Generative Künstliche Intelligenz Abbyy-Studie: GenAI in Unternehmen reicht nicht aus

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 5 min Lesedauer

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Generative Künstliche Intelligenz (GenAI) schien vielen in jüngster Zeit als Allzweckwaffe. Doch es zeigt sich, dass die Technologie im Unternehmenseinsatz Schwächen hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Abbyy.

„Oft ist es sinnvoll, spezialisierte Tools einzusetzen oder sie mit einer GenAI zu kombinieren, um zweckentsprechende Ergebnisse zu erzielen“, so Dr. Marlene Wolfgruber, bei Abbyy verantwortlich für das strategische Produktmarketing.(Bild:  Rüdiger)
„Oft ist es sinnvoll, spezialisierte Tools einzusetzen oder sie mit einer GenAI zu kombinieren, um zweckentsprechende Ergebnisse zu erzielen“, so Dr. Marlene Wolfgruber, bei Abbyy verantwortlich für das strategische Produktmarketing.
(Bild: Rüdiger)

Wie zufrieden sind Unternehmen branchenübergreifend mit den Leistungen von GenAI im Enterprise-Umfeld? Wofür wird sie in welchem Umfang eingesetzt? Befördert sie den Trend zur Nutzung einer privat beschafften Schatten-IT? Und was könnte ansonsten besser werden? Diesen Leitfragen folgte eine Untersuchung, die Abbyy, ein Spezialist für Dokumenten-KI und Intelligente Prozessanalyse, durch Optimum Research durchführen ließ.

Es nahmen 1.200 Unternehmensentscheider aus unterschiedlichen westlichen Ländern teil. 200 Befragte stammten aus Deutschland, davon 38 Prozent aus Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten. 16 Prozent der Befragten repräsentierten Unternehmen von 100 bis 500 Beschäftigte, knapp die Hälfte lag in der Größe dazwischen. Repräsentiert waren 20 Branchen. Das Zahlenmaterial bezieht sich, sofern nicht anders vermerkt, auf Umfrageteilnehmer aus Deutschland.

Ganz uneigennützig war die Untersuchung nicht, denn Abbyy suchte anhand der Ergebnisse auch nach Anregungen für die weitere Produktgestaltung und Vermarktungsargumente für seine Lösungen. Sie richten sich vor allem an Großunternehmen, größere Mittelständler und Start-ups, die intelligente, KI-getriebene Systeme von vornherein implementieren. Rund ein Drittel der Kundschaft stammt aus Europa. In München befindet sich eine von dreizehn weltweit 13 Niederlassungen.

KI-Nutzung breit, aber vorwiegend zu Testzwecken

Das wenig überraschende Ergebnis: 98 Prozent der befragten Geschäftsführer nutzen heute generische GenAI. 64 Prozent greifen lieber zu individuell gebauten Systemen und die Hälfte verwendet agentische Lösungen.

Schaut man genauer hin, relativiert sich das Bild. Denn in nur 36 Prozent der befragten Firmen ist GenAI flächendeckend oder zumindest in mehreren Abteilungen im Einsatz. Und bei nur 21 Prozent steigert sie die Produktivität – vor allem die persönliche.

Zum Vergleich: Die aktuelle Studie des Branchenverbandes Bitkom wurde Mitte September im Vorfeld des Quantum Summit veröffentlicht. Sie erforscht die Einstellung deutscher Unternehmen zu KI und erbrachte eine KI-Nutzungsrate von 36 Prozent und damit knapp doppelt so viele Nutzer im Vergleich zum Vorjahr (20 Prozent).

Wichtigste Einsatzfelder Datenanalyse, Dokumentenmanagement

98 Prozent der befragten Geschäftsführer nutzen Künstliche Intelligenz in irgendeiner Weise – aber nur in 21 Prozent der Unternehmen steigert die Technologie bereits die persönliche Produktivität.(Bild:  ABBYY)
98 Prozent der befragten Geschäftsführer nutzen Künstliche Intelligenz in irgendeiner Weise – aber nur in 21 Prozent der Unternehmen steigert die Technologie bereits die persönliche Produktivität.
(Bild: ABBYY)

Die wichtigsten Einsatzfelder sind Datenanalyse zum Zweck des Erkenntnisgewinns (58 %) und die Automatisierung dokumentenbasierter Geschäftsprozesse (57 %). Weitere Applikationen auf den vorderen Plätzen: Mitarbeiterproduktivität (53 %) und die Erkennung von Kundenbedürfnissen (52 %).

Hier weichen die von Bitkom eruierten Zahlen etwas ab. Die Hauptanwendung liegt bei den von Bitkom befragten Anwendern im Kundenkontakt (88 %), Marketing und Kommunikation (57 %). Mit weitem Abstand folgen Forschung und Entwicklung (21%) sowie die Automatisierung von Produktionsabläufen (20 %).

Herausforderungen: Governance und mangelndes Training vorn

Wenig überraschend besteht die wichtigste Herausforderung für die von Abbyy befragten Anwender in Governance-Problemen und fehlenden Anwendungsrichtlinien. Gleich danach (27 %) rangiert fehlendes Training für die potenziellen Anwender und fehlende Implementierungskenntnisse zur Integration der KI in Geschäftsprozesse (26 %).

Zudem fehlten, so die Referentin Dr. Marlene Wolfgruber, trainierte Computerlinguistin und bei Abbyy für das strategische Produktmarketing zuständig, „Sprachregeln für den Umgang mit AI“.

Risiko Privatnutzung

63 Prozent sagen, bei ihnen folge die GenAI-Einführung strategischen Vorgaben und durchs Management gesteuert. Gleichzeitig sagen 43 Prozent Unternehmen, dass die Einführung deshalb erfolgte, weil die Beschäftigten die Technologie ohnehin auf privaten Geräten verwendeten. Dieses Problem ähnelt dem von Web Apps vor einigen Jahren: Sie grassierten in den Firmen und wurden nachträglich legalisiert, um der wuchernden Schatten-IT Einhalt zu gebieten.

Allerdings ist die Nutzung von GenAI weitaus gefährlicher. Denn wenn Anwender unternehmensbezogene Anfragen über ihre privaten GenAI-Accounts abwickeln, fließen im Datenfundus der GenAI private und Firmendaten zusammen. Das bedeutet: Über den Namen von Personen, die in den betreffenden Unternehmen arbeiten, können durch die GenAI auch Firmeninformationen preisgegeben werden. Diese können dann beispielsweise dazu dienen, Social Engineering zu betreiben, also sich in Mails oder am Telefon so geschickt zu tarnen, dass Anwender, ohne etwas Böses zu ahnen, geschützte Informationen an böswillige Akteure preisgeben.

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Auch der absichtliche Missbrauch von GenAI durch Mitarbeiter wird von 21 Prozent der Unternehmen als Risiko benannt.

Zusatzsoftware verbessert den Nutzwert

Es zeigte sich bei der Abbyy-Befragung, dass in den Unternehmen erst die Verwendung von Zusatzsoftware zusammen mit einer GenAI maximalen Nutzen bringt. So verwenden 38 Prozent der Befragten KI-Agenten, 31 Prozent Document AI und intelligente Prozessverarbeitung, 30 Prozent Process AI und 21 Prozent Retrieval-Augmented Generation (RAG). Immerhin 40 Prozent sagen, dass die Kombination der GenAI mit solchen Tools die Ergebnisse optimieren könnten.

Außerdem wird erheblich in die Schulung der Beschäftigten in KI-Themen investiert. 48 Prozent der Befragten geben an, hier einen Schwerpunkt zu setzen. Weltweit sind es allerdings 50 Prozent, die Geld in die KI-Weiterbildung ihrer Belegschaften stecken.

Zukunftswünsche: gezieltere Optimierungen, Vorurteilsfreiheit und Professionalität

Anwender wünschen sich von der KI eine bessere Optimierung von Prozessen und eine genauere Auswahl der Prozesse mit Optimierungspotenzial.

24 Prozent hätten gern mehr Vorurteilsfreiheit der Algorithmen, präzisere Resultate und zeitsparende Mechanismen bei der Dateneingabe. Außerdem soll die GenAI es vereinfachen, Rückfragen zu Antworten zu stellen. 18 Prozent wünschen sich die KI insgesamt weniger gefühlig und professioneller.

BITKOM kennt noch einen weiteren dringenden Bedarf deutscher Unternehmensanwender bezüglich KI: 93 Prozent würden sich mit einer in Deutschland generierten GenAI erheblich wohler fühlen.

Beispiele: GenAI kann nicht alles

Viele Anwender nutzen zusätzlich zur GenAI weitere Softwareprodukte, um deren Ergebnisse praxistauglicher zu gestalten.(Bild:  ABBYY)
Viele Anwender nutzen zusätzlich zur GenAI weitere Softwareprodukte, um deren Ergebnisse praxistauglicher zu gestalten.
(Bild: ABBYY)

Dass GenAI nicht alles kann, belegt das Beispiel eines heutigen Abbyy-Kunden, der versuchte, seinen Rechnungsbestand rein über Google Gemini zu extrahieren. In Tests funktionierte das, im Praxiseinsatz nicht. Hier wurden im großen Stil falsche Daten geliefert. Heute erledigt ein Spezialtool die Rechnungsextraktion. Wolfgruber: „Die Generative AI ist dafür nicht exakt genug.“

Bei einer Fast-Food-Kette sollte die jährliche Durchsicht von tausenden Filial-Mietverträgen mit GenAI automatisiert werden. Rund 35.000 Datenpunkte waren zu extrahieren. Doch die enttäuschende Extraktionsrate lag unter 50 Prozent. Auch eine intelligente Dokumentenverarbeitung allein war noch nicht ausreichend.

Das Problem war ein sehr frei formulierter Absatz zur Bewertung der Mietobjekte. Schließlich segmentierte man den Vertragstext vor und fokussierte die GenAI ausschließlich auf die Analyse dieses Textabschnitts der Verträge, während die Intelligent-Document-Processing-Lösung den stärker formalisierten Teil der Verträge übernahm.

„Mit dieser Kombination konnten wir eine Genauigkeit von etwa 85 Prozent erreichen, die sich stetig erhöht, weil die KI dazulernt“, berichtet Wolfgruber. Von früher 25 Beschäftigten, die diese mühselige Aufgabe erledigten, braucht die Firma heute dafür nur noch fünf.

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