Die Corona-Krise hat unser Leben mit einer Radikalität verändert, wie wir es vor wenigen Wochen noch für unmöglich gehalten haben. Damit einhergehend hat der Virus auch unsere Wirtschaft in Teilen zum Erliegen gebracht. Wo Unternehmen bis Anfang März noch in komfortablen wirtschaftlichen Positionen waren, geht es wenige Wochen später um Existenzkampf und grundlegende Zukunftsfragen.
Der Autor: Oliver Bracht ist Chief Data Scientist und Mitgründer von Eoda
(Bild: Eoda)
Während das Umdenken beim Klimawandel als eine kontinuierliche, aber eher schleichende Entwicklung nur sehr langsam erfolgt, gilt es in der Corona-Krise für Unternehmen, schnell auf die massiv veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren.
Corona-Krise fördert Turbo-Digitalisierung
Diese Reaktion mündet beinahe zwangsläufig in Investitionen in die Digitalisierung. Während Digitalunternehmen, wie im E-Commerce, nur geringe Anpassungsschwierigkeiten haben und teilweise von der aktuellen Situation sogar profitieren, werden andernorts Digitalisierungsdefizite schonungslos aufgezeigt. Von der Schaffung von Home-Office-Möglichkeiten bis zum digitalen Produktvertrieb: Die Digitalisierung wird zum Schlüsselthema für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit von Unternehmen.
Ein bekanntes Problem wird akut
Der neuartige Corona-Virus hat dabei aber nur längst bekannte Handlungsfelder und die bestehenden Pain Points offengelegt. Auf den Schmerz folgt die Reaktion. Die technische Infrastruktur wird im Eilverfahren verbessert, historisch gewachsene Prozesse digital neugedacht und Ressentiments über Bord geworden. Kurzum: Wenn die Corona-Krise Vieles zum Erliegen gebracht hat, hat sie auf der anderen Seite die Kraft und das Potenzial, digitale Technologien nachhaltig voranzutreiben. Denn mehr noch als die digitale Infrastruktur wird sich – so ist zu hoffen – das Mindset der handelnden Akteure verändern. Es ist erlebbar, was es bringt, wenn digitale Chancen konsequent genutzt werden und was passiert, wenn dies unterbleibt.
Es geht um Grundlegendes: Was ist darüber hinaus aktuell möglich?
Die aktuellen Initiativen in puncto Digitalisierung drehen sich überwiegend um die Grundausstattung, um das Fundament – stabile Internetverbindungen oder die passende Hardware. Richtigerweise, denn es sind die grundlegenden Ansatzpunkte, um arbeitsfähig zu bleiben oder es zumindest schnell wieder zu werden.
Aber was passiert darüber hinaus? Kann die Corona-Krise auch dazu führen, Unternehmen in puncto KI und Co. anzutreiben?
Kürzlich wurde ich im Rahmen eines Webinars gefragt, ob ich es für realistisch halte, in der aktuellen Situation komplexe Data-Science-Leistungen zu verkaufen. Ich bin überzeugt, dass gerade jetzt Data Science für Unternehmen zum Teil der Lösung werden kann. Diese Überzeugung kommt aus der Beobachtung der aktuellen Situation und den Signalen unserer Kunden und Partner.
5 Gründe wieso Data Science Unternehmen in der Corona-Krise hilft:
Mehr Akzeptanz: Eine häufig wahrzunehmende Hürde von Initiativen in den Bereichen Machine Learning und Data Science war die Erreichung einer flächendeckenden Akzeptanz. Akzeptanz zum Beispiel für datengestütztere Wege der Entscheidungsfindung. Die Corona-Pandemie konfrontiert die Menschen tagtäglich mit der Notwendigkeit, wichtige Entscheidungen auf empirischer Basis zu treffen. Das gesamte Verständnis über die Ausbreitung des Corona-Virus basiert auf den verfügbaren Daten und daraus abgeleiteten Prognosen. Eine kanadische Gesundheitsplattform war mittels KI in der Lage das neuartige Coronavirus vor der WHO zu erkennen. Mehr noch: Die konsequente Datenerfassung und -nutzung wird immer mehr zu einem essenziellen Baustein zur Eindämmung der Pandemie. Im Erfolgsfall wird das Datenpotenzial für jeden erlebbar und die Erkennung von Chancen kann die Grundskepsis überwinden.
Mehr Effizienz: Experten prognostizieren ein Andauern von Einschränkungen in unserem Alltag für bis zu 18 Monate. Abstandsregelungen, Kurzarbeit, Quarantäne-Maßnahmen oder die außerplanmäßige Kinderbetreuung: In dieser langen Zeitspanne leiden Unternehmen unter einer deutlichen Verknappung der Arbeitsressourcen. Einer der zentralen Ansatzpunkte von Data Science ist die Erhöhung der Prozesseffizienz. Eine zustandsbezogene Maschinenwartung auf Basis von Sensordaten kann zum Beispiel helfen auch bei geringeren Ressourcen genau die Instandhaltungsmaßnahmen zu ergreifen, die wirklich nötig sind. Verlässlichere Absatzprognosen auf Basis historischer Abverkäufe und aktueller äußerer Einflüsse können eine bedarfsgerechtere Produktion ermöglichen.
Weniger Kosten: Natürlich ist die Realisierung und Produktivsetzung von Data-Science-Vorhaben mit Kosten verbunden, aber diese Investition kann sich derzeit besonders auszahlen. Denn ergänzend zum Aspekt der Effizienzsteigerung, kann Data Science in eines der derzeit entscheidendsten Themen einzahlen: Die Kostenreduktion. Optimierte Lagerkapazitäten mit geringer Kapitalbindung oder präzisere Preisprognosen für den Rohstoffeinkauf: Der Anspruch von Data Science ist es, Daten in (strategisches) Wissen zu verwandeln. Dieses Wissen ist das objektive Fundament besserer Entscheidungen. Selten zuvor war es so entscheidend für Unternehmen im Gros bessere Entscheidungen zu treffen, um unnötige Kosten zu vermeiden und gut durch diese Krise zu kommen.
Die Disruptionswirkung der Krise: Die Corona-Krise und ihre zahlreichen Begleiterscheinungen zeigen, wie schnell einzelne Leistungen und ganze Geschäftsbereiche nicht mehr funktionieren können. Für viele Unternehmensentscheider kann diese Krise zur Zeit des Umdenkens werden. Wie sind wir bislang mit der Digitalisierung umgegangen? Wie können wir bestehende Defizite aufholen und sogar gestärkt aus der Krise kommen? Corona als Startschuss, um Leistungen und Services oder ganze Geschäftsmodelle zu überdenken. Corona aber auch als Reset-Taste, um bislang weniger erfolgreiche Digital-Initiativen neu auszurichten. Der Anreiz: Datengestützte Features als skalierende neue Umsatzquellen und zukünftige Differenzierungsmerkmale am Markt.
Mehr Zusammenhalt: Zum Abschluss die Hoffnung, dass sich die in weiten Teilen der Gesellschaft spürbare Solidarität und das zunehmende Gemeinschaftsgefühl auch auf das Wirtschaftsleben übertragen lassen. In vielen KI-Initiativen ist ein Konflikt um die Datenhoheit zu beobachten. Dabei liegt der Erfolg in der Zusammenarbeit. Mein Eindruck ist, dass die Parteien darauf warten, dass der jeweils andere den ersten Schritt macht. Die Krise kann Bewegung in dieses Thema und eine Abkehr vom Datensilo-Denken bringen – unternehmensintern und vielleicht auch darüber hinaus.
Die Corona-Pandemie ist längst ein Jahrhundertereignis. Ich bin überzeugt, dass die Signalwirkung auf die Digitalisierung der Wirtschaft beim Rückblick auf diese Zeit mehr als nur eine Randnotiz sein wird.
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