Suchen

Interview mit Toam Katz M.D., Care Vision Datenanalyse in der Augenheilkunde

Autor / Redakteur: Laura Eberhard / Nico Litzel

Alle zwei Jahre verdoppelt sich das weltweite Datenvolumen. Die Analyse und Verarbeitung großer Datenmengen findet immer mehr Anwendung in den verschiedensten Bereichen unserer Wirtschaft und Gesellschaft – auch im Gesundheitswesen ist Big Data ein Topthema. Wir haben mit Privatdozent Toam Katz M.D., dem medizinischen Leiter von Care Vision, darüber gesprochen, welche Möglichkeiten sich durch die Datenanalyse als Diagnosetool in der Augenheilkunde ergeben.

Firmen zum Thema

Toam Katz M.D., medizinischer Leiter von Care Vision
Toam Katz M.D., medizinischer Leiter von Care Vision
(Bild: Care Vision)

BigData-Insider: Wie und wo werden in der Augenheilkunde Daten generiert?

Katz: Bei einer Augenuntersuchung, beispielsweise vor einem refraktiven Eingriff, also einer Augenoperation, um Fehlsichtigkeit zu korrigieren, fallen wie bei anderen gesundheitlichen Untersuchungen auch eine große Menge Daten an. Denn es werden alle Parameter des Auges genau überprüft – beispielsweise werden die Dicke der Hornhaut oder die Beschaffenheit der Linse ermittelt. In Zusammenhang mit ärztlichen Berichten über den Behandlungsverlauf werden Unmengen an Daten produziert, die zum Teil direkt digitalisiert in eine Patientendatenbank übertragen werden. Nach 25 Jahren und über einer Million Behandlungen ist der Begriff Big Data mehr als angebracht. Mit einer händischen Analyse – beziehungsweise ohne die richtigen Tools – ist dieser Datenmenge nicht Herr zu werden, geschweige denn ein Nutzen daraus zu ziehen.

Welche Nutzungsmöglichkeiten ergeben sich aus dem Datenmeer?

Katz: Neben der übersichtlichen Darstellung aller relevanten Parameter fungiert der Datenpool vor allem auch als Forschungsdatenbank. Wo in der Vergangenheit überaus kostenintensive und zeitaufwendige klinische Studien aufgesetzt werden mussten, um eine Hypothese zu testen, kann nun auf bereits gesammelte Daten zurückgegriffen werden. So können laufend Studien durchgeführt werden, die beispielsweise die Wirksamkeit verschiedener refraktiver Behandlungsmethoden, wie das Augenlasern oder Linsenimplantationen, unter unterschiedlichen Bedingungen untersuchen. Ein Beispiel ist die Untersuchung, ob Außentemperaturen und Sonnenscheindauer das Ergebnis einer refraktiven Laserbehandlung (LASIK) beeinflussen. Das Ergebnis lautet: nein. Zwar kamen bei einem statistischen Bruchteil bessere Sicherheit und Genauigkeit bei einer Behandlung im meteorologischen Winter vor. Dies hat jedoch keine klinische Bedeutung. Für die Praxis lässt sich draus also ableiten, dass Behandlungen ganzjährig mit der gleichen Erfolgsquote durchgeführt werden können und keine Rücksicht auf Außenbedingungen genommen werden muss. Studienergebnisse und Forschungsarbeiten werden dann auf Kongressen und in Fachpublikationen der gesamten Ärzteschaft zur Verfügung gestellt. Zusammen mit Auswertungen, die die Qualität der Behandlungsergebnisse ständig überwachen und analysieren, wird so auch sichergestellt, dass durch die bestmögliche Behandlungsmethode ein optimales Ergebnis erzielt wird

Tragen denn Daten aus Gesundheitsapps oder auch Wearables zur Augenheilkunde etwas bei?

Katz: Nicht direkt. Interessant wäre vielleicht der Ansatz, inwiefern Sport die Augengesundheit fördert oder auch im Umkehrschluss, ob scharfes Sehen die Leistung im Sport steigert. Daten von Gesundheits- und Fitnessapps sowie Sportuhren könnten Aufschluss darüber geben, ob Patienten nach einer Laserbehandlung oder Linsenimplantation leistungsfähiger sind als vor der Behandlung. Oder ob Menschen, die viel Sport treiben eher vor Augenerkrankungen geschützt sind als diese, die sich eher unregelmäßig sportlich betätigen. Eine ähnliche Möglichkeit zur Analyse ergibt sich zum Thema Ernährung. Dass Karotten gut für die Augen sind, bekommen wir schon in der Kindheit erzählt, obwohl es keinen Beweis dafür gibt. Aber auch von Karotten kann man sich nicht ausschließlich ernähren. Deshalb wäre die Frage interessant, welche Ernährungsweise sich positiv, welche sich gegebenenfalls negativ auf die Augengesundheit auswirkt. Vielleicht sogar, ob Ernährung den Behandlungsverlauf – und vor allem die Nachsorge – einer refraktiven Augenoperation positiv beeinflussen kann.

Werden aufgrund der Entwicklung neuer Technologien und Möglichkeiten zur Datenanalyse Ärzte und Fachpersonal bald überflüssig sein?

Katz: In naher Zukunft gehe ich davon eher nicht aus – eher von einem Zusammenspiel aus Technik und menschlichem Expertenwissen. Computer sind besser als Menschen darin, große Datenmengen zu organisieren, darzustellen und aufzurufen und unterstützen damit die optimale Patientenbehandlung. Zudem behalten medizinisch ermittelte Daten länger ihre Gültigkeit als zum Beispiel wirtschaftlich ermittelte Daten und helfen dabei, die Effizienz und das Risiko von Behandlungsmethoden zu belegen. Ein Grund dafür ist, dass die Behandlungsmethoden strengen Qualitätskontrollen unterliegen und erst nach langfristig sicherer Erprobung anerkannt sind. Jedoch entscheidet vor allem die Expertise und Erfahrung der Ärzte und Optometristen, ob und welche Behandlung sie empfehlen. Jedes Auge ist individuell und einzigartig und soll auch so betrachtet werden. In kritischen oder neuen Situationen während der Untersuchung oder eines Eingriffs fließen Erfahrungswerte noch maßgeblich in den Entscheidungsprozess mit ein. Die Daten bilden hier aktuell erst einmal nur die Grundlage und sicherlich wird die Zusammenarbeit von Ärzten, medizinischem Fachpersonal und Maschinen in Zukunft noch eine größere Rolle spielen

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:45283046)