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eHealth Digitalisierung in der Medizin – ohne Netzwerk-Überwachung ein Vabanquespiel

| Autor / Redakteur: Martin Klapdor* / Regina Willmeroth

Die digitale Anpassung von IT-Systemen erfordert eine Überwachung des Netzwerks und der Infrastruktur.

Digitale Anwendungen im Gesundheitssystem wie etwa telemedizinische Behandlungen, eine Video- oder Online-Sprechstunde erfordern eine verlässliche Datenübertragung und einen Zugriff auf Informationen in Echtzeit
Digitale Anwendungen im Gesundheitssystem wie etwa telemedizinische Behandlungen, eine Video- oder Online-Sprechstunde erfordern eine verlässliche Datenübertragung und einen Zugriff auf Informationen in Echtzeit
(© everythingpossible - stock.adobe.com)

Geht es um die Digitalisierung im Gesundheitswesen, versprechen sich Patienten vor allem eines: dass weniger Fehler (83 Prozent) passieren und dass die Diagnoseunterstützung (80 Prozent) sowie die interne Krankenhausorganisation (76 Prozent) besser werden, so eine Untersuchung von BearingPoint. Kliniken wiederum stehen bei der Digitalisierung vor der großen Herausforderung, bestehende IT-Systeme anzupassen und diese mit neuen Technologien wie Predictive-Analytics-, Cloud- und Big-Data-Anwendungen zu vernetzen. Kommt es bei einer solch heterogenen IT-Landschaft aber zu Systemausfällen, können sogar Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Organisationen im Gesundheitswesen wie Krankenhäuser, Krankenversicherungen, Medizintechnik und Pharmahersteller sollten daher ihre Netzwerkprozesse genau überwachen und potenzielle Störungen beheben, bevor sie Schaden anrichten.

Digitale Helfer werden in Deutschland nur selten eingesetzt

Digitale Patientenakten, Blutzuckermessung über Kontaktlinsen, Genom-Analysen, Telekonsile, Pflegeroboter: Die digitale Entwicklung in der Medizintechnik verspricht exaktere Diagnosen, individuellere Behandlungen und teilweise sinkende Betriebskosten. Dennoch hält der digitale Wandel nur langsam Einzug in die Medizin.

Laut Rochus Mummert verfügt erst jedes vierte Krankenhaus in Deutschland über eine Digitalstrategie. Immerhin nutzen deutsche Ärzte zunehmend elektronische Warnmeldungen oder Erinnerungen bei Patientengesprächen, etwa bei Unverträglichkeiten oder Kontraindikationen.

Auf der anderen Seite verschreiben sie aber seltener elektronische Rezepte und tauschen sich weniger häufig über elektronische Kanäle mit ihren Kollegen aus, zeigt eine Umfrage des Beratungsunternehmens Accenture.

Digitales Gesundheitswesen hinkt hierzulande hinterher

Woran liegt es also, dass das digitale Gesundheitswesen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern hinterherhinkt? Medizinische Einrichtungen erkennen den Mehrwert der Digitalisierung hierzulande durchaus, wie etwa eine bessere Patientenfreundlichkeit und Diagnosemöglichkeiten laut Branchenverband HIMSS. Doch auf der anderen Seite haben sie mit großen technischen Herausforderungen zu kämpfen.

Weil viele Behandlungsabläufe hoch komplex sind, müssen bei ihrer Digitalisierung Legacy- und moderne IT-Systeme, Workflows sowie virtualisierte Prozesse in der IT-Infrastruktur von medizinischen Einrichtungen entsprechend abgebildet und angepasst werden.

Doch ein Großteil der befragten Krankenhäuser gibt weniger als zwei Prozent seines Umsatzanteils für IT aus. Bei knapp der Hälfte (41 Prozent) sind es sogar weniger als ein Prozent laut der Roland Berger Krankenhausstudie. Damit liegt Deutschland im EU-Vergleich auf den hinteren Plätzen.

Datenaustausch steht bei der Digitalisierung im Fokus

Darüber hinaus steht bei der Digitalisierung der Datenaustausch mit anderen Einrichtungen, Dienstleistern und dem Patienten im Vordergrund. Denn telemedizinische Behandlungen wie Video- oder Online-Sprechstunde erfordern eine verlässliche Datenübertragung und einen Zugriff auf Informationen in Echtzeit. Bring-your-own-Device (BYOD)-Initiativen, sichere E-Mail-Systeme, Unified Communications und VoIP sind etwa bei Telekonsilen untrennbar miteinander verbunden. Und gerade wenn sensible Patientendaten oder große Datenmengen ausgetauscht werden, müssen auch Hard- und Software den Herausforderungen gewachsen sein.

Um also die gestiegenen technischen Anforderungen durch die Telemedizin an ihre IT bewältigen zu können, bauen Organisationen zunehmend neue Rechenzentren auf. Denn gerade medizinische Diagnoseverfahren und Analysen arbeiten mit Milliarden von Datensätzen. Entsprechend eigene Analyse-Kapazitäten vorzuhalten, wird daher immer schwieriger.

Weltweit werden laut Rock Health die Gesundheitsdaten bis 2020 um den Faktor 50 auf 25 Millionen Terabyte wachsen. Und je mehr medizinische Daten für eine Analyse verfügbar sind, desto genauer sind Diagnosen und desto höher die Behandlungsqualität. Der abteilungs- und organisationsübergreifende Austausch von Gesundheitsdaten ist daher laut 62 Prozent der Befragten der größte Trend in der Gesundheits-IT.

Keine Digitalisierung ohne Cloud

Die Anbindung von Cloud-Anwendungen und virtuellen Umgebungen an das eigene Netzwerk nimmt daher in medizinischen Einrichtungen zu. Denn Cloud Computing bietet die Flexibilität, ohne massiven Investitionsaufwand die eigenen Infrastrukturkapazitäten zu erhöhen. Jeder Fünfte, der auf der Branchenmesse conHIT Befragten, setzt bereits Cloud-Dienste ein. Auch sogenannte Health Clouds, die von einigen IT- und Software-Anbietern beworben werden, finden zunehmend Akzeptanz.

Dennoch gibt es eine Kehrseite der „Cloud“-Medaille: Denn je mehr Prozesse und Anwendungen in einer medizinischen Einrichtung von der Leistungsfähigkeit externer Infrastrukturen abhängen, desto schwieriger wird es, im Fall einer Unterbrechung die Ursache dafür zu finden. Denn die Störung oder gar der komplette Ausfall eines Systems kann sowohl beim externen Cloud-Anbieter liegen als auch in der medizinischen Einrichtung selbst.

Zwar versprechen Cloud-Provider gerne, dass sie ihre Cloud-Services einfach kontrollieren, verwalten und sichern können, eine vollständige Sichtbarkeit über das gesamte System bieten sie jedoch nicht. Kritisch wird dieses Szenario, wenn hier auch etwas überspitzt dargestellt, etwa bei einer OP, bei der der OP-Roboter mit Healthcare-Anwendungen in Echtzeit und dem Remote zugeschalteten Ärztekonsil kommunizieren und Anweisungen ausführen muss.

Cloud-Monitoring ist Pflicht, um Systemausfall zu verhindern

Um die eigenen sowie cloudbasierten Systeme im Blick zu behalten, hilft ein umfassendes Monitoring. Dieses analysiert und überwacht alle ablaufenden Prozesse und Systemkomponenten – interne wie externe. Neben einem passiven Monitoring, das Datenflüsse in externen Anwendungen nur überwacht, sollten zusätzlich aktive Verfügbarkeitstests durchgeführt werden. Steht ein System dennoch still, lassen sich über das Monitoring nicht nur genaue Fehleranalysen durchführen, sondern auch Verantwortlichkeiten feststellen. Sind zum Beispiel externe Cloud-Dienste schuld am Systemausfall? Falls ja, können medizinische Einrichtungen gegebenenfalls Ansprüche geltend machen.

Doch unabhängig davon, ob die medizinische Einrichtung nun auf Cloud Computing, hybride Infrastruktur oder rein auf On-Premise-Systeme setzt, ein umfassendes Monitoring-System der gesamten IT-Infrastruktur sollte Pflicht sein. Denn ein verlässliches Funktionieren des eigenen Netzwerks und somit der kontinuierliche Betrieb, gerade in einem Krankenhaus, sind sonst nur schwer sicherzustellen.

Ebenso ist es wichtig, die Abhängigkeiten aller IT-Anwendungen vom eigenen Netzwerk und untereinander zu kennen. Denn Fehler können eine Kettenreaktion auslösen und sich auf nächste Systemkomponenten auswirken. Im schlimmsten Fall kann der Patient darunter leiden, etwa bei Geräten im OP. Aus diesem Grund ist es essenziell, den Traffic im Netzwerk in Echtzeit zu beobachten. Nur so können Fehler und Probleme, die zu Beeinträchtigungen oder Ausfällen führen können, rechtzeitig erkannt werden.

Monitoring erkennt Anomalien in der IT

Außerdem lassen sich über ein Netzwerkmonitoring Anomalien, die den Geschäftsbetrieb beeinträchtigen können, identifizieren und isolieren – und so gegebenenfalls auch Cyber-Angriffe entdecken. 64 Prozent der deutschen Krankenhäuser wurden laut einer Krankenhausstudie Roland Bergers schon einmal Opfer eines Hackerangriffs. Und je mehr Traffic durch die Übertragung und Verarbeitung hoher Datenmengen entsteht und je mehr Anwendungen an ein Netzwerk angebunden sind, desto schwieriger wird es auch, potenzielle Störquellen im Netzwerk zu lokalisieren und zu beheben.

Der Autor: Martin Klapdor
Der Autor: Martin Klapdor
(Foto Schwarz- Petra Vallentin)

Service Assurance ist A und O für Telemedizin

Das Gesundheitswesen sollte einen störungsfreien IT-Betrieb (Service Assurance) als kritisches und zentrales Zukunftsthema betrachten, denn in keiner Branche hat die Digitalisierung so unmittelbare Auswirkungen auf den Menschen wie hier. Das übergeordnete Ziel muss eine schnellere und bessere Patientenversorgung sein. Jeder dritte Mediziner geht sogar davon aus, dass die Digitalisierung die Lebenserwartung der Menschen verlängert. Organisationen im Gesundheitswesen müssen daher einen Weg finden, Fehler und Störungen in ihren IT-Systemen schnell zu finden und zu beheben, bevor sie zu Systemausfällen führen.

* Der Autor: Martin Klapdor ist Senior Solutions Architect bei Netscout Systems.

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