Kommentar von Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding

Retrofit schenkt Maschinen ein zweites Leben

| Autor / Redakteur: Rüdiger Andreas Günther / Nico Litzel

Der Autor: Rüdiger Andreas Günther ist CEO & CFO der Francotyp-Postalia Holding AG
Der Autor: Rüdiger Andreas Günther ist CEO & CFO der Francotyp-Postalia Holding AG (Bild: Francotyp Postalia)

Retrofit verspricht die Modernisierung bestehender Anlagentechnik ohne hohe Neuinvestitionen und bietet viele weitere Potenziale.

Was ist eigentlich Retrofit? Retrofit ist, KURZ gesagt, eine All-inclusive-Kur für altgediente Maschinen, die auf den ersten Blick in den Ruhestand gehören. Nach der Extra-Behandlung sind sie fit für das digitale Zeitalter, denn Retrofit ist der erste Schritt in Richtung Industrie 4.0.

Durch Retrofit können ältere Anlagen im Bestand auf einen modernen technischen Standard gehoben werden. Sie erhalten ein neues „Betriebssystem“ und können nun mit den erst kürzlich hinzu gekommenen Maschinen im Anlagenpark und der zentralen IT kommunizieren. So ist es möglich, die Daten aller vorhandenen Maschinen innerhalb der Produktionskette oder der Infrastruktur parallel zum zyklischen Betrieb zu sammeln. Anschließend wertet ein IT- oder Cloudsystem diese Daten zentral aus und bereitet sie auf.

Die Vorteile, die durch Retrofit entstehen, sind in der Branche kein Betriebsgeheimnis. Zurzeit kommt am Thema Industrial Internet of Things (IIoT) kaum noch ein industrielles Unternehmen vorbei. Die Beratungsfirma Accenture geht etwa davon aus, dass aktuell 85 Prozent der Industrieanlagen in Deutschland noch nicht digital vernetzt sind. Dementsprechend ist IIoT das Thema der Stunde. 88 Prozent aller deutschen Unternehmen beschäftigen sich mit einem möglichen Einstieg in das IIoT.

Komplexe Industrieanlagen entstehen über Jahre

Retrofit ist ein echter Mehrwert, weil Industrieanlagen oftmals über Jahrzehnte wachsen und Maschinen unterschiedlicher Hersteller und Generationen vereinen. Normalerweise müssten die älteren Geräte mit der Zeit ersetzt werden, da sie nicht mehr dem technischen Standard der Gesamtanlage entsprechen. Das passiert jedoch nicht immer. Eine Neuanschaffung ist häufig kostenintensiv und kann mit einem erheblichen logistischen Aufwand verbunden sein. Muss beispielsweise während des Austausches einer einzelnen Maschine innerhalb einer Fertigungskette die komplette Produktion angehalten werden, erhöht sich der wirtschaftliche Aufwand stark. Mit Retrofit lassen sich dieser Aufwand und technische Abstriche umgehen.

Wie funktioniert Retrofit?

Die betagten Maschinen können über Software-Updates oder einfache Add-ons schnell und simpel modernisiert werden. Ein gutes Beispiel für den angewandten Retrofit-Prozess per Update sind alte Pressen zum Stanzen. Technisch sind diese, für die Ewigkeit konzipierten, Meisterwerke der Ingenieurskunst auch zwanzig Jahre nach Indienststellung meist tadellos in Ordnung. Dennoch, mit dem Alter nehmen die Risiken für Pannen und Ausfälle zu.

Noch viel elementarer ist jedoch die IT-Schwäche dieser Anlagen, die mit überholten Prozessoren und dem inzwischen leicht angestaubten Betriebssystem MS-DOS arbeiten. Mit einem Update auf Windows 10 halten neue Diagnosemethoden und Messverfahren an den Pressen Einzug, die Ausfällen vorbeugen. Durch eine neue Benutzeroberfläche mit verbesserter Visualisierung fällt auch die Bedienung und Steuerung der Pressen leichter.

Aber auch noch ältere Industrieanlagen, die nicht einmal mit MS-DOS laufen, lassen sich mithilfe von externen Messgeräten, Stromzählern und Kleinsteuerungen modernisieren. So wurde zum Beispiel bei Bosch eine Nähmaschine aus den 1920er-Jahren mit einfachen Sensoren versehen, die den Körperschall der Maschine registrieren. Ein zwischengeschaltetes Gateway dient als Schnittstelle zwischen den Sensoren und einem Computer. Mit diesem kleinen technischen Upgrade ist es möglich, mittels einer Software zu diagnostizieren, wann die Nadel an der Maschine das nächste Mal bricht und welcher Stoff aktuell bearbeitet wird.

Welche Vorteile bietet Retrofit?

Die Vorteile, die Retrofit mit sich bringt, sind vielschichtig. Durch das Software-Update oder ein Upgrade an der Hardware können sämtliche in einer technischen Infrastruktur oder Fertigungskette integrierten Anlagen Daten erheben und an eine IT-Steuerzentrale senden. Dort wertet eine Software diese Daten aus und fasst sie gut visualisiert zusammen. Dadurch sind ein umfassendes Prozess-Monitoring und die zentrale Steuerung der Anlagen möglich.

Die Lebensdauer älterer Anlagen wird verlängert, da sie auch in ein modernes Umfeld integrierbar sind. Häufig ist ein Upgrade betagter Maschinen günstiger, als die Investitionen bei einer Neuanschaffung. Retrofit lohnt sich finanziell zwar nicht in jedem Fall, sollte aber vor einer Neuanschaffung immer als Option geprüft werden. Ausfälle können durch ein gezieltes Monitoring reduziert und Reparaturen in noch kürzerer Zeit durchgeführt werden. Durch eine optimierte Laufleistung der Anlagen lässt sich auch Energie sparen und das Produktionsvolumen anheben – denn Retrofit erschließt Anwendungen wie Fernwartung und Remote-Services. Damit ist Retrofit der erste Schritt hin zur Smart Factory und notwendig für den Zugang zum Industrial Internet of Things (IIoT).

IIoT, ein unkalkulierbares Risiko?

Je mehr Anlagen und Prozesse vernetzt werden, desto anfälliger wird dieses Konstrukt für Angriffe. Die Auswahl der potentiellen Schwachstellen erhöht sich. Deshalb ist das Thema Sicherheit entlang der gesamten IIoT-Wertschöpfungskette ein sehr essentielles. Der Ruf nach mehr Sicherheit wird dabei umso lauter, je mehr Unternehmen die IIoT-Welt für sich entdecken und in diesem Zuge auf Sicherheitssysteme angewiesen sind.

Wer von den zahlreichen Retrofit-Vorteilen und den Möglichkeiten des IIoT uneingeschränkt profitieren will, sollte die Sicherheit der neu entstehenden Systeme im Blick behalten. Durch das Wachstum des IIoT-Marktes boomt auch das Geschäftsfeld der IIoT-Sicherheit. Schon heute gibt es Security-Lösungen mit modularen und skalierbaren Sicherheitskonzepten, die individuell an die Kundenbedürfnisse angepasst werden können, damit jedem Unternehmen ein erfolgreicher Start in das IIoT gelingt.

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