Der „Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit“ in Berlin hat gezeigt: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nicht nur nützlich, sondern auch bitter nötig.
Das Motto des diesjährigen, mittlerweile 22. Hauptstadtkongresses lautete „Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung, Gesundheitsberufe in Zeiten des digitalen Wandels“. Die Themen der Workshops, der Vorträge und auch der Ausstellungsbereich stützten diese Vorgabe. Und der Tenor lautete: Es geht zu langsam voran.
Beispielsweise bei der Patientenakte (PA). Prof. Dr. Roland Eils, Gründungsdirektor des Berliner Zentrums für digitale Gesundheit, brachte dies in seinem Vortrag auf den Punkt: „Über die elektronische Patientenakte wird mindestens ebenso lang diskutiert wie über den neuen Berliner Flughafen.“ Zwar sei die PA in der Hightech-Strategie der Bundesregierung bis 2025 eingeplant, doch fehlten bislang Bekenntnis und Umsetzung einer forschungskompatiblen PA. Auch bei den Zuständigkeiten und einem internationalen Austausch hapere es noch.
Dr. Eils' Herzensthema war jedoch die Künstliche Intelligenz (KI). Um die KI trainieren und validieren zu können, braucht es laut Eils riesige Datenmengen. Diese Daten entstammten der Sequenzierung, Bildgebung und Phänotypisierung, aber auch der Erfassung durch Patienten selbst.
Vorreiter in der KI-Forschung und -Nutzung ist laut Eils die Onkologie. In seinem Vortrag zeigte er, wie die Genomsequenzierung einzelner Patienten die Heilungschancen bei Krebs drastisch erhöhen könnte; und er kritisierte, dass im deutschen Gesundheitswesen für derartige Präzisionsmedizin zu wenig Daten zur Verfügung stünden: „Ich würde behaupten, dass ein überzogener Datenschutz jetzt und hier in Deutschland Leben gefährdet.“ Seine Krebsforschungsgruppe „eilslabs“ verarbeitete im Jahr 2015 zum Beispiel elf Terabyte an Daten – pro Tag. Auch hinter seiner aktuell laufenden „TOP-ART-Studie“ – einem Pilotprogramm mit 250 Krebspatienten – steht ein KI-trainierter Algorithmus. Ziel ist eine auf die individuelle Genomveränderung ausgerichtete Therapie. In der Vorhersage konnte der Algorithmus laut Eils bereits deutlich verbessert werden.
Auch etwa 20.000 Todesfälle pro Jahr wegen einer Sepsis wären mit Big-Data-basierten Softwaresystemen zur Entscheidungsunterstützung in Deutschland vermeidbar. Daran forscht derzeit der Bochumer Intensivmediziner Prof. Dr. med. Michael Adamzik, der sein Projekt ebenfalls vorstellte. Auch hierfür seien umfangreiche Big-Data-Erhebungen notwendig, die in Deutschland bislang nicht existieren.
„Wir brauchen eine flächendeckende Erfassung von Daten aus der Versorgung“, mahnte Dr. Eils und fordert die Integration von Forschungs- und Versorgungsdaten. „Daten können Leben retten, wenn Sie uns diese Daten erfassen und analysieren lassen.“ Gerade auch die selbst erfassten Daten seien von Interesse: „Ich glaube nicht, dass kranke Menschen etwas dagegen haben, wenn ihre Daten geteilt werden“, so Dr. Eils.
Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, wissenschaftlicher Leiter Deutsches Ärzteforum, schränkte hier ein: „Rahmenbedingungen brauchen wir aber schon!“
Das OP-Assistenzsystem „Da Vinci“ stand zum Ausprobieren bereit
Um die Digitalisierung in Krankenhäusern voranzubringen, forderte Ekkernkamp die Einrichtung einer Handvoll Pilotkrankenhäuser, die mit moderner IT ausgestattet und wissenschaftlich begleitet werden.
Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann betonte, dass es darum gehe, die Menschen besser arbeiten zu lassen und „den Menschen zum Menschen zu bringen“. Eine „Dämonisierung von Sachkosten“ in der aktuellen politischen Diskussion hält er deshalb für falsch. Dr. Lohmann betonte, dass man sich auch mit der emotionalen Seite beschäftigen müsse, da es „Ängste vor Status-Verlust“ bei den Beschäftigten gebe.
Da IT im Krankenhaus vom Personal auch genutzt werden soll, betonte Hedwig Francois-Kettner, Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, die Bedeutung, Mitarbeiter mitreden zu lassen: „Die Akzeptanz wächst, wenn die Nutzer bei der Entwicklung mit ins Boot geholt werden.“
Politische Sicht
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn teilte auf dem Hauptstadtkongress die Sicht der Politik mit. Laut Spahn sei ein „massiver Vertrauensverlust in Politik und Institutionen“ entstanden, so dass man nun zügig zu Regelungen kommen müsse. „Wir gehen auch kontroverse Themen an – das ist mein Verständnis von Politik“, so Spahn.
Stand: 08.12.2025
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Beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen habe man „15 Jahre aufzuholen“, deshalb wolle man nun „Tempo machen“. Dazu müssten aber alle Akteure mitziehen. Der Telematikinfrastruktur (TI) sollten sich demnach alle Ärzte anschließen, und die Patienten sollten einen Anspruch darauf haben.
Tempo machen will Spahn auch bei der Telemedizin, die weiter gefördert werden soll. Bezüglich digitaler Apps zeigte sich Spahn offen. Die Nutzung dieser Patientendaten werde erstattungsfähig. „Das kann in zwei oder drei Jahren angepasst werden, aber wir müssen nun endlich konkret werden“, betonte Spahn.
Auch bei der medizinischen Ausbildung sieht er Handlungsbedarf; die Berufsordnungen der Gesundheitsberufe sollen angepasst werden. „In der Ausbildung sollte man schon einmal was von Digitalisierung gehört haben“, mahnt Spahn.
Selbst vorantreiben
Hier ist man an der Uniklinik Essen schon viel weiter. „Wir können nicht warten. Wir werden neue Berufsbilder entwickeln und der Politik entsprechende Vorschläge machen“, erklärte Prof. Dr. Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Gerade in Unikliniken brauche man ein anderes Führungsverhalten. Verbesserungen im Krankenhaus seien zudem nicht nur eine Frage der Personalstärke. „Station für Station muss analysiert werden – und man muss Geld dafür in die Hand nehmen“, fordert Dr. Werner. (Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Werner finden Sie HIER.)
Auch Andreas Schlüter, Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken GmbH, wartet nicht mehr: „Wir haben 50 Millionen Euro in strategische IT investiert in den letzten Jahren.“ Vor fünf Jahren habe man die Akten digitalisiert, Kostenpunkt: eine Million Euro pro Klinik. Der Aufnahmeprozess wurd digitalisiert, die Ärzte in den Ambulanzen haben nun iPads. Aber: „Die Ärzte dürfen nicht unterschreiben, es fehlen Regularien für die digitale Signatur auf iPads“, so Schlüter. Dr. Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, konnte Schlüter hier beruhigen: „Am Thema Signatur sind wir dran.“
Der auf dem Kongress vorgestellte „Krankenhaus-Report 2019“ schlägt genau in diese Kerbe. „Die Reformen der Vergangenheit waren rein symptomatisch und haben keine moderne und nachhaltige Krankenhausstruktur entstehen lassen“, erläuterte Dr. Sebastian Krolop, einer der Autoren des vom RWI herausgegeben Reports. Zwölf Prozent der Krankenhäuser befinden sich demnach in erhöhter Insolvenzgefahr.
Dr. Bernd Montag, Vorstandsvorsitzender der Siemens Healthineers AG, forderte dazu auf, nicht auf Gesetze und Regularien warten. „Facebook wurde nicht gegründet, weil es ein Social-Media-Gesetz gab“, führte Montag aus. Dennoch weiß auch er um die Besonderheit des Gesundheitswesens: „Die Digitalisierung der Medizin ist sowas wie der Heilige Gral.“ Diese Entwicklung könne man ohnehin nicht aufhalten. „Die Youtube-Generation is momentan noch weder Arzt noch Patient, aber das wird kommen.“ Und damit auch die Veränderung.
Der nächste Hauptstadtkongress findet vom 17. bis 19. Juni 2020 statt.