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Thomas Baier, Cellent, zu SAP S/4HANA Berater treiben die technologische Revolution

| Autor / Redakteur: Thomas Baier / Nico Litzel

Seit einem Jahr ist viel davon die Rede, wie revolutionär SAP das ERP überarbeitet hat. Alles sei klarer und dabei auch leistungsstärker geworden – von den Benutzeroberflächen über Best Practices bis hin zur In-Memory-Datenbank. Haben die Kunden es in Zukunft leichter? Verlieren damit Heerscharen von SAP-Beratern ihren Job? Oder ist die Umstellung vielmehr das große Geschäft? Ein Blick auf die neue Lösung hilft weiter.

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Der Autor: Thomas Baier ist Senior Vice President SAP Consulting bei der Cellent AG
Der Autor: Thomas Baier ist Senior Vice President SAP Consulting bei der Cellent AG
(Bild: Cellent AG)

Die „alten“ Systeme SAP R/3, mySAP oder SAP Business Suite haben eine zentrale Struktur: ein Kern-System und ausgelagerte Satellitensysteme für einzelne Anwendungen. Hintergrund dafür ist die Möglichkeit, so die Leistung des Key Systems zu steigern und die ERP-Systeme auf individuelle Anforderungen anpassen zu können.

Weiterer Vorteil: Die Satellitensysteme verfügen über benutzerfreundliche Oberflächen, die auf den User abgestimmt werden können. Doch diese Architektur hat auch erhebliche Nachteile, die im Laufe der Zeit immer deutlicher werden. Komplexe Systemlandschaften machen mehr Arbeit, die Schnittstellen für die Anbindung müssen gepflegt werden. Schlimmer noch: Es können Dateninkonsistenzen zwischen Haupt- und Subsystemen entstehen.

Diese Tatsache führte dazu, dass beispielsweise Planungsdaten der Supply Chain mehrfach in unterschiedlichen Systemen und vor allem unterschiedlichen Datenmodellen gehalten und jegliche Änderungen bidirektional auf gleichem Stand gehalten werden mussten. Eine unter Umständen nicht unerhebliche zeitliche Verzögerung ergab sich durch den Datenaustausch zwischen den Systemen, was die bessere Performance der Einzelsysteme wiederum relativierte. Diese Komplexität des Systems führte dazu, dass sich rund um SAP eine eigene Beraterlandschaft entwickelt hat.

Größere Datenmengen nutzbar machen

Doch jetzt ist Veränderung angesagt: Big Data, das Internet der Dinge oder digitale Transformation – Schlagworte, die Aspekte eines grundlegenden Wandels in der Art des Wirtschaftens beleuchten. Letztlich geht es darum, immer größere Datenmengen hochperformant zu verarbeiten und nutzbar zu machen. Um dem gewachsen zu sein, hat SAP sein Angebot grundlegend reformiert und auf die neuen Herausforderungen angepasst.

Basis hierfür ist die In-Memory-Datenbank SAP HANA, in der die vorhandenen Daten zentral abgelegt und in Echtzeit verfügbar sind. Das ermöglicht höchste Performance ohne die aufwendige Pflege von Schnittstellen. Die Auswertungen können spontan gewählt werden und bis zum Ursprungsbeleg zurückgehen, vor allem aber greifen alle Subsysteme auf dasselbe Datenmodell zu, sodass Inkonsistenzen ausgeschlossen sind.

Mit S/4HANA steht nun auch ein neu aufgesetztes ERP-System on-premise oder in der Cloud zur Verfügung. Kurz zusammengefasst: Die Tabellen- und Datenstruktur wurde verändert und vereinfacht. Die „Fiori“ genannte Benutzeroberfläche ist durch einen sehr stark rollenorientierten Ansatz wesentlich intuitiver und auf beliebigen Endgeräten nutzbar. Ziel ist es, Reporting und Ergebnisrechnung, aber auch Simulationen und Hochrechnungen, einfacher und schneller zu machen: Sie erfolgen direkt aus dem ERP-System ohne zusätzlichen Datentransfer. Die Dimensionen des Einzelbelegs (aus dem Universal Ledger) bilden die Basis für operative Berichte – für internes und externes Rechnungswesen. Die wichtigsten Prozesse eines Unternehmens sind als Best Practice in S/4HANA Finance integriert. Bisherige Module beispielsweise für vertikale Aufgaben wurden so angepasst, dass sie über Fiori bedient werden können. Die Lösung ist dabei offen für alle anderen Softwareprodukte, die mit Konnektoren verbunden werden.

Kunden in den Startlöchern

Laut SAP sind derzeit rund 200 Kunden dabei, S/4HANA zu implementieren. Eine Studie von PAC (Pierre Audoin Consultants) aus dem Herbst 2015 zeigt, dass fast zwei Drittel der befragten Unternehmen über eine Migration nachdenken – aber noch nicht angefangen haben. Vorreiter sind bereits heute große Unternehmen, die den schnellsten Return on Investment erwarten können: Sie beginnen derzeit mit dem Einsatz des betriebswirtschaftlichen Kerns. Die neue Struktur im SAP-Angebot hat das Potenzial, die Arbeit in den Unternehmen – und vor allem in den Finanzbereichen – erheblich zu verändern. Die Kunden bekommen einfachere, schnellere Lösungen, die von überall erreichbar sind und erweiterte Analysemöglichkeiten bieten. Im Vordergrund der positiven Bewertung steht das Argument der Performancesteigerung. Wichtig ist es aber auch, auf Dauertrends wie Big Data oder Industrie 4.0 reagieren zu können.

Doch die Umstellung ist so ohne Weiteres nicht zu schaffen. Schon die Einführung der Software dauert, doch müssen auch die Prozesse im Hintergrund geändert werden. Das setzt viel Kommunikation bereits im Vorfeld und eine intensive Zusammenarbeit von bisher relativ getrennt voneinander arbeitenden Unternehmensbereichen voraus.

Es braucht aber auch Know-how darüber, was funktionieren kann – vor allem nachdem viele der eingesetzten ERP-Systeme individuell soweit angepasst wurden, dass sie weit von der Standardlösung abweichen. Hier muss geprüft werden, ob es sich lohnt, diese Eigenentwicklungen in eigenen Projekten auf die neue Struktur umzustellen.

Kein Wunder also, dass die Kunden erst langsam in S/4HANA einsteigen. IT und CFOs brauchen eine Rechtfertigung, die notwendigen Ressourcen freizubekommen. Welche Geschäftsanwendungen bringen den schnellsten Effekt? Wie kann man den Ablauf möglichst reibungslos gestalten?

Hauptaufgabe der Berater: der Wechsel zwischen den Welten

In den kommenden Jahren rechnen die Berater mit mehr Anfragen zur Implementierung von S/4HANA. Allerdings verschiebt sich ihr Aufgabengebiet: Mehr denn je liegt das Augenmerk auf den Prozessen im Unternehmen und ein detailliertes fachliches Konzept für die Migration mit Ist-Analyse, Zieldefinition und der Festlegung von Testszenarien. Der Hintergrund: Viele Unternehmen haben ihr SAP so auf ihre Bedürfnisse angepasst, dass derzeit ein Upgrade fast einer Neuinstallation gleichkommt. Viele der bisherigen – sehr individuellen – Satellitensysteme wurden nun in den Core Stack zurückgeführt und die Anpassungen können nicht fortgeführt werden.

Aufgabe der Berater ist es nun, zu definieren, wie man den Kundenprozess in S/4HANA abbilden kann: Was kann im SAP ausgeführt werden? Müssen die Prozesse im Unternehmen verändert werden? Die Strategie ändert sich zudem, wenn Cloud oder eine Hybridlösung zum Thema werden. Viele Kunden denken darüber nach, ein On-premise-Modell mit der Cloud zu verbinden – oft in der Form, die eigentlichen S/4HANA-Lösungen in der Cloud zu betreiben, individuellere Anwendungen hingegen on-premise. Das verlangt viel Consulting im Vorfeld.

Während der Migration ist es erstes Ziel, die Ausfallzeit des Systems zu minimieren und einen Datenverlust zu verhindern. Dafür braucht es viel Insider-Wissen zu SAP, das nur durch langjährige Projekterfahrung entstehen kann. Auch ist ein tiefer Einblick in die neuen Systeme nötig, denn abgesehen vom S/4HANA Core Stack basieren die alten Programme noch auf der herkömmlichen Tabellenstruktur.

Tests unter realen Bedingungen

Spezialisten wie Cellent erfüllen diese Anforderungen in eigenen Projektteams, haben aber auch im Haus eine eigene Testumgebung aufgebaut, um Modelle unter Real-Life-Bedingungen ausprobieren zu können. Denn mit CDS View wurde zwar ein Interpretationslayer geschaffen, der zwischen HANA und den alten Programmen vermittelt, doch behindert der intensive Einsatz dieser Technik auf der anderen Seite alle Chancen, alte Zöpfe konsequent abzuschneiden und in eine neue Welt einzudringen. Und genau diese Balance muss ein Berater halten.

Spezialisten im S/4HANA-Umfeld brauchen also ein erhebliches Maß an Kompetenzen: Es gibt heute bei Cellent eigene Migrationsspezialisten, die die alten und neuen Systeme kennen und die Migrationstools von SAP beherrschen. Sie wissen, wie die Abläufe im Unternehmen sind und welche speziellen Anforderungen für einzelne Branchen gelten – aber auch, bei welchen Prozessen sich ein Testlauf anbietet. Große Bedeutung kommt im Rahmen von S/4HANA auch den Sicherheitskonzepten mit Rollenkonzepten und Berechtigungen zu.

Doch Fachwissen alleine reicht nicht. Eine fundierte Erfahrung aus einer Vielzahl von SAP-Projekten ist essenziell, um die maßgeschneiderten Module in die neue Umgebung einzupassen und den laufenden Betrieb zu gewährleisten. Genauso wichtig ist aber das Know-how rund um S4/HANA, das durch eine Zertifizierung schwarz auf weiß bestätigt ist. Für eine reibungslose Umsetzung müssen Berater vor Ort im intensiven Kontakt zum Kunden arbeiten, um mit dessen Informationen und Zielvorgaben eine solide FeasibiIity Study und eine realistische Roadmap zu entwickeln.

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