nicht aus, könnten Nutzer mit entsprechender Berechtigung abgeleitete Metriken erstellen. In Kürze will SAS Visual Analytics durch Visual Statistics ergänzen.

Transparenz geht vor

Ergänzt ein Unternehmen diese Vorgehensweise durch ein Business-Glossar, wird klar, welche Kennzahlen eigene und nicht „freigegebene“ Ableitungen sind. „Transparenz geht also in diesem Fall vor strikter Vereinheitlichung – und auch das ist ein wesentlicher Produktivitätsfaktor, wenn es um das Denken ,out of the box‘ und Entwickeln neuer Einsichten geht“, so Becks.

Olav Strand, Director Central Europe bei Splunk
Olav Strand, Director Central Europe bei Splunk (Bild: Splunk)

Splunk hingegen liefert schon Vieles fix und fertig mit: „Die KPIs können grafisch oder über die Splunk-Suchsprache erstellt werden und so exakt definiert werden“, sagt Olav Strand, Director Central Europe bei Splunk. „Splunk stellt zudem rund 600 kostenlose Applikationen zur Verfügung: Diese enthalten vorgefertigte KPIs und Dashboards für verschiedene Anwendungsfälle und für eine Vielzahl von Technologien.“

Freiheit versus Einheitlichkeit – an diesem Gegensatzpaar stört sich auch Alexander Klaus von Qlik: „Die Arbeit mit Templates, Skripts und Makros macht den Mitarbeitern das Leben unnötig schwer und steigert ihre Produktivität nicht wirklich.“ Er fragt, ob es es nicht viel mehr Sinn mache, mit intuitiver, einfacher Bedienbarkeit eine BI-Lösung ohne die Hürde zusätzlicher Templates einzusetzen. „Qlik setzt dabei auf einfache Drag-and-drop-Umsetzung und Guided Apps. Konkret heißt das: Ein Anwender surft in seinen Daten und schafft sich selbst einen Weg zu mehr Erkenntnissen.“ Wer wirklich Templates brauche, etwa bei branchenspezifischem Bedarf in CRM- oder Produktions-Cockpits, in denen die wichtigsten KPIs für jede Branche enthalten sind, der möge sich doch bitte an die Qlik-Partner wenden.

Offensichtlich wollen die Hersteller die Nutzer keinesfalls in ihrer Kreativität („thinking out of the box“) einschränken. Andererseits hat ein Unternehmen ein Interesse daran, dass einheitliche Begrifflichkeiten und Kenngrößen verwendet werden. Jeder Kunde muss das ideale Maß zwischen diesen Polen für sich selbst herausfinden.

Governance und Security

Da Self-Service BI dazu zwingt, dass die IT teilweise die Kontrolle über die Datenanalyseprozesse abgibt, fordert Wolfgang Martin bei Self-Service BI eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachabteilung und der IT. „Die Daten-Definitionen für die wichtigsten Performance-Metriken müssen kommuniziert werden, sodass Berichte und Analysen konsistent bleiben. IT- und Fachabteilungs-Manager sollten im Rahmen der Governance die Nutzung von Self-Service Software kontinuierlich aufzeichnen, um eventuelle Konflikte mit Compliance zu entdecken und zu korrigieren oder um Abfragen rechtzeitig zu stoppen, die das ganze BI-System lahm legen könnten.“

Freiheit ist also erlaubt, aber sie sollte nicht der Anarchie Vorschub leisten. Jeder Hersteller hat Governance anders umgesetzt, um Sicherheit und Compliance zu gewährleisten. „KPIs und Metriken sind in sogenannten Governed Libraries für Self-Service vorgegeben“, sagt Alexander Klaus von Qlik. Damit sei gleichzeitig eine zentrale Quelle für Content und Libraries sowie regelbasierte Sicherheit gegeben.

Keine dezentralen Datensilos

Bei Exasol ist man strikt: „Das zentrale Datensystem wird meist von der IT kontrolliert und betrieben“, berichtet Lösungsentwickler Thomas Scholz. Alle Fachabteilungen könnten ihre individuellen Analysen auf einem zentralen Datenbestand ausführen, sodass dezentrale Datensilos vermieden würden. Es gebe daher keine Inkonsistenzen.

Tableau scheint die Lösung mit den fortschrittlichsten Sicherheitsfunktionen zu sein: „Tableau setzt bei seinen Lösungen auf Sicherheit im Unternehmenslevel und Authentifizierungsmechanismen“, erläutert Henrik Jörgensen, Country Manager DACH bei Tableau. Die verfügbaren Optionen für Sicherheitsintegrationen von Tableau bestehen bislang im Support vom Active Directory und anderer Identity Management-Anbieter über SAML (Secure Assertion Markup Language).

„Mit dem Erscheinen von Version 8.3 ist die Unterstützung für Kerberos hinzugekommen. Sie ermöglicht Single-Sign-on-Funktionalität mittels starker Kryptografie für Nutzer von mehreren Diensten in einem Netzwerk.“ Tableau Server biete zudem ein integriertes Authentifizierungssystem. Solche Sicherheitsmechanismen benötigt jedes größere Unternehmen, das nur befugte Nutzer in sein Netzwerk lassen will.

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