Kommentar von Matthias Postel, iCompetence Von Hype zu Realität – wie KI unseren Alltag wirklich verändert

Von Matthias Postel 5 min Lesedauer

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Gibt es ein Leben ohne KI? Von der Bildkreation oder dem Textentwurf, vom Designtool oder dem automatischen Verbessern eines Fotos – nahezu jeder ist irgendwann mit KI in Kontakt gekommen und medial ist das Thema so omnipräsent, dass keine Woche vergeht, in der nicht irgendein CEO, Evangelist oder Guru die Revolution durch KI in einem Unternehmen oder einer ganzen Branche feiert.

Der Autor: Matthias Postel ist Gründer und CEO der iCompetence GmbH(Bild:  rvw-photography.com)
Der Autor: Matthias Postel ist Gründer und CEO der iCompetence GmbH
(Bild: rvw-photography.com)

Das Zeitalter der KI ist eingeläutet. KI ist da, überall und ähnlich disruptiv wie die Erfindung des Internets. KI wird nicht mehr weggehen. Aber wird sie das sein, was sich der Chor der Jubelnden von ihr verspricht? Während die einen also auf der Welle des Hypes den neuen Stern am Himmel der Technik verkünden, hat ganz heimlich der Glanz erste Kratzer bekommen und die kritischen Stimmen mehren sich. Aus gutem Grund.

Gemeint sind damit nicht einmal die Gefahren durch KI erzeugte Fake News, denen Meta nun begegnen will und die (so notwendigen) Proteste gegen die Übernahme von Arbeitsplätzen und Identitäten durch KI in Medien und Film. Die Frage, wie wir leben wollen, was (und wen) KI bei der Arbeit ersetzen soll oder ob sie nicht doch letztendlich nur eine Arbeitserleichterung sein kann und darf. Das sind alles Fragen, die dringend diskutiert werden müssen, ebenso wie Fragen des Urheberrechts, die, wenn man sie ernst nimmt, kaum zu lösen sein werden, denn der Aufwand, die Trainingsdaten der KI nachträglich zu bereinigen, das geschützte Werk wieder herauszuextrahieren, ist, wenn das überhaupt nachträglich möglich ist, unermesslich groß.

Das trifft hierauf ebenso zu wie auf die nachträglich widerrufene Einwilligung von Usern, deren Daten bereits in das Training der KI eingegangen sind und damit ihr kommendes Handeln bereits mitgeformt haben, wenn der Widerruf vorgenommen wird.

Der Hype ist vorbei, willkommen in der Wirklichkeit, es haben nur noch nicht alle gemerkt.

Lohnt sich KI?

Spätestens mit der Ankündigung von Google, künftig den Einsatz von KI bei Webseiten im Ranking mit zu berücksichtigen, dürfte es auch den begeistertsten Anhängern dämmern, dass Unternehmen sich diese Frage stellen müssen. Denn KI kann durchaus auch negative Auswirkungen auf den Erfolg haben. Wenn Google die Unternehmenswebseite im Ranking herunterstuft, weil der Inhalt nicht als „nutzerorientierter Originalinhalt“ anerkannt wird, kann sich das direkt auf die Sichtbarkeit und damit auf den Umsatz auswirken.

Schlimmer noch – wenn Stammkunden bei der spontanen Onlinerecherche wiederholt günstigere Angebote von der Konkurrenz angezeigt bekommen, während sie erst aktiv die eigene Webseite suchen müssen, wandern sie eventuell ab. Und während ersteres vielleicht kurzfristig ärgerlich ist und einen konkreten finanziellen Verlust bedeutet, der in den Analysen deutlich sichtbar ist, stellt letzteres ein wirkliches Problem dar. Lohnt es sich hier also, Personalkosten für authentische Texte einzusparen und alles eine KI schreiben zu lassen? Und unter welchen Umständen?

Was, wenn Unternehmen sich auf die Antworten der KI verlassen und diese leider falsch sind?

Beim Adobe Summit 2024 war zu erleben, wie Marketers statt auf Mitarbeitende aus Design, Konzeption und Grafik zurückzugreifen, ganze Kampagnen über mehrere Kanäle hinweg von einer KI erstellen lassen. Was, wenn das nun automatisiert und ohne die Kontrolle einer Freigabe durch den Marketer passiert? Wenn die Formate und Inhalte nicht gut geprüft werden und die KI die CI zerlegt? Was, wenn an den falschen Stellen geboten wird und Zahlen fehlinterpretiert werden? Adobe setzte immer Marketer als letzte Instanz zur Kontrolle ein, auch wenn die gänzlich automatisierte Kampagne von der Initiative bis zum Launch und der Analyse denkbar scheint. Warum wohl?

Die Gretchenfrage

Natürlich stellt sich hier die Frage nach den Daten. Denn in einer idealen KI-Welt gewinnt eine KI die eine, richtige Antwort, die eine, perfekte Reaktion oder die eine, richtige Kundenansprache aus den Daten. In einer perfekten KI-Welt wurde sie nicht auf irreführenden Fake-News-Seiten trainiert und in einer perfekten KI Welt enthält sie keine Rassismen, fehlerhafte Algorithmen oder Datenglitches. In einer perfekten KI-Welt ist die Datenbank eines Unternehmens gut gepflegt und ohne Widersprüche. In Sekundenschnelle und (fast) umsonst. Aber sorry, diese KI-Welt ist Fiktion.

Außerhalb dieser Fiktion enthält die KI Fehler. Sie verbraucht für unnötige Anfragen ein horrendes Maß an Energie (wer wollte eigentlich gerade den eigenen CO2-Print verbessern?), kostet damit zumindest die Umwelt und künftige Generationen ein Vermögen und liefert dann auch noch falsche Ergebnisse. Sie generiert Blödsinn aus widersprüchlichen Daten und steuert munter Werbekampagnen auf Kanälen, die mehr Retouren als Gewinne erbringen. Sie fragt im Chat nach Inhalten, die den Kunden nicht interessieren und vergreift sich womöglich noch im Tonfall.

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Wenn KI etwas bewirken soll, wenn sie echten Mehrwert bringen soll, braucht sie Maß und Kontrolle. Deswegen erteilen bei Adobe Marketer die Freigabe – und vielleicht wäre es gut, es wären auch Designer dabei? Und deswegen braucht es Datenverantwortliche im Unternehmen. Denn die gute Nachricht ist: KI kann lernen. Sie kann besser werden, wenn die Daten gut sind. Je weniger äußere und damit unkontrollierbare Daten benötigt werden, desto besser. Und sie braucht Fachleute, die erkennen, wenn ein Ergebnis absurd ist.

Denn dann kann KI durchaus nützlich sein: Sie kann in kürzester Zeit Übersicht in Analysen bringen, Recherchen beschleunigen und Designer von „Pixelschiebern“ zu Kreateuren werden lassen. Sie gibt die Freiheit, lästige Frickelarbeiten andere machen zu lassen und kann als Sparringpartnerin einen ersten Textentwurf formulieren, der dann von Redakteuren genüsslich in Einzelteile zerlegt und zu etwas Besserem verwandelt werden kann. Sie erkennt in der Medizin Abweichungen vielleicht früher als das menschliche Auge und unterstreicht Typos, die in endlos langen Texten in der Eile vielleicht untergegangen wären. Gut, dass Autokorrektur auch nur im Vorschlagmodus eingestellt werden kann …

Es lebe die KI!

Ist KI tot? Nein, natürlich nicht. KI verändert und durchdringt alles und wir stehen heute noch sehr am Anfang einer sich schnell drehenden Bewegung. Aber es ist Zeit für mehr Pragmatismus im Umgang mit KI. Für weniger Hype und mehr Sorgfalt mit den Daten. Nicht zuletzt für einen überlegteren Umgang mit ihr, der Kosten, Effekt und Nutzen abwägt. Und dann vielleicht sogar für mehr KI, wer weiß? Und für mehr Mitarbeiter, die dann in Zusammenarbeit mit Daten und KI das Unternehmen auf einen besseren und effizienteren Weg bringen?

Denn dort gehört KI hin: In die Sparte nützlicher Tools, die als Hilfsmittel dienen können, wenn das Unternehmen oder Nutzende die richtigen Fragen mit den richtigen Daten verknüpfen, die Arbeit erleichtern kann, wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt wird. Ein Hilfsmittel, keine Gottheit, kein Wunder, sondern Werkbank. Nicht mehr und nicht weniger. Es wird Zeit, den Götzen KI vom Sockel zu stoßen und zu entglorifizieren. Denn dann hat die KI eine Chance, wirklich Mehrwert zu bringen: Es lebe die KI!

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