Avanade und Microsoft

KI bringt Disruption in Fabrikhalle und Büro

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Das Herzstück des Demo-Areals im IIoC von Avanade in Garching: eine komplett digitalisierte Produktionsstraße mit einem Roboter von Rethink Robotics, der ohne Käfig zusammen mit menschlichen Mitarbeitern eingesetzt werden kann („Cobot“).
Das Herzstück des Demo-Areals im IIoC von Avanade in Garching: eine komplett digitalisierte Produktionsstraße mit einem Roboter von Rethink Robotics, der ohne Käfig zusammen mit menschlichen Mitarbeitern eingesetzt werden kann („Cobot“). (Bild: Rüdiger)

Das Internet of Things und Künstliche Intelligenz werden in der Arbeitswelt Vieles verändern. Prozesse entlang des gesamten Produktlebenszyklus gestalten sich anders, manche Aufgaben verschwinden mehr oder weniger vollständig, andere kommen möglicherweise hinzu. Einen Blick in die Zukunft von Büros, Entwicklungslabors und Fertigungshallen.

Haben Sie sich auch schon über die schlechten Übersetzungen von Präsentationen oder anderem Marketingmaterial geärgert? Oder sind schon einmal Geschäftsverhandlungen gescheitert, weil das Gegenüber die eigene Sprache genauso wenig verstand wie umgekehrt? Das könnte schon bald der Vergangenheit angehören.

Denn schlecht übersetzten Präsentationen und Ähnlichem will Microsoft durch eine Online-Übersetzungshilfe, die wohl ab Jahresende zum Standardleistungsumfang von Office 365 gehören soll, den Garaus machen. Das ab dann integrierte KI-basierte Sprachen-Tool kann 130 Sprachen und übersetzt den Text von Präsentationen auf Knopfdruck in die gewünschten Zielsprachen. Der gesprochene Text wird als Untertitel in der gewünschten Sprache angezeigt.

Microsoft Team, ein Kooperationstool aus der 365-Familie, soll ebenfalls mit entsprechenden Übersetzungsfähigkeiten ausgerüstet werden, nur diesmal für Chats, Telefonate und ähnliche unmittelbare Interaktionen.

Harte Zeiten für Übersetzer?

Schlechte Zeiten also für Übersetzer? Sieht so aus, meinte auf einer Microsoft-Veranstaltung zum Thema „Wie KI die Arbeitswelt beeinflusst“, Alissia Quaintance, Digital Innovation Strategist und Mitgründerin der Beratungsgesellschaft IQ Gemini. „Ich gehe davon aus, dass Rechner schon sehr bald die rein kognitiven Aufgaben der Menschen übernehmen werden“, meinte sie. Beim Umgang mit Emotionen allerdings und erst recht bei der Integration von Körper, Geist und Seele werde der Computer wohl immer hinterherhinken, schon allein deshalb, weil er keinen Körper in unserem Sinne habe.

Demnächst partiell oder ganz wegfallenden Berufsgruppen wie eben auch Übersetzern empfiehlt sie, sich zu überlegen, wie sie „einzigartige Fähigkeiten“ an sich entdecken und weiterentwickeln könnten – die nämlich blieben auch in der durchdigitalisierten und mit Künstlicher Intelligenz gesättigten Arbeitswelt wertvoll. Wer sich damit schwer tut, der scheint allerdings in der digitalen Zukunft eher schlechte Karten zu haben.

Neue Chancen für Behinderte

Trotzdem: „Man muss begreifen, dass sich durch KI-Technologien sehr viele neue Chancen, beispielsweise für Behinderte, eröffnen, und man muss die Technologien für die Menschen entwickeln, nicht gegen sie“, betonte immer wieder André Kiehne, in der Geschäftsleitung der deutschen Microsoft-Gesellschaft für das Lösungsgeschäft zuständig. Das könne auch neue Aufgabenstellungen bedeuten, die dann zu neuen bezahlten Arbeitsplätzen führten. So sei es schließlich bislang in Bezug auf alle technischen Revolutionen gelaufen.

Ein Beispiel dafür ist die Süddeutsche Zeitung. Sie prüft derzeit die Möglichkeit, ihren Mitarbeitern KI-Algorithmen zum Durchsuchen des Artikelarchivs oder für die Klassifizierung von Bildern anzubieten – mühselige und zeitraubende Aufgaben, die die stets unter Zeitdruck stehenden Redakteure gern technischen Lösungen anvertrauen, die möglicherweise mehr sehen als sie selbst. „Die Mitarbeiter kommen zu uns, wir drängen niemandem etwas auf“, berichtete Johannes Klingebiel vom Innovationsteam der Süddeutschen Zeitung. Derzeit baut die SZ ein Team von Datenjournalisten auf, die vorwiegend investigativen Journalismus mit datentechnischer Unterstützung betreiben. „Dokumentenberge wie bei den Panama Papers lassen sich ohne technische Rechercheinstrumente schlicht nicht mehr bewältigen“, sagt Klingebiel.

Paradise Papers wurden mit Neo4j analysiert

Graphdatenbank beim ICIJ im Einsatz

Paradise Papers wurden mit Neo4j analysiert

24.11.17 - Für die Datenanalyse der Paradise Papers nutzt das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) die Graphdatenbank Neo4j. Sie hilft bei der Bewältigung von rund 13,4 Millionen Dokumenten. lesen

In der Fabrikhalle: Cobots und digitale Zwillinge

Blick in das Demo-Center des Industrial IoT Innovation Center
Blick in das Demo-Center des Industrial IoT Innovation Center (Bild: Rüdiger)

Wie sich Innovation in industriellen Umfeldern IoT- und KI-getrieben gestalten kann, lässt sich im Industrial IoT Innovation Center (IIoC) von Avanade beobachten. An dem Joint Venture Avanade ist zu 80 Prozent Accenture und zu 20 Prozent Microsoft beteiligt. Untergebracht in einer schlichten Beton-Fabrikhalle in dem Industriegebiet bei Garching, wird im Auftrag von und zusammen mit Kunden die Zukunft von Entwicklung, Fertigung und Logistik entwickelt. Rund 40 Partner aus der Industrie unterstützen das Zentrum, das laut Robert Gögele, Geschäftsführer Avanade DACH, rund 150 Kunden jährlich berät. Sie kommen für ein- bis dreitägige Workshops in das Zentrum und nehmen Ideen oder auch Prototypen mit nach Hause. Ein weiteres, gleichartiges Zentrum existiert nur in Detroit.

Während die Kreativphase in Gestalt von Design-Thinking-Workshops stattfindet, geht es zum Ausprobieren ins Erdgeschoss. Dort zeigen zwei Handvoll Stationen, wie die Umsetzung auf neue Technologie gestützter Prozesse im industriellen Alltag aussehen könnte. Dabei entstehen die Exponate aus der Zusammenarbeit mit Kunden, also realen Projekten und Aufgaben.

„Rund 20 Sensoren stecken in diesem Mountainbike“, erklärt Magdalena Kleeberger, die Besuchergruppen durchs IIoC führt.
„Rund 20 Sensoren stecken in diesem Mountainbike“, erklärt Magdalena Kleeberger, die Besuchergruppen durchs IIoC führt. (Bild: Rüdiger)

Zu sehen gibt es derzeit etwa den mit zirka 20 Sensoren gespickten Prototypen eines Hightech-Mountainbikes. An den Werten, die die Sensoren während der meist in der Halle simulierten Testläufe generieren, könnten die Fahrradentwickler erkennen, ob beispielsweise die Federung gerade richtig oder vielleicht zu aufwendig konstruiert sei, sodass es auch ein einfacherer und damit kostengünstigerer Aufbau tue, berichtet Magdalena Kleeberger, die Besuchergruppen durch das IIoC führt.

Komplette Modell-Fertigungsstraße

Das imposanteste Demonstrationsobjekt ist eine komplette Modell-Fertigungsstraße samt menschentauglichem Roboter von Rethink Robotics, einem US-Start-up, das dieses 40.000 Euro teure Gerät kostenlos bereitgestellt hat. „Der Roboterarm ist mit Sensoren ausgerüstet, die merken, wenn sie etwas berühren. Dann bleibt der Arm automatisch stehen“, erklärt Kleeberger. Deshalb müsse das Gerät nicht wie die meisten Industrieroboter heute in einen Käfig gesperrt werden, sondern könne unmittelbar Hand in Hand mit menschlichen Kollegen arbeiten, weshalb man ihn als Cobot bezeichnet. Er lasse sich sehr einfach und schnell programmieren. Im Anschluss stapelte das Gerät brav einige Bausteine in einen Behälter, von wo aus sie automatisiert durch die gesamte Anlage transportiert wurden. Gleichzeitig wurde der Durchfluss auf einem Bildschirm zweidimensional abgebildet. „Das sieht so einfach aus, doch hinter diesem Aufbau stecken vier Wochen Arbeit“, weiß Kleeberger. Programmiert wurde die Anlage mit Python und Scrum-Methodik.

Daten aus der Produktionsanlage fließen zurück in ein dreidimensionales digitales Modell, den digitalen Zwilling. Diese Technologie wird unter anderem gern zu Schulungszwecken eingesetzt. „Gerade im Produktionsumfeld musste man früher die Anlage ausschalten, um neue Mitarbeiter einzuweisen. Inzwischen werden sie mancherorts an digitalen Zwillingen geschult. Anschließend beobachtet man, wie sie sich am realen Arbeitsplatz verhalten und schließt dort nur noch verbliebene Wissenslücken“, erklärt Gögele.

Ein weiteres Exponat ist eine Virtual-Reality-Brille, die beispielsweise Wartungskräften bei Reparaturen hilft, indem sie anzeigt, welche Komponenten ausgetauscht werden müssen und die einzelnen Schritte vorgibt, sodass weniger Fehler passieren. Auch hier sind Schulung oder Vertrieb weitere Anwendungsfelder.

Doch nicht nur die Produktion, sondern auch eher administrative und Supportprozesse können mithilfe der Beratung des IIoC verbessert werden. So kostet es Zeit und Geld, wenn Mails nicht gleich beim richtigen Ansprechpartner landen. Die Zuordnungsarbeit übernehmen inzwischen in einigen Unternehmen Bots. Das spart Geld und erhöht die Zufriedenheit der Kunden. Avanade berichtet von Projekten, bei denen sich die Investition in eine Bot-Lösung bereits nach vier Monaten amortisierte.

Support ohne sinnlose Warterei

Ein anderes Problem besteht darin, dass teures Supportpersonal sich häufig mit Banalitäten wie „Ach, muss ich tatsächlich ein Kabel einstecken?“ befassen muss, während ernsthafte Fälle ewig in der Warteschleife hängen. Auch hier wirkt die automatisierte Beantwortung leichter Fragen, verbunden mit der Weiterleitung an einen fachlich qualifizierten Mitarbeiter, sobald sich herausstellt, dass es sich doch um etwas Komplexeres handelt, entlastend. Und sollten dadurch wirklich Support-Mitarbeiter freigesetzt werden, ist das wahrscheinlich tatsächlich kein unlösbares Problem auch für die Betroffenen, denn qualifizierte IT-Fachleute werden allenthalben gesucht.

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