Finanzwert von Daten

Wie man Daten in Geld bewertet

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Unternehmen, die reine Informationen verkaufen, werden an der Börse höher bewertet als Unternehmen, die Waren oder andere Dienstleistungen anbieten.
Unternehmen, die reine Informationen verkaufen, werden an der Börse höher bewertet als Unternehmen, die Waren oder andere Dienstleistungen anbieten. (Bild: Gartner)

Gartner bezeichnet Daten als die „am wenigsten genutzte Ressource in Unternehmen“. Kaum ein Unternehmen kennt den materiellen Wert seiner Datenfriedhöfe. Das soll sich nach Meinung des Marktforschungsinstitutes ändern. Deshalb hat es sich jetzt ausgedacht, wie man den Finanzwert von Daten berechnen könnte.

„Infonomics“ ist die Bezeichnung, die sich das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Gartner für die heraufdämmernde Infowirtschaft ausgedacht hat. In dem Begriff, der auf dem Münchner Gartner-Gipfel zu BI und Analytics eine große Rolle spielte, stecken Information und Ökonomie. Die Basis dafür ist, dass man Informationen einen Geldwert zuweist. Aber wie?

Gartner-Analystin Debra Logan präsentierte in einer Sitzung auf der Veranstaltung diverse Methoden – ob nun für die interne Berechnung des Unternehmenswertes oder um den Sinn von Big-Data-Projekten zu kalkulieren. Sechs Formeln lieferte Logan, die jede einen anderen Aspekt der Inwertsetzung von Datenbeständen erfassen und unter entsprechenden Umständen eingesetzt werden können – alle gemeinsam oder auch nur einige von ihnen.

1. Marktpreis der Information

Der Discountfaktor ist ein Maß für die steigende Sättigung des Marktes, je mehr Kunden (p) die Ware bereits erworben haben. Dadurch sinken oft die Preise. Insgesamt wird hier berechnet, wie viel Einkommen sich auf dem Markt erzielen ließe, wenn man vorhandene Informationen an Kunden verleiht oder verkauft oder gegen einen Gegenwert eintauscht – abhängig davon, wie viele Interessenten am Markt bereit wären für die entsprechenden Informationen zu zahlen.

Ein weiterer Discountfaktor könnte, so Gartner, einkalkulieren, wie schnell der Wert „verderblicher“ Informationen sinkt. Nicht vergessen werden sollten die Gestehungs- und Lieferkosten für die Informationen. Sie umfassen die Verkaufsaktivitäten, das Paketieren, Liefern, Abrechnen etc.

2. Intrinsischer Datenwert (IVI)

Man verwendet ihn, um zunächst zu ermitteln, wie einfach nutzbar, vollständig, genau oder selten bestimmte Datenbestände oder auch einzelne Datensätze sind. Gartner schlägt vor, entsprechende Bewertungen eventuell für beides durchzuführen. Außerdem regt Gartner an, möglicherweise die Faktoren individuell zu gewichten, also beispielsweise Vollständigkeit oder Genauigkeit höher zu bewerten als die Zugänglichkeit.

Maßgeblich für die Evaluation ist der Vergleich mit Unternehmens-Outsidern, die diese Daten nicht im Zugriff haben. Ein Beispiel: Die Konstruktionszeichnungen einer Firma sind in der Regel sehr genau, vollständig und meist auch sonst nirgends vorhanden. Allerdings wird ihre Zugänglichkeit auf diejenigen beschränkt sein, die diese Ingenieurdaten auch brauchen.

3. Ökonomischer Informationswert

In der Formel steht R (i) für den Umsatz mit der Information, R (c) für den Umsatz ohne die Information, T für die Lebensdauer der Informationsressource, t für den Testzeitraum. Die Formel beantwortet die Frage: Wie viel mehr Umsatz kommt bei Vorhandensein der Information tatsächlich zustande und wie verhält sich dieser Wert zu den Kosten des Erwerbs, der Pflege und der Nutzung dieser Informationen?

Zu berücksichtigen sind laut Gartner, dass die Kosten von Datenerwerb, -verwaltung und -nutzung eventuell auf mehrere Informationsressourcen verteilt werden müssen, beispielsweise weil alle Daten gemeinsam eingekauft wurden oder gemeinsam gespeichert werden. Eine einfachere Berechnung lässt die Kostenfaktoren weg und arbeitet nur mit dem ersten Teil der Formel. Gartner empfiehlt, bei der Berechnung zukünftiger Zeitperioden einen Diskontierungsfaktor zu nutzen.

4. Geschäftswert der Informationen (BVI)

Hier geht es darum, in welchem Umfang sich die bewerteten Daten für die eigenen Geschäftsprozesse nutzen lassen. Dabei spielen auch der Wertverlust der Daten im Zeitablauf und die Auffrischungsrate eine Rolle. Für die vorbeugende Wartung von hochbelasteten Aggregaten sind beispielsweise Echtzeitdaten, die gewissermaßen permanent erneuert werden, wichtig, während Daten, die bereits zwei Jahre alt sind, für diesen Zweck kaum noch nützen.

Laut Gartner kann man weitere Faktoren in die Formel integrieren und sie wie beim IVI gewichten. Wichtig sei die Berücksichtigung der in aller Regel auftretenden Verzögerungen auszugehen und Rechtzeitigkeit individuell für jeden Geschäftsprozess zu definieren.

5. Performance-Wert der Information (PVI)

Dabei steht t für den Zeitabschnitt, i für die verfügbare Information und c für die nicht verfügbare Information. Der Performance-Wert der Information (PVI, Performance Value of Information), so betont Gartner, ist ein Vergleichswert, man braucht hierfür also einen Referenzwert des KPI, an dem die Ergebnisse der Berechnungen gemessen werden. Das Ergebnis zeigt, inwieweit das Vorhandensein einer bestimmten Information zu einem bestimmten Zeitpunkt dazu beiträgt, einen bestimmten KPI zu erreichen. Dies lässt sich für unterschiedliche KPIs durchführen und für unterschiedliche Datenquellen. Gibt es keine Referenzwerte, schlägt Gartner Schätzungen als Alternative vor. So könnte man zum Beispiel berechnen, um wie viel das Vorhandensein feingranularer soziografischer Informationen zu einer Region den Absatz von Immobilien dort steigert.

6. Kostenwert der Informationen

Hier wird gemessen, wie viel ein Unternehmen aufbringen müsste, um sich entsprechende Daten auf dem Markt zu beschaffen, falls sie nicht vorhanden oder zerstört wären. Dazu kommt der durch das Fehlen der Daten entgangene Umsatz in der betreffenden Periode. Derartige Berechnungen stellen zum Beispiel Firmen und Sicherheitsunternehmen an, wenn Investitionen in Security-, DR- oder Backupprodukte gerechtfertigt werden müssen.

Laut Gartner sollte man bei der Kalkulation zusätzlich die Kosten von Systemausfällen und die der Arbeit berücksichtigen, die bei der Wiederherstellung der Daten zu leisten ist. Das Gleiche gilt für Ausgaben für Aktivitäten, mit denen im Lauf der Zeit die verlorenen Umsätze kompensiert werden sollen – also beispielsweise eine zusätzliche, vorher nicht geplante Werbeaktion.

Die Formeln bergen Zündstoff – über viele der Variablen dürfte es in den meisten Firmen mehr als eine Meinung geben. Allerdings erzwingt eine derartige Herangehensweise auf jeden Fall, sich (wahrscheinlich oft zum ersten Mal) mit der realistischen Bewertung von Informationsressourcen auseinanderzusetzen. Dies tun nämlich derzeit laut Debra Logan (Gartner) nur rund zehn Prozent der Unternehmen. Freilich könnte das auch daran liegen, dass das, was eher zu niedrig bewertet wird, sich vorteilhaft auf steuerliche Berechnungen auswirkt.

Doch eine „Infonomics“, die einerseits den Geldwert von Daten aus Opportunismus klein rechnet, andererseits aber versucht, maximalen Gewinn aus diesen Ressourcen zu schlagen, dürfte auf Dauer zu Glaubwürdigkeitsproblemen der so handelnden Unternehmen führen. Die Auswirkungen von fehlender Glaubwürdigkeit lassen sich derzeit sehr deutlich am Automobilhersteller VW beobachten.

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