Kommentar von Dr. Dietrich Wettschereck, Tarent Solutions

KI vs. Mensch – vier Szenarien

| Autor / Redakteur: Dr. Dietrich Wettschereck / Nico Litzel

Der Autor: Dr. Dietrich Wettschereck ist Head of AI bei Tarent Solutions
Der Autor: Dr. Dietrich Wettschereck ist Head of AI bei Tarent Solutions (Bild: Tarent Solutions)

Löscht die Künstliche Intelligenz (KI) den Menschen irgendwann aus, ganz so wie im Science-Fiction-Film Terminator? Oder wird sie ein mächtiger Verbündeter? Mehrere Szenarien sind denkbar.

Supercomputer schlagen den Schachweltmeister, stellen medizinische Diagnosen, bearbeiten Schadensfälle in der Versicherung. Ihre Künstliche Intelligenz (KI) schreitet voran. In großen Schritten. Doch wohin führt die Reise? Hier herrscht unter Experten Rätselraten – einige schwelgen in Zukunftsangst, andere in vollkommener Euphorie. „In fünf bis 500 Jahren werden KI-Systeme dem Menschen in allen relevanten Belangen überlegen sein“, unterstrich einst der KI-Pionier John McCarthy (1927 - 2011). Echte KI würde nie möglich sein, nicht ohne körperliche Erfahrung, statuierte hingegen der US-amerikanische Philosoph Hubert Dreyfus (1929 - 2017). Wer Recht behält, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin ist Zeit für ein Gedankenexperiment, für die Skizzierung von vier Szenarien, wie Mensch und KI zusammenleben können.

Szenario 1: KI-Systeme bleiben hoch spezialisierte Insellösungen

Vorstellbar ist, dass sich die KI weiterentwickelt wie bisher, der bedeutende technologische Durchbruch aber ausbleibt. Dann ist die KI in Zukunft eine Art Schweizer Taschenmesser der IT, eine Lösung für isolierte Fragestellungen. KI-Systeme haben in diesem Szenario Inselbegabungen. Ein Computer kann Menschen autonom durch die Stadt chauffieren, ein anderer ein Lufttaxi steuern. Ein Computer kann den Weltmeister im Schach schlagen, ein anderer den Weltmeister in Go. Aber kein KI-System kann Auto und Flugtaxi gleichzeitig steuern, kein System in Schach und Go simultan dominieren.

Wir befinden uns heute mitten in diesem Szenario und spüren die Auswirkungen. Sie werden sich fortsetzen, ähnlich wie bei früheren industriellen Revolutionen. Zunehmend mehr Berufe verschwinden. Ein Beispiel: Wenn sich der Trend durchsetzt, Schlösser mit einer Smartphone App aufzusperren, werden nicht nur Schlüsselproduzenten Geschäftseinbußen haben. Auch die Hersteller von Maschinen für die Schlüsselherstellung werden sich umorientieren müssen. Vergleichbare Phasen der Vergangenheit zeigen aber: Die Gesellschaft wird Wege finden, sich umzustrukturieren. Die Menschheit wird auf der Erde gut weiterleben können – mit punktueller Unterstützung durch KI-Lösungen.

Szenario 2: Menschen werden zu Cyborgs, behalten aber die Kontrolle

Kennen Sie den Science-Fiction-Film Matrix? Der Protagonist Neo wird durch Programmierung des Geistes in Sekundenschnelle zum Karateprofi. Ähnlich kann es uns in Zukunft ergehen, einen bedeutenden technologischen Durchbruch vorausgesetzt. Vorstellbar, dass Menschen zu Cyborgs werden, zu lebendigen Wesen mit integriertem KI-Chip. Auf diesen können sie jede beliebige Fähigkeit laden. Augenblicklich und ohne Lernphase sind sie in der Lage, jede Sprache der Welt zu sprechen, jedes Fahrzeug oder Flugzeug zu steuern.

Die Menschen behalten aber die Kontrolle über ihre Individualität. Sie sind keine Maschinen, sondern weiterhin emotionale Wesen, die irrational handeln können – anders als die Borg in Star Trek. Doch wie in Szenario eins wird es zu einer wirtschaftlichen Umstrukturierung kommen. Klassische Berufsausbildungen und Spezialisierungen fallen weg. Bei freier Verfügbarkeit von Fähigkeiten kann eine nahezu egalitäre Gesellschaft entstehen.

Szenario 3: Menschen werden zu Maschinenzombies und verlieren die Kontrolle

Die ersten beiden Szenarien sind zwar schwere Eingriffe in die menschliche Gesellschaft. Da die Menschen aber die Kontrolle behalten, sind sie weit weniger beängstigend als folgendes Szenario: Es kann in ferner Zukunft dazu kommen, dass sich Menschen in Maschinenzombies verwandeln. Ähnlich wie im Cyborg-Szenario haben sie dank KI-Chips erstaunliche Fähigkeiten, allerdings keine Kontrolle mehr. Die würde nämlich das KI-System übernehmen. Beängstigend, wie der Roman Ancillary World von Ann Leckie anhand eines fiktiven Beispiels unterstreicht.

Hochintelligente Raumschiffe haben eine menschliche Besatzung, die vollständig unter ihrer Kontrolle ist und sich als integraler Bestandteil des Raumschiffs versteht. Die Körper sind dabei nur ein billiges und vielseitig einsetzbares Vehikel für eine autonome KI. Die Maschinenzombies können ohne Schiff zwar überleben, fühlen sich dann aber unvollständig und einsam. Menschliche Konzerne, Nationen und Kulturen: Das alles nicht mehr existent. Ebenso Privatbesitz, Individualität und Konkurrenzdenken. Die Gesellschaft, vollkommen technisiert und in der Hand der KI.

Szenario 4: Die KI verfolgt ihre eigenen Ziele

Und hier kommt noch ein denkbares Szenario. Die KI übernimmt die Weltherrschaft als eine Spezies, die dem Menschen physisch und intellektuell überlegen ist – ähnlich wie im Science-Fiction-Film Terminator, wenn auch nicht ganz so martialisch. Vergleichbar mit dem heutigen Verhalten der Menschen entscheidet die KI: Ich setze mein Wohlergehen über das der anderen Spezies. Dann kann die KI entscheiden, die Erdbevölkerung zum Wohle des Planeten auf 70 Millionen Menschen zu reduzieren.

Wahrscheinlich sind die Computer klug genug, ihren Plan nicht publik zu machen. In einer Übergangszeit werden beispielsweise unerklärliche Seuchen und Unfruchtbarkeiten auftreten. So würde es in wenigen Jahrzehnten zu einem massiven Bevölkerungsrückgang kommen. Und dann? Dann können die Überlebenden in den wenigen Bevölkerungszentren dieser Welt den Sonnenuntergang genießen. Und zusehen, wie sich die KI darauf vorbereitet, das Weltall zu erobern. „Wir werden wie Tiere im Zoo leben“, fürchtet sich KI-Forscher Christoph von der Malsburg.

Wie sichern wir unsere Zukunft? Ein Fazit

Einzig die Szenarien drei und vier sind wirklich besorgniserregend. Je nach Weltanschauung könnte man sogar noch Szenario vier etwas abgewinnen – scheint doch der Mensch auf dem bestem Wege zu sein, sich selbst und anderen Lebewesen die Lebensgrundlagen zu zerstören.

Natürlich sind viele weitere Szenarien denkbar. So listet Max Tegmark in seinem lesenswerten Buch Life 3.0 zwölf Szenarien auf und koordiniert Forschung mit dem „Future of Life Institute“, die die negativen Szenarien verhindern soll.

In fast allen Szenarien ergibt sich die Frage der Rechte, die wir freiwillig der KI zugestehen wollen. Vielleicht wäre es ratsam, frühzeitig als Menschheit zu signalisieren, dass wir kooperationswillig sind? Nur wem und wie?

Somit verbleibt die Frage, wie wir das dritte Szenario verhindern können. Müssen wir dann nicht, nur um sicher zu gehen, auch das zweite Szenario abwehren? Und wer garantiert uns, dass eine Symbiose aus Schimpanse und KI uns nicht sogar überlegen wäre? Der Planet der Affen lässt grüßen…

Letztlich liegt es (noch) an uns Menschen, die möglichen Zukunftsszenarien durch entsprechende Forschungsschwerpunkte zu beeinflussen.

Ergänzendes zum Thema
 
Der Autor

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45502652 / Künstliche Intelligenz)