Kommentar von Michael Breidenbrücker, Senseforce

IoT-Lösungen im industriellen Mittelstand

| Autor / Redakteur: Michael Breidenbrücker / Nico Litzel

Der Autor: Michael Breidenbrücker ist CEO der Senseforce GmbH
Der Autor: Michael Breidenbrücker ist CEO der Senseforce GmbH (Bild: Senseforce)

Hohe Investitionskosten, Anforderungen an Datenschutz und -sicherheit sowie der Mangel an qualifizierten Fachkräften sind allesamt Hürden, die viele mittelständische Unternehmen daran hindern, ihre IoT-Projekte umzusetzen. Doch inzwischen ist auch im industriellen Mittelstand angekommen, dass Industrie 4.0 längst kein Buzzword mehr ist, sondern essentiell, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Um das zu erreichen, müssen nicht nur einzelne Prozesse, sondern die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert werden.

Aus der diesjährigen Branchenstudie Industrie 4.0 im Maschinen- und Anlagenbau der Hamburg Commercial Bank geht hervor, dass das Engagement für den Transformationsprozess in Industrieunternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus unterschiedlich stark ausfällt. Konsens scheint jedoch darüber zu herrschen, dass der Ausbau digitaler Infrastrukturen noch mindestens zehn bis fünfzehn Jahre dauert. Für die Unternehmen bedeutet das, dass sie schnell agieren müssen, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit im Markt sichern möchten.

Ein essentieller Bestandteil dessen bildet das Datenmanagement, das schon heute nicht mehr nur in Rechenzentren oder der Cloud stattfindet. Denn mit der zunehmenden Vernetzung werden außerordentlich viele Daten produziert, die ein enormes Potenzial für Unternehmen bieten, um ihr Geschäftsmodell zu erweitern. Für den digitalen Erfolg des Mittelstandes bedarf es jedoch neuer Werkzeuge für die Umsetzung und den Betrieb der entsprechenden Netzwerkinfrastrukturen und einer Verarbeitungstechnologie, die die Daten nicht nur in Echtzeit generiert, sondern auch für das Unternehmen relevante Daten analysiert und an der richtigen Stelle weiterverarbeitet.

Gefahr der Abhängigkeit

Da die meisten Unternehmen nicht über die entsprechenden Ressourcen und das Know-how verfügen, werden solche Lösungen nicht selbst entwickelt, sondern eingekauft und dann entsprechend modifiziert. Die Herausforderung für kleine und mittelständische Unternehmen bildet das große Angebot von unterschiedlichen Software-Tools, die bei dem Ausbau der digitalen Infrastruktur angewandt werden können. Oft aus Gewohnheit oder Unwissenheit, suchen Mittelständler Hilfe bei den großen Systemintegratoren, die diverse Aufgaben parallel abdecken können. Die Lösungen sind jedoch größtenteils für angestammte Konzerne ausgerichtet und bieten lediglich starre Standardkonfigurationen, welche in der Regel nur die Basisarchitektur abdecken.

Um bedarfsgerechte Adaptionen vorzunehmen und die Lösung an die Anforderungen der eigenen Architektur sowie die Wünschen von eigenen Kunden anzupassen, sind meist noch erhebliche IT-Ressourcen nötig. Da Mittelständler diese oft nicht vorhalten können, begeben sich infolgedessen nicht selten in Abhängigkeit eines Systemintegrators. Denn ohne Consulting- und Maintenance-Verträge lassen sich solche Systeme oft nur schwer betreiben. Im schlimmsten Fall verhindert dieser Vendor Lock-in, dass das Unternehmen später weiter skalieren kann. Die Abhängigkeit wird noch verstärkt, wenn IoT-Lösungen nur mit bestimmte Cloud-Diensten kompatibel sind, die durch die Systemintegratoren bevorzugt werden.

Interoperationalität nicht unterschätzen

Der industrielle Mittelstand im Allgemeinen sowie der Maschinen- und Anlagenbau im Besonderen sollte hier besonders wachsam sein, denn die Branche ist stark darauf angewiesen, dass ihre IoT-Lösungen interoperabel sind und sich nahtlos in verschiedene IT-Systeme und Infrastrukturen einfügen. Das ist nicht nur entscheidend für die eigenen Steuerungs- und Automatisierungssysteme, sondern auch dann, wenn Maschinen- und Anlagen mit der digitalen Lösung ausgestattet und an Kunden weiterverkauft werden sollen. Genau dann muss sichergestellt werden, dass offene Schnittstellen, Protokolle und APIs bereitstehen, um branchenspezifische Applikationen integrieren zu können und die Lösung in der Unternehmens-IT zu verankern. Fehlt hier die Unterstützung von dezidierten Datenprotokollen und -formaten, wird die im Mittelstand so dringend benötigte Flexibilität unterminiert.

Die Relevanz von Data-Routing nimmt zu

Während etablierte Anbieter seit Jahren auf cloudbasierte Lösungen setzen, steigt der Bedarf nach Edge-Computing-Lösungen im industriellen Maschinen- und Anlagenbau stetig. Denn die dezentrale Datenverarbeitung am Rande des Netzwerks ist ressourcenschonender und schafft die Möglichkeit, Daten direkt am Entstehungsort zu generieren, in Echtzeit zu analysieren und normalisiert an das gewünschte Zielsystem zu übermitteln. Gerade für die Erfassung und Verwaltung von Maschinendaten, die in großer Menge und im Sekundentakt erzeugt werden, müssen Systeme in der Lage sein, diese transparent am Edge zu erfassen und bedarfsgerecht zu verteilen. Stellt die gewählte Lösung hier nicht sicher, dass Datenströme auf Knopfdruck variiert, gestoppt oder umgeleitet werden können, so führt dies im Zweifelsfall zu einer erhöhten Rechenlast und damit verbundenen zusätzlichen Cloud-Kosten.

Interne IT-Kapazitäten entlasten

Eine intelligente Vernetzung zwischen Maschinen und Anlagen soll langfristig Kosten senken und Produktionsqualität steigern. Die wirtschaftliche Implementierung der meisten Systeme ist jedoch zunächst zeit-, kosten- und personalintensiv, besonders wenn ältere Maschinen nachgerüstet und eingebunden werden. Vor diesem Hintergrund ist es für mittelständische Unternehmen wichtig, auf eine Software zu setzen, die nicht nur flexibel und wirtschaftlich eingeführt werden kann, sondern auch für Mitarbeiter ohne tiefergehende IT-Kenntnisse handhabbar ist.

Gerade letzteres lässt sich über moderne Low-Code-Ansätze und grafische Benutzeroberflächen abbilden. Für Anwender aus den verschiedenen Abteilungen des Unternehmens werden so Automationsprozesse benutzerfreundlich dargestellt und die Bedienung von komplexen Systemen simplifiziert. Damit wird nicht nur die IT-Abteilung entlastet, sondern Mitarbeiter können sich auch weiterhin auf ihre Expertise konzentrieren.

Die wirtschaftliche Optimierung der Geschäftsprozesse ist eines der zentralen Themen des deutschen industriellen Mittelstands. Kunden des Maschinen- und Anlagenbaus fordern vermehrt vielfältige Lösungen für ihr Datenmanagement. Systemintegratoren haben das zwar erkannt, arbeiten jedoch teilweise an den Anforderungen des Mittelstands vorbei. Um das Frustrationslevel gering zu halten, sollten sich Unternehmen ihrer Bedürfnisse klar werden und mit eindeutigen Anforderungen an die Dienstleister herantreten.

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