Kommentar von Elena Rüdenauer und Shirin Elsinghorst, Codecentric Vom Potenzial zur Wirkung: KI mit Produkt-Mindset denken

Von Elena Rüdenauer und Shirin Elsinghorst 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die meisten Unternehmen arbeiten bereits mit Künstlicher Intelligenz (KI) – aber nur wenige erzielen damit echten geschäftlichen Mehrwert. Der Grund liegt selten in der Technologie. Entscheidend ist, wie KI im Unternehmen gedacht und verankert wird. Statt die Frage „Was ist technisch möglich?“ in den Mittelpunkt zu stellen, braucht es ein klares Verständnis dafür, welchen Beitrag KI konkret zum Geschäft leisten soll.

Die Autorinnen: Elena Rüdenauer (links) und Shirin Elsinghorst sind Topic Leads Daten- und KI-Strategieberatung bei Codecentric(Bild:  Codecentric)
Die Autorinnen: Elena Rüdenauer (links) und Shirin Elsinghorst sind Topic Leads Daten- und KI-Strategieberatung bei Codecentric
(Bild: Codecentric)

Künstliche Intelligenz gilt als einer der zentralen Wachstumstreiber der kommenden Jahre. Sie unterstützt Entscheidungen, automatisiert Abläufe und schafft neue Möglichkeiten in Produkten und Geschäftsmodellen. Das wirtschaftliche Potenzial ist enorm: McKinsey schätzt die globale jährliche Wertschöpfung durch KI auf bis zu 25,6 Billionen US-Dollar.

Die Realität in Unternehmen fällt jedoch oft ernüchternd aus. Die Lünendonk-Studie AI Transformation – Von der Experimentierphase zur produktiven Skalierung (2025) zeigt, dass viele Unternehmen in den vergangenen Jahren mit den unterschiedlichsten Proof-of-Concepts experimentiert haben, jedoch nur ein kleiner Teil den Weg in den produktiven Roll-out fand. Eine Analyse von S&P Global Market Intelligence zeigt ein ähnliches Bild: 42 Prozent der befragten Unternehmen in Nordamerika und Europa stoppten ihre KI-Initiativen vor der Produktionsreife – häufig aufgrund fehlender Akzeptanz, unklarer Erwartungsbilder oder aus Sorge vor Reputationsrisiken.

Ein genauerer Blick auf die Ursachen zeigt ein wiederkehrendes Muster in der Praxis. Häufig beginnt die technische Umsetzung, bevor zentrale Fragen beantwortet sind: Welches Problem soll gelöst werden? Welche Datenbasis liegt vor? Wer trägt Verantwortung für die Ergebnisse? Oft werden Fachbereiche zu spät eingebunden und Governance erst nachträglich aufgebaut. Die Technologie ist dann verfügbar – doch die Wirkung bleibt aus.

Nicht die Technologie erweist sich demnach als Hürde – sondern das fehlende strategische Fundament. Genau hier setzt das Produkt-Mindset an.

Produkt-Mindset: Wirkung entsteht nicht durch KI allein

Technologische Exzellenz ist kein Selbstzweck. Erst wenn Künstliche Intelligenz konkrete Probleme löst und messbaren Nutzen schafft, entsteht echter Wert für Unternehmen. Unternehmen mit einem Produkt-Mindset begreifen KI nicht als experimentelle Technologie, sondern als strategisches Produkt mit einem greifbaren Wertversprechen. Entscheidend ist dabei nicht, ob ein Modell besonders präzise ist – sondern ob die Lösung einen spürbaren Unterschied im Alltag macht.

Die Wirkung zeigt sich nicht in der Anzahl umgesetzter Projekte, sondern in kürzeren Entscheidungswegen, höherer Servicequalität, effizienteren Abläufen und einer echten Entlastung für Mitarbeitende. Solche Ergebnisse entstehen dort, wo interdisziplinäre Teams Verantwortung übernehmen, reale Nutzungserfahrungen auswerten und Lösungen kontinuierlich weiterentwickeln. Führung schafft dafür die notwendigen Rahmenbedingungen – mit Klarheit, Lernschleifen und gezielter Priorisierung. KI wird so nicht punktuell eingeführt, sondern als dauerhafte Fähigkeit etabliert, die sich mit dem Unternehmen weiterentwickelt.

Was nachhaltige KI auszeichnet

Wirksame KI-Lösungen vereinen fünf zentrale Eigenschaften. Erst wenn diese Dimensionen gemeinsam betrachtet und ausbalanciert werden, entsteht nachhaltige Wirkung – über reine technische Machbarkeit hinaus:

  • Desirable: Die Lösung adressiert ein reales Problem und stiftet erkennbaren Nutzen für das gesamte Unternehmen.
  • Viable: Sie ist wirtschaftlich tragfähig und leistet einen messbaren Beitrag zur Wertschöpfung.
  • Feasible: Die Umsetzung ist realisierbar, sicher und skalierbar.
  • Usable: Die Anwendung ist verständlich, intuitiv und wird im Arbeitsalltag akzeptiert.
  • Ethical: Die Entwicklung erfolgt verantwortungsbewusst – im Einklang mit ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Anforderungen.

Diese Prinzipien bilden den Kompass für wirksame KI – und den Ausgangspunkt für Vertrauen, Akzeptanz und langfristige Wirkung.

Ein Ordnungsrahmen für Umsetzung und Skalierung

Ein gemeinsames Verständnis für Ziele und Vorgehen ist der Ausgangspunkt erfolgreicher KI-Initiativen. Damit daraus konkrete Wirkung entsteht, braucht es einen klaren Rahmen: ein Zusammenspiel aus strategischer Ausrichtung, belastbarer Infrastruktur und organisatorischer Verankerung. KI entfaltet ihr Potenzial nicht als lose Abfolge einzelner Projekte, sondern als integriertes System, das kontinuierlich lernt, skaliert und echten Geschäftswert erzeugt.

1. Roadmap und strategische Leitplanken

KI-Initiativen sollten klar auf Geschäftsziele einzahlen. Eine strategisch ausgerichtete Roadmap schafft Transparenz, priorisiert den Ressourceneinsatz und hilft, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig muss sie flexibel genug bleiben, um auf neue Erkenntnisse, technologische Entwicklungen oder sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Praxis-Tipp: Ein Reifegrad-Assessment unterstützt dabei, Ausgangslage und Fokusbereiche realistisch zu bestimmen und eine Roadmap zu entwickeln, die Wirkung in iterativen Schritten realisiert.

2. Kuratiertes Use-Case-Portfolio

Wirkung entsteht nicht durch die Menge der Projekte, sondern durch die gezielte Auswahl und Bewertung relevanter Anwendungsfälle. Neben wirtschaftlicher Tragfähigkeit und technischer Machbarkeit zählen auch ethische, rechtliche und kulturelle Aspekte.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Big Data, Analytics & AI

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Praxis-Tipp: Ein Zusammenspiel aus Top-down-Zielbild und Bottom-up-Fachbereichsperspektive erhöht Relevanz, fördert Akzeptanz – und sorgt für ein robustes, skalierbares Portfolio.

3. Datenmanagement und Technologie

Eine belastbare Datenarchitektur bildet das Fundament für erfolgreiche KI-Nutzung. Sie muss sicher, skalierbar und an den strategischen Zielen des Unternehmens ausgerichtet sein. Nicht jedes neue Tool bringt automatisch Mehrwert – entscheidend ist der Beitrag zum Nutzungskontext.

Praxis-Tipp: Technologieentscheidungen sollten von der angestrebten Wirkung rückwärts gedacht werden: Was soll erreicht werden und welche Daten und Systeme sind dafür notwendig?

4. Organisation und Zusammenarbeit

Wirkungsvolle KI braucht Strukturen, die Silogrenzen aufbrechen. Klare Verantwortlichkeiten, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Entscheidungsfreiräume auf operativer Ebene sind Voraussetzungen für Geschwindigkeit und Relevanz.

Praxis-Tipp: Ein zentral verankertes Center of Excellence sorgt für einheitliche Standards und Know-how, lokale Ansprechpartner sichern die Umsetzung in den Fachbereichen und stellen den Rückfluss praktischer Erfahrungen sicher.

5. Kompetenzen und Enablement

Der Aufbau von Daten- und KI-Kompetenzen ist kein Nebenprojekt, sondern zentraler Bestandteil erfolgreicher Transformation. Nur wer versteht, was KI leisten kann – und was nicht –, kann sie gezielt einsetzen und weiterentwickeln.

Praxis-Tipp: Qualifizierungsformate müssen zielgruppenspezifisch aufbereitet werden: von Grundlagen für alle über Hands-on-Trainings für Fachbereiche bis zu strategischen Schulungen für Führungskräfte.

6. Governance und Verantwortung

Klar definierte Prozesse, Rollen und ethische Prinzipien schaffen das notwendige Vertrauen und wirken chancenfördernd statt bremsend. Anstelle reiner Reglementierung bietet Governance ein sicheres, nachvollziehbares und verantwortungsvolles Arbeiten mit sensiblen Technologien.

Praxis-Tipp: Eine interdisziplinär entwickelte KI-Richtlinie bildet die Basis für ein transparentes Lifecycle-Management – von der Idee bis zum Rückbau von Lösungen.

Wenn diese Handlungsfelder ineinandergreifen, entsteht ein adaptives System, das Strategie, Technologie, Mensch und Organisation miteinander verzahnt. So kann KI nicht nur eingeführt, sondern auch skaliert, verbessert und nachhaltig verankert werden.

Fazit: Wirkung entsteht durch Führung

Technologie schafft keinen Wert aus sich heraus. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt, gesteuert und weiterentwickelt wird. Gefragt ist Führungsstärke – die Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren, Prioritäten klar zu setzen und interdisziplinäre Teams wirksam zu machen.

Ein Produkt-Mindset unterstützt Unternehmen dabei, diese Führungsaufgabe zu meistern. Es etabliert eine gemeinsame Haltung, die Wirkung vor bloße Machbarkeit stellt, kontinuierliches Lernen fördert und die tatsächliche Wertschöpfung in den Mittelpunkt rückt.

Organisationen, die Künstliche Intelligenz entlang dieser Haltung entwickeln und durch klare Strukturen verankern, vermeiden nicht nur teure Umwege – sie schaffen die Voraussetzungen für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. KI wird so nicht als Technologieprojekt verstanden, sondern als strategische Fähigkeit, die das Unternehmen langfristig stärkt.

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:50628031)