Kommentar von Ruben Miessen, CEO von Legalfly KI-Schund in der Rechtsarbeit: Die Messlatte muss höher

Ein Gastkommentar von Ruben Miessen 3 min Lesedauer

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Europas Start-ups reiten auf einer Welle der Innovation und entwickeln zahlreiche Anwendungen für generative und agentische Künstliche intelligenz (KI). Diese Innovation hat die Grenzen des Möglichen ausgelotet, aber sie hat die Welt auch mit Schund überschwemmt.

Ruben Miessen, CEO von Legalfly: KI im Rechtsbereich spare erst dann Zeit, wenn sie wisse, wann sie etwas stehen lassen müsse.(Bild:  Legalfly)
Ruben Miessen, CEO von Legalfly: KI im Rechtsbereich spare erst dann Zeit, wenn sie wisse, wann sie etwas stehen lassen müsse.
(Bild: Legalfly)

KI sollte die Arbeit eigentlich erleichtern, doch nun kämpfen viele mit dem, was Jamie Bartlett, Autor und BBC-Journalist, als „the burden of AI clog“, also „die Last des KI-Schunds“ beschreibt. Dieses Chaos zu beseitigen, bedeutet, dass KI keine Zeit spart, sondern tatsächlich mehr Arbeit verursacht.

Der Schund erstreckt sich auch auf den juristischen Bereich, wo Vertragsverhandlungen und andere juristische Arbeiten nun aufgrund von KI nun einen langwierigen Überprüfungsprozess erfordern. Selbst die Gremien, die eigentlich Gesetze entwerfen sollen, versinken in diesem Schlamassel. In den USA beispielsweise ist das Office of the Legislative Counsel Berichten zufolge überfordert mit den fehlerbehafteten Entwürfen, die KI generiert hat.

KI an sich ist nicht das Problem

Fortschritte im Bereich LegalTech in Europa und darüber hinaus bedeuten, dass es viele Tools gibt, die bei der juristischen Arbeit helfen. Deren Output ist jedoch von unterschiedlicher Qualität. Einige Anwaltskanzleien verfügen immer noch nicht über klare Richtlinien für den Einsatz von KI durch ihre Mitarbeiter. Dies bedeutet, dass sich manche Teams bei der Ausarbeitung und Überprüfung von Texten auf allgemeine LLMs wie ChatGPT oder Claude verlassen.

Da Verträge im Laufe von Verhandlungen geändert werden, wird ein Großteil des Dokuments durchgestrichen und mit unzähligen roten Markierungen zurückgeschickt. KI-Editoren löschen und ersetzen große Teile des Inhalts, wobei für diese Änderungen meist der Einblick und die Relevanz fehlen.

Das ist kaum die richtige Art, Verhandlungen zu führen, und das verbale Vorpreschen dieser Tools dürfte die Gegenpartei verärgern. Urteilsvermögen und Diskretion bleiben dabei auf der Strecke. Viele Tools kennen den Unterschied nicht zwischen der dogmatischen Anwendung des Wortlauts des Gesetzes und dem Zurückstecken, um Verhandlungen voranzubringen.

Unnötige Korrekturen lassen sich unterbinden

Dies ist jedoch ein Problem, das Europas Start-ups lösen können. Es gibt Möglichkeiten, sicherzustellen, dass juristische Arbeit nicht im Chaos versinkt, und zu verhindern, dass die Überarbeitungen zu einem endlosen Hin und Her zwischen KI-Agenten werden. Der Fokus muss stattdessen auf einer umsichtigen Bearbeitung liegen, bei der das Tool weiß, wann es etwas stehenlassen muss. Die Änderungen sollten minimal sein und sich an einem klar definierten Leitfaden orientieren.

Ein solches Leitliniendokument legt die Position, die Richtlinien und die Vorgehensweise einer Kanzlei fest und definiert Parameter dafür, was akzeptabel ist und was nicht. Das Tool scannt nach Compliance-Problemen und Konflikten und hebt Abweichungen hervor. Anschließend kann es Änderungsvorschläge unterbreiten, die mit diesem klar definierten Leitliniendokument im Einklang stehen und das bestmögliche Ergebnis für das Unternehmen oder die Kanzlei bieten. Dieser Ansatz trägt eher dazu bei, die Kluft zwischen den Parteien zu überbrücken und schneller zu einem Konsens zu gelangen, ohne dass menschliches Eingreifen erforderlich ist.

KI sollte eine Hilfe sein, keine Belastung

Bei richtiger Anwendung kann juristische KI ein Segen für Unternehmen sein und bedeutet, dass sich mehr Arbeit intern erledigen lässt, bevor externe Rechtsberater hinzugezogen werden. Solche Tools können als Mediationsportale dienen, um Meinungsverschiedenheiten zunächst hervorzuheben und zu bewerten, anstatt Texte gnadenlos mit roten Markierungen zu versehen.

Das übermäßige Markieren muss aufhören, ebenso wie die schlampige Arbeit der KI und die dadurch verursachte Überlastung. Derzeit nehmen die Nutzer dies noch hin, beschweren sich jedoch über den zusätzlichen Arbeitsaufwand, den KI verursacht. Bald jedoch wird die Toleranz gegenüber dieser schlampigen Arbeit ein Ende finden.

Es ist davon auszugehen, dass die Messlatte dafür, wie KI-gestützte Arbeit aussehen sollte, höher gelegt wird. Die Erwartungen werden sich verschieben, und die Nutzer werden bald KI-Tools fordern, die präzise, relevant und aufschlussreich redigieren.

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