In einer aktuellen Studie befasst sich das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC mit der Frage, wie weit deutsche Unternehmen bereits in die intelligente Automatisierung (IPA) von Prozessen eingestiegen sind. Fazit: Der Zug rollt zwar, ist aber noch nicht überall angekommen.
Von intelligenter Prozessautomatisierung profitieren viele Branchen.
Angesichts knapper Personaldecken ist Automatisierung von Prozessen für viele Unternehmen kein Schreckgespenst, sondern eine Entlastung. Auch Vorhaben wie Industrie 4.0 basieren auf automatisierten Prozessen.
Um festzustellen, wie weit entsprechende Technologien sich schon ausgebreitet haben und wie sie genutzt werden, führte IDC im März eine Studie mit 201 deutschen Unternehmen durch. Die Stichprobe setzte sich zu etwa gleichen Teilen aus kleineren Mittelständlern bis 1.000 Mitarbeiter und zur anderen Hälfte aus größeren Unternehmen zusammen. Immerhin 22 Prozent der Teilnehmer hatten mehr als 5000 Mitarbeiter. Die Firmen kamen vor allem aus der Industrie (25 Prozent). Stark vertreten waren weiter der öffentliche Sektor (18 Prozent), ITK und Medien (15 Prozent), Handel (10 Prozent), Verkehr und Transport sowie Finanz- und Verwaltungsdienstleistungen (9 Prozent).
Vielfältige Automatisierungsmöglichkeiten
Bereiche, in denen automatisiert werden kann, gibt es viele. Auf der Verwaltungsseite sind das etwa Compliance, Recht, Personal oder Finanzen und Auditing. Proaktive Wartung und Systemüberwachung, virtuelle Support-Agenten, das Servicedesk oder Maschinenkonfiguration sind produktions- und Support-nahe Sektoren, wo Automatisierung nützlich sein kann.
Inzwischen gibt es viele Anbieter, die intelligente Software für die Prozessautomatisierung im Programm haben. Neben großen Anbietern wie Tibco oder Software AG (insbesondere „Aris fürs Prozessdesign“) gibt es auch jede Menge kleinere Firmen mit entsprechenden Angeboten. Einige Namen: Blue Path, UIPath, Automation Anywhere, Jox, Axon Ivy, BIC, Ganntplan APS und viele andere, die teils sehr spezialisierte Aufgaben lösen.
Drei wichtige Segmente
Das Marktvolumen soll laut Marketresearchfuture weltweit bis 2027 ein Volumen von etwa 1,44 Milliarden Dollar erreichen.Software für Prozessautomatisierung kann man in die Marktsegmente Laborautomatisierung, Systemautomatisierung und Entscheidungsautomatisierung aufteilen.
Zur Laborautomatisierung gehören Prozess-zentrierte und auf Apps aufgebaute Plattformen, Softwareroboter und Software zur Datenerfassung. Systemzentrierte Automatisierungssoftware umfasst Middleware für die Integration, das API-Management oder Event-getriebene Lösungen. Bei der Entscheidungsautomatisierung geht es um vorausschauende und beratende Analytik bis hin zu voll automatisierten Entscheidungen.
Immerhin 68 Prozent der von IDC Befragten gaben an, bereits Prozessautomatisierung zu nutzen. Eine Branche, bei der die Sinnhaftigkeit von Automatisierungslösungen besonders ins Auge springt, ist das Versicherungswesen.
Ergo: Digital Worker nehmen Hagelschäden auf
Dazu zwei Beispiele: So helfen bei Ergo, einem Tochterunternehmen der Münchner Rückversicherung, mittlerweile über 70 so genannte Digital Worker mit. Das ist besonders wichtig in Schadenssituationen, bei denen viele Fälle auf einmal zu bearbeiten sind, beispielsweise Hagelstürme.
Nach dem letzten dieser Ereignisse konnte Ergo dank Automatisierung 80 Prozent der mehr als 4.000 Fälle in nur einer Woche abarbeiten. Verwendet wurde hier Technologie des Anbieters Blue Prism.
Hagelschäden werden bei Ergo statt durch menschliche Mitarbeiter von Phonebots aufgenommen, die auch Dialekte verstehen. Anschließend reicht der Phonebot den Fall an einen Digital Worker weiter. Dieser registriert den Fall und berichtet den Antragstellern regelmäßig über den Verlauf der Regulierung.
Gothaer Versicherung: Neue Prozesse in 24 Stunden einsatzfähig
Auch bei der Gothaer Versicherung sind bereits 65 Softwareroboter in allen Unternehmensbereichen im Einsatz. 250 weitere mögliche Einsatzfälle sind in Vorbereitung. Laut Gothaer können Automatisierungsprozesse in druckvollen Geschäftsphasen innerhalb von 24 Stunden live geschaltet werden.
Anregungen für neue Anwendungen kämen, so die Versicherung, häufig aus der Belegschaft. Sie erhofft sich Entlastung von zeitraubenden, fehleranfälligen Routinetätigkeiten.
Ziele: Mehr Effizienz, weniger Kosten
Bei Business-Zielen von Automatisierungsprojekten stehen Effizienz und Kostensenkung wenig verwunderlich im Mittelpunkt. Jeweils mehr als 30 Prozent erhoffen sich weniger Betriebs- oder Produktkosten, effektiveres Personal, erleichterte Bindung von Talenten und Ähnliches.
Stand: 08.12.2025
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Die wichtigsten Automatisierungsziele sind, wenig verwunderlich, Kosteneinsparungen und mehr Effizienz.
(Bild: IDC)
Immerhin 30 Prozent der Befragten wollen durch die Automatisierung Nachhaltigkeit und klimabezogene Leistungen verbessern. Weitere Ziele sind modernere Prozesse und Kundenbindung. Wichtigste Anwendungsfelder sind in der Praxis Personalwesen, IT-Betrieb, das Management von Risiken, Betrugsvorbeugung und -detektion, Kundendienst und Support sowie das Rechnungswesen.
Workflow Automation in Zukunft wichtigste Technologie
Bei den Technologien stehen derzeit beaufsichtigte Bots (37 Prozent) ganz oben, gefolgt von Workflow-Automatisierung, Process Mining und unbeaufsichtigten Bots (zwischen 35 und 33 Prozent).
Bei der intelligenten Prozessautomatisierung gibt es viele Anwendungsfelder für AI-Algorithmen.
(Bild: IDC)
In ein bis zwei Jahren wollen die Anwender vor allem Projekte in Workflow Automation und Orchestration mit je 43 Prozent installieren, gefolgt von unbeaufsichtigten Bots (42 Prozent), Task Mining (41 Prozent) und Entscheidungsmanagement beziehungsweise der Automatisierung von Geschäftsregeln. (40 Prozent).
ERP: Vor- und nachgelagerte Prozesse in SAP integrieren
Am Beispiel von ERP zeigte IDC, welche Veränderungen die Automatisierung für einzelne Applikationen bedeutet. Insbesondere werden vorgelagerte Prozesse ins ERP übernommen. 79 Prozent tun dies bereits oder wollen es in spätestens zwei Jahren tun. Kaum weniger gilt dies für nachgelagerte Prozesse (78 Prozent).
Nahezu genauso wichtig sind das Schließen funktionaler Lücken im ERP-System, die Unterstützung von Migrationsprojekten und die Unterstützung der Kommunikation mit Drittsystemen.
Wartungsressourcen fehlen
Allerdings läuft auch bei Automatisierungsprojekten nicht alles glatt: Mitarbeiter fürchten um die Arbeitsplatzsicherheit, werden zu wenig geschult, nicht beteiligt und vertrauen den Entscheidungen der Systeme nicht.
Außerdem fehlen oft genug Ressourcen für die Wartung der Lösungen. Denn mit diesen Aufgaben fühlt sich die in vielen Unternehmen notorisch personalschwache IT häufig überlastet.
Silo-Architektur stört
Ein in der Praxis extrem hinderliches Problem, meint der Automatisierungsspezialist CGI, sind Silo-Architekturen, die den Aufbau übergreifender, automatisierter Prozesse erschweren.
In einem Jahr soll intelligente Prozessautomatisierung praktisch in jedem befragten Unternehmen genutzt werden.
(Bild: IDC)
Kosten und ROI, Compliance, komplexe Technik sowie die Datenqualität sind bekannte technische und prozedurale Probleme.
Cloud als Ausweg aus der Komplexitätsfalle
Wohl auch deswegen glauben 59 Prozent der Befragten, dass der Anteil der Cloud-basierten Lösungen für Prozessautomatisierung in der nächsten Zeit stark steigen wird. Immerhin entfällt dort die Infrastrukturverantwortung des Anwenderunternehmens.
Besonders wichtig werden in den Softwarelösungen KI-Komponenten. Sie werden für die Dokumentenanalyse, für natürlichsprachige Konversation mit Kunden und Partnern, Bilderkennung, intelligente Wissensgenerierung und andere Zwecke eingesetzt.
Mit einfachen Projekten anfangen
Beim Automatisieren sei es, so betonen Fachleute aus der Softwarebranche einhellig, besonders wichtig, nicht mit zu großen, komplexen Projekten anzufangen. „Unternehmen sollten zunächst bei den Low-hanging-fruits beginnen“, meint etwa Niklas Bläsing, Senior Consultant & Head of Intelligent Automation Practice, CGI Deutschland B.V. & Co. KG.
Annette Maier, Area Vice President Central & Eastern Europe, UiPath: „Unternehmen, die einen hohen Prozessautomatisierungsgrad anstreben, sollten ihre Mitarbeiter einbeziehen.“
(Bild: UIPath)
Zudem solle man nicht unterschätzen, wie wichtig Automatisierung dafür sei, ein dauerhaft attraktives Arbeitsumfeld zu bieten. Schließlich wollten die meisten Menschen Tätigkeiten ausführen, bei denen sie ihre Kreativität, ihr Urteilsvermögen und ihre Problemlösungsfähigkeiten nutzen können. „Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden halten wollen, sollten einen hohen Prozessautomatisierungsgrad anstreben, ihre Belegschaft mit einbeziehen, um so einen spannenden Arbeitsplatz zu bieten“, fordert Annette Maier, Area Vice President Central & Eastern Europe, UiPath.