Kommentar von Dr. Kim Nilsson, Pivigo

KI – Chancen und Herausforderungen für den Arbeitsmarkt von morgen

| Autor / Redakteur: Dr. Kim Nilsson / Nico Litzel

Die Autorin: Dr. Kim Nilsson ist CEO und Gründerin des Data Science Hubs Pivigo
Die Autorin: Dr. Kim Nilsson ist CEO und Gründerin des Data Science Hubs Pivigo (Bild: Teri Pengilley 2019)

Kaum eine Technologie steht aktuell so im Fokus der Öffentlichkeit wie Künstliche Intelligenz (KI). Politik, Wirtschaft und Forschung diskutieren derzeit Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken, die die Technologie der Zukunft mit sich bringt.

KI kann und wird ganze Unternehmensbereiche und Branchen in Zukunft verändern. Eine dabei immer häufig auftretende Debatte entwickelt sich rund um die Frage nach den Auswirkungen, die der Einsatz von KI auf den Arbeitsmarkt haben wird. Was hat es mit den Behauptungen auf sich, wonach KI ganze Industrien überflüssig und menschliche Arbeit ersetzen wird?

Um das zu beantworten, muss man sich zuerst einmal den deutschen Markt ansehen. Dieser ist momentan sehr heterogen. Es gibt auf der einen Seite viele Unternehmen, die bereits seit Jahren Expertise im Bereich KI aufgebaut haben und aktiv mit der Technologie arbeiten. Andere wiederum stehen ganz am Anfang, entwickeln erste Strategien und beginnen erst, sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Es gibt aber auch Firmen, die sich bisher noch gar nicht mit dem Thema KI beschäftigt haben. Hier kommen häufig Beratungshäuser zum Einsatz, die versuchen, gemeinsam mit den Unternehmen entsprechende KI-Strategien zu entwickeln.

Die Unternehmen, unabhängig davon in welchem Status sie sich im KI-Prozess derzeit befinden, haben eines gemeinsam: Es gibt nicht genügend Data Scientists, die den Unternehmen den Nutzen und die Möglichkeiten, die KI bietet, näherbringen und gemeinsam mit ihnen zukunftsfähige Strategien entwerfen. Unternehmen wären in der Lage, allein KI-Projekte durchzuführen, wenn es in Deutschland genügend Fachkräfte in den Bereichen Data, KI und Analytics gäbe.

Recruiting-Reisen nach China?

Manche Organisationen gehen sogar soweit und versuchen beispielsweise durch gezielte Recruiting-Reisen nach China ihren Bedarf an Datenexperten zu decken. Die Anzahl deutscher Hochschulen, die Studiengänge im Bereich KI und Data Analytics anbieten, steigt zwar weiter an, jedoch sind die Chinesen und Amerikaner Deutschland weit voraus, was die Ausbildung von Fachpersonal betrifft.

Die Unternehmen, die es dann entweder über den deutschen, chinesischen oder sonstigen Arbeitsmarkt geschafft haben, Experten für das eigene Unternehmen zu gewinnen, stehen im Anschluss vor der großen Herausforderung, diese Talente langfristig zu halten. Viele Talente verlassen das Unternehmen bereits nach ein bis zwei Jahren wieder und wechseln zu Arbeitgebern, die ein höheres Gehalt zahlen und mehr Verantwortung und Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Bereich Technologie bieten.

Vor allem internationale Big Player wie Google, Amazon und Co. spielen hier eine große Rolle. Diese suchen natürlich auch gezielt nach neuen Talenten und fischen am deutschen Markt. Auf der Suche nach Nachwuchskräften rekrutieren sie zudem nicht selten Absolventen direkt am Studienort. Für junge Talente insofern spannend, da vor allem diese Brands mit hohen Budgets Zukunftstechnologien wie KI, Blockchain und Co. massiv vorantreiben. Gerade für mittelständische Unternehmen, die ihren Firmensitz nicht in beliebten Metropolen wie Berlin, Hamburg und Co. haben, sondern in ländlicheren Regionen, ist dies ein immenses Problem.

Deutschland hinkt hinterher

Deutschland muss sich auch im Bereich KI im internationalen Wettbewerb mit China und den USA behaupten. Im direkten Vergleich ist Deutschland oft zu passiv und risikoscheu und erkennt die immensen Vorteile, die diese bieten, teilweise zu spät – China und die USA sind hier deutlich schneller. In den meisten Fällen lässt sich das sogenannte „Hinterherhinken“ Deutschlands auf die strengen Regularien des Landes zurückführen, die verschiedene negative Auswirkungen von KI verhindern sollen – ein grundsätzlich guter Gedanke, der allerdings jegliche Art von Technologieentwicklungen viel zu schnell ausbremst. Zudem sind viele Deutsche etwas risikoscheu. Sie stehen dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz immer noch skeptisch gegenüber. In China und der USA wird die Anwendung von KI wesentlich „leichter“ gehandhabt.

Außerdem ist die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung wesentlich größer. China setzt im öffentlichen Raum zum Beispiel bereits jetzt schon Technologien zur Gesichtserkennung ein, was in Deutschland aufgrund der Datenschutzgrundverordnung zum jetzigen Zeitpunkt undenkbar wäre. Hinzu kommt, dass China im Gegensatz zu Deutschland deutlich mehr in die Entwicklung von KI-Technologien investiert und somit seine Spitzenposition fortlaufend ausbaut. Laut einer Studie des McKinsey Global Institutes fanden 2017 beispielsweise 48 Prozent (15,2 Mrd. US-Dollar) der weltweiten Investitionen für KI-Unternehmen in China statt. In Deutschland hingegen wird weiterhin über die Finanzierung der zugesagten KI-Förderung von drei Milliarden Euro debattiert. Sowohl Politik als auch Wirtschaft müssen verhindern, dass weitere High-Potentials ins Ausland abwandern.

Die Regierung muss sich zudem ins Bewusstsein rufen, dass es sich bei dem gerade stattfindenden Wandel im Gegensatz zu früheren Arbeitsmarktveränderungen um einen äußerst schnell fortschreitenden Umbruch handelt, der sich innerhalb einer Generation vollziehen wird. Denn neben den vielen Chancen wird die größte Herausforderung sein, vorhandene Arbeitskräfte für die Ausführung zukünftiger Arbeiten zu qualifizieren, um einer hohen Arbeitslosigkeit aufgrund veralteter Qualifikationen zu entgehen.

Rasante Veränderung

Schon jetzt ist zu erkennen, dass sich nicht nur die Gesellschaft rasant verändert, sondern ganze Industrien. Pleiten früherer Weltmarken wie die des Kamera-Konzerns Kodak oder von Blockbuster Video, einer Franchisekette für den Verleih und Verkauf von DVDs und Blu-rays, zeigen, was passieren kann, wenn Unternehmen den Wandel verschlafen. Sie haben die Chance verpasst, den digitalen Umbruch frühzeitig aktiv mitzugestalten und somit versäumt, den eigenen Marktanteil zu halten oder auszubauen. Stattdessen mussten sie schlussendlich aufgelöst werden bzw. Insolvenz anmelden.

Es ist aktuell abzusehen, dass der Bedarf an Experten in den nächsten Jahren nicht annähernd gedeckt werden kann – allein in der Automobilindustrie werden beispielsweise tausende neue Mitarbeiter gesucht, um die Digitalisierung sowie das autonome Fahren realisieren zu können. Um die mittelständischen Unternehmen, die nach wie vor das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden, zu schützen und auch Deutschlands Stellung im internationalen Wettbewerb nicht zu gefährden, muss die Politik hier also dringend nötige Rahmenbedingungen schaffen, das Bildungsangebot an den Hochschulen massiv ausbauen und frühzeitig verstärkt in Zukunftstechnologien investieren.

Zudem müssen Unternehmen dabei unterstützt werden, den technologischen Wandel durchzuführen. Die freie Wirtschaft, vor allem Hidden Champions und mittelständische Traditionsunternehmen, hingegen muss offen gegenüber neuen Technologien sein, und sich Brückenbauer als Unterstützung ins Boot holen, Branchen- und Marktveränderungen annehmen und Mitarbeiter ausreichend fördern sowie ihnen Freiheiten geben, sich zu entfalten.

Fazit

Künstliche Intelligenz wird den Arbeitsmarkt deutlich verändern und auch eine Vielzahl vorhandener Arbeitsplätze wegrationalisieren, so viel ist klar. Die Befürchtung aber, Maschinen würden menschliche Arbeit in Zukunft vollständig ersetzen, wird nicht eintreten. Vielmehr wird KI für jeden ersetzten Arbeitsplatz zwei neue Jobs schaffen. KI-Technologien werden Arbeitskräfte in der Ausführung ihrer Tätigkeiten stärken und ihnen ermöglichen, deutlich effektiver und effizienter zu arbeiten. Das spart Zeit und Geld, verkürzt Arbeitszeiten und bringt mehr Freizeit – jedoch nur, wenn Unternehmen in Deutschland erkennen, dass jetzt die Zeit ist zu handeln, massiv in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren und offen sind, mit externen Experten zusammenzuarbeiten.

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