Kommentar von Dr. Andreas Becks, SAS DACH

KI und Ethik – Technologie braucht menschliche Verantwortung

| Autor / Redakteur: Dr. Andreas Becks / Nico Litzel

Der Autor: Dr. Andreas Becks ist Head of Business Analytics bei SAS DACH
Der Autor: Dr. Andreas Becks ist Head of Business Analytics bei SAS DACH (Bild: SAS DACH)

Die Bedeutung von KI als Wirtschaftsfaktor ist inzwischen wohl unbestritten. Höchst unklar hingegen ist jedoch noch die moralisch-ethische Dimension der Technologie. Wie sollen Mensch und Maschine künftig miteinander umgehen? Fest steht: Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen.

Nehmen Roboter uns die Arbeit weg? Oder übernehmen sie gleich die Weltherrschaft? Was kann, was soll, was darf Künstliche Intelligenz (KI)? Angesichts dieser ungeklärten, oft auch emotional aufgeladenen Fragen ist es nicht überraschend, dass die Diskussion zunehmend auch im Businessumfeld geführt wird.

Weder Heil noch Verderb

„Es gibt zwei Reaktionen auf neue Technologien, die die öffentliche Diskussion bestimmen“ sagte der Philosophieprofessor und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Panel mit hochrangigen Experten beim diesjährigen SAS Forum Deutschland. Einerseits gebe es die Euphoriker und die Apokalyptiker, die neue Entwicklungen wie Frühindustrialisierung oder KI entweder als heilsbringend oder als vernichtend stigmatisieren. Und andererseits die Pragmatiker, die die tatsächlichen Auswirkungen von technologischen Innovationen auf Wirtschaftswachstum und Produktivität berechnen. Eine realistische Einschätzung sei, dass es weder einen dramatischen Verlust an Arbeitsvolumen geben, aber auch nicht das „Paradies auf Erden“ entstehen werde. „Bleibt auf dem Teppich“, lautet nach Nida-Rümelin die Botschaft.

Ebenso wenig dürfe man KI und Roboter als Gegenüber mit Persönlichkeitsrechten und Verantwortung begreifen, die man (auch juristisch) zur Rechenschaft ziehen dürfe, wenn etwas schiefgehe. Wir gerieten sonst in die Gefahr einer „Verantwortungsdispersion“ und dürften Roboter zum Beispiel auch nicht abschaffen.

KI und Analytics gehören zusammen

SAS hat genau zu den Wechselwirkungen von KI und Ethik eine Forbes-Studie unterstützt. Die Ergebnisse zeigen, dass 70 Prozent der Unternehmen weltweit, die KI bereits einsetzen, Ethik-Trainings für ihre IT-Mitarbeiter durchführen. 63 Prozent verfügen sogar über Ethikkommissionen, um den Umgang mit KI zu bewerten. Für die Studie AI Momentum, Maturity and Models for Success wurden 305 Business-Leaders weltweit befragt, von denen mehr als die Hälfte Chief Information Officer, Chief Technology Officer oder Chief Analytics Officer sind.

Die Ergebnisse zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Thought Leadership und ethischem Bewusstsein. Unternehmen, die ihre KI-Implementierung als erfolgreich bezeichnen, sind auch ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, Verantwortung für KI zu übernehmen: 92 Prozent der im Einsatz von KI führenden Unternehmen (sogenannte KI-„Leaders“) trainieren ihre Technologieexperten in ethischen Fragen, im Vergleich zu gerade mal 48 Prozent der Unternehmen, die in Sachen KI-Nutzung noch nicht so weit sind.

Die „Leaders“ erkennen auch den Zusammenhang zwischen dem erfolgreichen Einsatz dieser Technologie und Analytics. 79 Prozent von ihnen geben an, dass Analytics eine entscheidende Rolle für KI in ihrem Unternehmen spielt; dies sagen nur 14 Prozent von den bisher weniger erfolgreichen KI-Anwendern.

Der Mensch behält die Schlüsselrolle

Eine häufige – und falsche – Annahme ist, dass KI ohne menschliches Mitwirken funktioniere. Die Studie zeigt deutlich, dass führende KI-Unternehmen eine Kontrolle der Technologie als unerlässlich ansehen. Knapp drei Viertel (74 Prozent) berichten von mindestens wöchentlichen Reviews ihrer KI-Ergebnisse, nur 33 Prozent der KI-„Nachzügler“ führen solch regelmäßige Kontrollen durch. 43 Prozent der KI-„Leaders“ haben einen Prozess, um fragwürdige Ergebnisse zu überarbeiten (bei den anderen sind dies lediglich 28 Prozent).

Es leuchtet ein, dass Unternehmen Maßnahmen in Sachen ethischer KI ergreifen und die Kontrolle über KI behalten wollen. Sie sind sich bewusst, dass mangelhafte Ergebnisse negativ auf sie zurückfallen können. Von den Unternehmen, die bereits KI einsetzen oder dies planen, sagen 60 Prozent aus, dass sie sich um die Auswirkungen von KI auf die Kundeninteraktion sorgen.

Verbesserung in vielen Bereichen

Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Befragten, die KI einsetzen, sagt, dass die Implementierung ein echter Erfolg gewesen sei – und nennt als Verbesserungen unter anderem präzisere Vorhersagen und fundierte Entscheidungsfindung, höhere Abschlussquoten in der Kundenakquise sowie eine Steigerung der operativen Produktivität.

Zahlreiche Unternehmen sehen zudem Vorteile für ihre Belegschaft: Die Rollen verändern sich, Aufgaben werden anspruchsvoller. 64 Prozent bestätigen, dass sich ihre Mitarbeiter dank KI jetzt mehr auf strategische als auf operative Aufgaben konzentrieren können.

KI ist nicht gleich KI

Bei der Frage, was KI kann oder darf, forderte Oliver Schabenberger, COO und CTO von SAS, in seiner Keynote auf der diesjährigen SAS Analytics Experience in Mailand eine differenzierte Betrachtung der Technologie. Und teilte diese ein in eine „Narrow AI“, die erfolgreich spezielle Aufgaben übernehmen kann, und eine „Artificial General Intelligence (AGI)“, den wirklich „denkenden“ Maschinen – von denen wir allerdings noch weit entfernt seien. Diese Form von Intelligenz auf menschlichem Niveau ist in der Lage, jede Art von Aufgabe zu lösen. Sie kann auch Advanced Technology entwickeln – und zwar schneller als der Mensch. „Bisher gibt es sie allerdings nur in Drehbüchern und in unserer Vorstellung“.

Unbestritten ist laut Schabenberger, dass 100 Prozent der Jobs auf die eine oder andere Weise von Automatisierung beeinflusst werden. Das müsse nicht schlecht sein. Während Narrow AI hochfrequente Aufgaben übernimmt, die kein logisches Denken, Kontextwissen etc. benötigen, kann sich der Mensch auf die komplexeren Aufgaben konzentrieren. Das Ziel sei nicht, Jobs zu retten, sondern Menschen.

Kulturwandel ist notwendig

Sicher ist: Überzogene Erwartungen sind ein Hemmschuh für den sinnvollen Einsatz von KI. Unternehmen müssen einzelne Projekte umsetzen, brauchen dafür die richtigen Daten – und müssen für einen kulturellen Wandel sorgen. Und der Mensch muss dem Algorithmus vertrauen können – und zwar ohne diesen komplett zu verstehen. Er muss jedoch nachvollziehen können, welche Daten und welche Fragestellung einer Entscheidung zugrunde liegen – und warum er zum Beispiel von seiner Bank nicht den angefragten Kredit bekommt. Nur so können letztlich Unternehmen und Kunden auch in Zukunft vertrauensvoll – und datenschutzkonform – miteinander kommunizieren.

Ergo: Der Mensch trägt immer noch Verantwortung, nicht die Softwaresysteme oder der Roboter. KI ist kein Wesen, dass Gefühle, Moral oder Absichten hat. Wie Nida-Rümelin sagt, geht es darum, unsere menschliche Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit zu fördern, indem wir Daten nutzen. Eine kulturelle, politische und ökonomische Steuerung ist dafür notwendig. Und aus wirtschaftlicher Sicht müssen KI-basierte Entscheidungen in einen Geschäftsprozess gebracht werden, was wiederum von einer Unternehmenskultur abhängt, die Innovation zulässt.

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