Soll ein Unternehmen seine Preise erhöhen, ein Geschäftsfeld aufgeben oder einen neuen Standort eröffnen? Für solche Fragen gibt es selten eindeutige Antworten. Dennoch liegt heute nach wenigen Sekunden oft eine vor: ChatGPT liefert Argumente, eine Übersicht der Risiken und gleich eine Empfehlung. Das ist praktisch. Ungewöhnlich ist nur, wie schnell aus einer Entscheidungshilfe eine Entscheidungsvorlage wird, der kaum jemand widerspricht.
Der Autor: Jonas Paul Klatt ist Gründer von OnRep Consulting
(Bild: Jonas Paul Klatt)
Dabei ist die größte Schwäche einer solchen Antwort nicht unbedingt ein Fehler. Sie kann völlig vernünftig klingen und trotzdem das übersehen, worauf es im konkreten Betrieb ankommt. Ein Großkunde, der nur noch zögerlich bestellt. Eine Mitarbeiterin, die einen neuen Bedarf bemerkt, lange bevor er in einem Bericht auftaucht. Oder die Erfahrung, dass ein Vorhaben schon einmal an ganz anderen Dingen gescheitert ist als an den Zahlen. Was der KI nicht mitgeteilt wird, kann sie meist nicht berücksichtigen. Wie viel ihr fehlt, verrät der flüssige Text nicht.
Die Gefahr liegt im Durchschnitt
Wer eine KI nach einer Wachstumsstrategie fragt, bekommt häufig Vorschläge, gegen die wenig einzuwenden ist: Kunden genauer ansprechen, Angebote schärfen, Abläufe verbessern. Das mag für eine erste Orientierung genügen. Für einen Wettbewerbsvorsprung ist es dünn. Denn ausgerechnet die Entscheidungen, die ein Unternehmen unverwechselbar machen, sind häufig keine naheliegenden.
Viele mittelständische Betriebe sind groß geworden, weil ihre Gründer in einem unscheinbaren Kundenwunsch eine Chance sahen oder gegen den Rat anderer ein Risiko eingingen. Natürlich kann solch ein Bauchgefühl täuschen. Es lässt sich aber auch nicht durch eine Liste bewährter Maßnahmen ersetzen. Wer seine eigene Marktkenntnis nicht einbringt, erhält oft eine Empfehlung, die für viele andere Firmen ebenso gut passen könnte.
Daraus entsteht ein zweites Problem. Fragen zahlreiche Wettbewerber ähnliche KI-Systeme nach der nächsten Marketingidee, nach einer Positionierung oder einer Investition, können sich ihre Lösungswege annähern. Die Antworten sind nicht identisch. Aber wer immer wieder auf die wahrscheinlichsten und vertrautesten Vorschläge setzt, sorgt selbst dafür, dass sich Unternehmen weniger unterscheiden. Was als Vorsprung verkauft wird, könnte am Ende Gleichstand erzeugen.
Wenn die erste Antwort den Rahmen setzt
Besonders heikel ist, was nach der Ausgabe auf dem Bildschirm geschieht. Ein Geschäftsführer, der seit 30 Jahren Entscheidungen verantwortet, fragt zunächst nur nach einer zweiten Meinung. Mit der Zeit wird die KI bei jeder größeren Frage konsultiert. Irgendwann lautet die Diskussion nicht mehr: „Welche Möglichkeiten haben wir?“, sondern: „Was spricht gegen den Vorschlag von ChatGPT?“ Das klingt ähnlich, ist es aber nicht. Im zweiten Fall hat die Maschine die Auswahl bereits eingegrenzt.
Eine Untersuchung von Microsoft Research und der Carnegie Mellon University aus dem Jahr 2025 liefert dazu einen Hinweis. In einer Befragung von 319 Berufstätigen zu 936 KI-gestützten Arbeitssituationen ging größeres Vertrauen in die KI mit weniger berichteter kritischer Prüfung einher. Daraus folgt nicht, dass KI Menschen automatisch das Denken abgewöhnt. Der Befund zeigt aber, warum Vertrauen allein kein Qualitätsmaßstab sein darf.
Gerade in der Unternehmensführung kann die scheinbar vollständige Antwort einen falschen Eindruck von Sicherheit schaffen. Ein Sprachmodell formuliert auch dann flüssig, wenn wichtige Angaben fehlen. Es prüft nicht von selbst, ob die Margen aktuell sind, ob interne Zahlen vergleichbar erhoben wurden oder ob ein entscheidender Kunde inzwischen andere Pläne hat. Je größer die Folgen einer Entscheidung, desto wichtiger wird deshalb die Frage, auf welchen Informationen der Vorschlag tatsächlich beruht.
Erst urteilen, dann widersprechen lassen
Das ist kein Plädoyer gegen KI. Im Gegenteil: Wer sie klug nutzt, gewinnt einen geduldigen Kritiker. Ein Geschäftsführer kann zuerst seine eigene Einschätzung festhalten und sie anschließend prüfen lassen: Wo ist die Rechnung zu optimistisch? Welche Information fehlt? Was würde einen erfahrenen Wettbewerber an diesem Plan stören? Solche Fragen bringen mehr als die Bitte um die „beste Strategie“.
Allerdings gehört auch die Antwort auf diese Fragen auf den Prüfstand. Wichtige Zahlen müssen nachvollziehbar sein, Annahmen mit der Realität abgeglichen werden. Und Menschen, die Kunden, Mitarbeiter und Betrieb kennen, müssen widersprechen dürfen, selbst wenn der Vorschlag aus der KI überzeugend klingt. Die Maschine ist dabei ein Werkzeug für die Diskussion, nicht deren Schiedsrichter.
Stand: 08.12.2025
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Ob Unternehmen durch KI erfolgreicher werden, entscheidet sich deshalb nicht allein an eingesparten Stunden oder schnelleren Analysen. Wenn alle dieselben Werkzeuge nutzen, ist der Zugriff darauf noch kein Alleinstellungsmerkmal. Wertvoll bleibt die Fähigkeit, eine scheinbar schlüssige Empfehlung zurückzuweisen, weil die Wirklichkeit des eigenen Unternehmens etwas anderes erzählt.
Fazit
Ein Unternehmer muss nicht jede Antwort selbst finden. Aber er sollte merken, wenn er aufgehört hat, eigene Fragen zu stellen.