Rezension 3TH1CS

Wie KI und Robotik die Ethik verändern

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Jede Menge Stoff zum Nachdenken bietet 3TH1CS. Die Ethik der digitalen Zeit.
Jede Menge Stoff zum Nachdenken bietet 3TH1CS. Die Ethik der digitalen Zeit. (Bild: iRights.Media Verlag)

Wie könnte eine Ethik des digitalen Zeitalters aussehen? Diese Frage versucht ein im vergangenen Jahr erschienener Band aus dem Berliner iRights.Media-Verlag zu beantworten. Fazit: Es kommen neue Fragen und wahrscheinlich ungewohnte Antworten auf uns zu.

Die Gesellschaften von heute sehen sich einer Fülle neuer Technologien gegenüber, deren Basis allesamt die Verfügbarkeit lange undenkbarer Rechnerleistung und Speichermengen, der gestiegenen „Intelligenz“ von Algorithmen, Cloud-technologien und Mobilität ist.

Verträge werden möglicherweise bald durch Blockchain automatisiert, der Arzt bekommt Unterstützung durch Big-Data-Auswertungen, die auch die seltensten Fälle einbeziehen, um eine Diagnose zu stellen oder eine Behandlung zu definieren und die Einsamen der Zukunft greifen vielleicht zum Sex- oder Pflegeroboter, um grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung zu erfüllen. Gespielt wird vor allem am PC, während über dem Haus oder dem durchautomatisierten Wohnblock Drohnen herumschwirren und wahlweise die Gegend überwachen oder Päckchen abwerfen.

Auf der Straße rollt autonom der Verkehr und nahezu alle Aktivitäten des Einzelnen laufen in einem Smartphone zusammen. Die von ihm erzeugten Datenströme verwandeln sich in den Händen derer, die über sie verfügen, mithilfe leistungsfähiger Rechner in intimes Wissen über die Besitzer der Geräte. Wer Pech hat, dessen Daten landen im Dark Web und dienen zwielichtigen Elementen dazu, Unruhe durch gezielt gestreute Fake News zu stiften oder sich durch digitale Tricks am Geld anderer zu bereichern. In den Fabriken sieht man noch weniger Menschen als heute, vielmehr verständigen sich Maschinen autonom und drahtlos miteinander und koordinieren ihr Verhalten über intelligente Algorithmen.

Keine ferne Zukunft

Alles Utopie? Vielleicht. Doch keine der oben ansatzweise beschriebenen Technologien und Anwendungen ist noch allzu weit von der Anwendungsreife entfernt. Die Frage ist allerdings: Wie soll ihre Anwendung tatsächlich aussehen? Welche Grenzen sollen den Technologien gesteckt werden? Wo findet sich der Mensch in einem weitgehend durchdigitalisierten gesellschaftlichen Universum wieder? Ist er in einer intelligent durchdigitalisierten Welt überhaupt noch einmalig, die berühmte „Krone der Schöpfung“ oder muss sich die Menschheit damit abfinden, von intelligenten Maschinen überflügelt zu werden. Und falls letzteres geschehen sollte, ist es überhaupt schlimm?

Wen solche Fragen beschäftigen, der findet in dem Sammelband 3TH1CS aus dem Berliner iRights.Media-Verlag interessante Anregungen. In 21 Essays werden unterschiedliche Aspekte digitaler Ethik von altbekannten Koryphäen der digitalen Ethik und jungen Wissenschaftlern beleuchtet. Vertreten sind Autoren wie Rafael Capurro, ein Altmeister der digitalen Ethik-Debatte, Luciano Floridi, Forschungsleiter des Oxford Internet Institute, der sich als Buchautor („Die 4. Revolution“) inzwischen auch außerhalb des engen Kreises der Fachwissenschaftler einen Ruf als Vordenker des Digitalzeitalters gemacht hat. Auch Oliver Bendel, der sich als einer der ersten wissenschaftlich mit der Frage befasst, ob Roboter eine eigene Moral besitzen oder besitzen sollen, ist vertreten. In dem Reader befasst er sich mit dem pikanten Thema, welche Rolle Sex-Roboter in unserer Gesellschaft spielen oder spielen könnten und wie das unsere Vorstellungen von den Grenzen zwischen Mensch und Maschine verändert.

Das Ende des Vertrauens?

Zu den interessantesten Beiträgen gehört ein Text über Blockchain, der beleuchtet, wo das wirkliche Risiko dieser neuen Technologie zur rechtssicheren Automatisierung von Verträgen und Vereinbarungen sowie ihrer Durchsetzung liegt: Darin nämlich, dass unsere Rechtsordnung derzeit auf Vertrauen beruht, das jeder jedem zumindest in gewissen Grenzen entgegenbringt. Was bedeutet es, wenn das letztlich gemeinschaftsstiftende Gut Vertrauen, das nahezu immer Verhandlungsspielräume offen lässt, durch automatische Regeln, die kein Pardon kennen, ersetzt wird? Ein anderer sehr interessanter Beitrag befasst sich mit dem Thema Fake News („ethische Schadsoftware“) und dem Umgang damit. Gut ist, dass jeder Beitrag mit aktuellen Literaturhinweise versehen ist. So kann man interessierende Themen ohne viel Aufwand vertiefen.

Der herausgebende iRights.media-Verlag aus Berlin versteht sich selbst als Experimentierfeld für neue, das Digitale von vorn herein mitdenkende, Publikationsformen. So kommt es, dass das Buch mit einer Creative-Commons-Lizenz („Namensnennung _ Keine Bearbeitung 3.0 – Deutschland“) erschienen, die lizenzfreie Zitierung ermöglicht, sofern nur die Quelle korrekt genannt wird.

Fazit

Das Schöne an der Veröffentlichung ist, dass die Themen durchaus gegen den Strich gebürstet werden und auch mal ein Gedanke geäußert wird, auf den man selbst beim Nachdenken noch nicht mal ansatzweise gekommen ist. Das Buch erweitert mithin den Horizont, wenn man sich mit Fragen der digitalen Gesellschaft und der von ihr benötigten Ethik beschäftigt und kann dadurch helfen, eigene, besser durchdachte Standpunkte zu bekannten und weniger bekannten Themen aus der digitalen Welt zu finden – oder sich überhaupt erst einmal darüber klar zu werden, dass es notwendig ist, über den einen oder anderen Aspekt unseres digitalen Lebens aus ethischer Perspektive nachzudenken.

Ergänzendes zum Thema
 
Bibliografie

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