Die Welt, wie wir sie heute kennen, befindet sich in einer technologischen Revolution, angeführt von Künstlicher Intelligenz (KI). In diesem Wettlauf sind Länder wie die USA und China längst führend, während Deutschland immer weiter zurückfällt. Was können Politik, Wirtschaft und letztlich auch die Gesellschaft, jeder einzelne von uns tun, um diese Entwicklung zu stoppen und Deutschland fit für die Zukunft zu machen?
Fabian Westerheide
(Bild: Thomas Tiefseetaucher)
In zehn Thesen beleuchtet KI-Experte, Investor und Buchautor Fabian Westerheide verschiedene Faktoren und gibt Handlungsimpulse, wie Deutschland zu einer souveränen KI-Nation werden kann.
1. Kulturwandel
Wir brauchen einen Kulturwandel, der uns aus der Lethargie und „German Angst“ herausholt und zurück ins Handeln bringt. Die Einstellung der breiten Öffentlichkeit zum Einsatz von KI muss sich ändern. Diese sollte als Chance und nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Eine umfassende Imagekampagne könnte die positiven Aspekte von KI in den Bereichen Bildung, Verkehr, Industrie und Gesundheit hervorheben und ein breites Verständnis für diese Technologie schaffen.
2. Bildungsoffensive: KI verstehen und anwenden
KI als Chance zu begreifen ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Ebenso wichtig ist es KI zu verstehen. Jeder kann sich mit einer einfachen Code-Sprache beschäftigen und unterschiedliche KIs wie Midjourney oder ChatGPT ausprobieren. Und ständig kommen neue Tools hinzu.
Doch auch das deutsche Bildungssystem bedarf einer grundlegenden Neuorientierung und Modernisierung. Denn eine umfassende Bildung ist der Schlüssel zur Erschließung brachliegender Potenziale. Die Vermittlung von umfassendem Technologie- und KI-Wissen sollte so früh wie möglich in Kindergärten, Schulen und Hochschulen erfolgen, um die nächste Generation auf eine KI-zentrierte Zukunft vorzubereiten. Darüber hinaus bedarf es umfassender Aus- und Weiterbildungsangebote für die arbeitende Bevölkerung.
Lebenslanges Lernen und B2B-Education sind unabdingbar. Wir dürfen nicht aufhören, uns fortzubilden. Alle Menschen müssen verstehen lernen, was Digitalisierung und KI bedeuten, damit sie sie anwenden, nutzen, fördern und vor allem bewusst damit umgehen können. Egal, ob im Berufsalltag oder im Privatleben.
3. Großes Potenzial: KI – Made in Germany
Deutsche Produkte sind bis heute im In- und Ausland für ihre hohe Qualität und Zuverlässigkeit bekannt. Die deutsche Innovationskraft in Verbindung mit höchsten Qualitätsstandards kann technologische (KI-)Produkte hervorbringen, die in ihrer Zuverlässigkeit und Langlebigkeit weltweit ihresgleichen suchen. In Kombination mit deutscher Hard- und Software kann jedes Produkt von „KI – Made in Germany“ profitieren. Dazu ist allerdings ein branchenübergreifender Wandel notwendig. Weg vom Einzelkämpfertum, hin zu einer Industrie, die Wissen und Daten teilt und gemeinsam vernetzt als nationales Ökosystem auftritt, um global wettbewerbsfähig zu sein.
4. Eigene Datenkartelle und Rechenzentren
Wir brauchen eine vernetzte Industrie und heimische Datenkartelle. Diese können helfen, dieses nationale industrielle Ökosystem aufzubauen. Sie ermöglichen durch den Austausch von Daten innerhalb der deutschen Industrie einzigartige Wettbewerbsvorteile, die anderen Ländern und Nationen nicht zugänglich sind. Nur durch Kooperation kann es gelingen, Deutschland wieder zu einer führenden Industrienation zu machen. Ich wünsche mir, dass wir Standards setzen, die weltweit anerkannt sind. Eines Tages verkaufen wir nicht nur unsere Maschinen, sondern exportieren auch „AI Made in Germany“ in die Welt. Und dieses Attribut steht dann für Sicherheit, Vertrauen, Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit. Ich wünsche mir deshalb einen deutschen KI-Standard, der nicht durch Bürokratie glänzt, sondern durch Zuverlässigkeit und Genauigkeit.
Aber damit das funktioniert, brauchen wir die entsprechende Infrastruktur. Wir müssen uns von amerikanischen und chinesischen Chipherstellern unabhängiger machen und brauchen eigene Rechenzentren und Halbleiterhersteller in Deutschland
5. Grüne und nachhaltige KI
Mit KI können wir dem Klimawandel begegnen, die Biodiversität und die Ökosysteme der Ozeane erhalten, unsere Wasserversorgung sichern und unsere Luft sauber halten. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, auch durch Vorhersagen, unsere Umwelt und unser Leben widerstandsfähiger gegenüber Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen zu machen. Gleichzeitig sind Digitalisierung und KI alles andere als klimaneutral. Die weltweite Tech-Industrie ist für etwa vier Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Stand: 08.12.2025
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Deutschland hat aufgrund seiner starken Forschungslandschaft und Industrie die Chance, eine führende Rolle im Bereich „Grüne KI“ einzunehmen, Vorreiter bei der Entwicklung energieeffizienter KI-Anwendungen und ressourcenschonender Produkte zu werden. Dazu ist in den kommenden Jahren viel Forschung und Entwicklung notwendig, um KI mit geringem Material- und Energieeinsatz betreiben zu können. Mögliche Wege sind z. B. energieeffiziente Rechenzentren, nachhaltige Rohstoffbeschaffung und Recycling von Seltenen Erden.
6. Es braucht ein Zukunftsministerium
Damit wir das Ziel „AI Made in Germany“ erreichen, sollte aus meiner Sicht vor allem das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) federführend an der Umsetzung einer nationalen KI-Strategie beteiligt sein. Ebenso wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das sich bereits mit dem Thema beschäftigt. Hier braucht es nun eine klare und übergreifende KI-Strategie über alle Ministerien und Legislaturperioden hinweg. Genauso, wie es einer klaren Digitalstrategie für Deutschland bedarf. Forschung ist wichtig, doch noch wichtiger ist die Umsetzung. Wir bräuchten ein Zukunftsministerium, das auch für Digitales zuständig ist – oder ein Digitalministerium mit Zukunftspolitik. Jedenfalls ein Ministerium, in dem ständig darüber nachgedacht wird, welche Auswirkungen unser aktuelles Handeln auf die Zukunft und die nachfolgenden Generationen hat. Dieses Zukunftsministerium sollte ambitionierte Ziele für den Zeitraum 2030 bis 2050 setzen und die Richtung für die technologische Zukunft Deutschlands vorgeben. Darüber hinaus sollte es über die Mittel verfügen, innovative Ideen und Projekte – mit geringen bürokratischen Hürden – im angemessenen Rahmen finanziell zu unterstützen.
7. Anwender und Vorbild: Der Staat muss digital werden
Die deutsche Bürokratie ist weltberühmt für ihre Rückständigkeit, ihre Langsamkeit und für ihre analoge Arbeitsweise, die schon so manche Bürgerin und Bürger an den Rand des Wahnsinns getrieben hat und die niemand mehr nachvollziehen kann. Dabei ist es dringend notwendig, dass der Staat eine führende Rolle bei der Anwendung von KI-Produkten übernimmt. Das würde nicht nur die Digitalisierung des öffentlichen Sektors vorantreiben, sondern auch die heimische KI-Branche stärken und andere Branchen ermutigen, Zukunftstechnologien zu nutzen. Der Staat als Anwender ist der beste Beweis für das Vertrauen in ein Produkt. Wenn er anfängt zu digitalisieren, dann wird das auf die Bürger abfärben. Denn sobald der Staat digital denkt und handelt, werden auch wir damit anfangen.
8. Es braucht altes Geld für neue Technologien
In anderen Ländern ist es üblich, dass Vermögende Stiftungen gründen, in Start-ups und Innovationen investieren. In Deutschland wird das Vermögen der nächsten Generation bevorzugt in „Betongeld“ oder andere „sichere“ Anlageklassen investiert, um Risiken zu minimieren. Dabei wäre es wichtig, dem Beispiel von Dieter Schwarz und Susanne Klatten zu folgen und Teile des eigenen Vermögens für den Aufholprozess Deutschlands zurück an die Weltspitze zur Verfügung zu stellen. Das würde die Innovationskraft des Landes stärken und zu einer besseren Zukunft beitragen.
9. Ein Staatsfonds für Zukunftsfähigkeit
Das deutsche Steuerrecht lässt bisher zu große Lücken bei der Besteuerung virtueller Produkte und Dienstleistungen. Dadurch entgehen dem Staat jährlich Milliarden Euro, die über einen Staatsfonds die Zukunftsfähigkeit des Landes finanzieren könnten. In diesen Staatsfonds, der gezielt und ausschließlich in Bildung und Zukunftstechnologien investiert, könnten neue Steuerarten wie eine Transaktionssteuer auf KI-gestützten Aktienhandel oder eine Besteuerung des Datenhandels fließen. Damit wäre sichergestellt, dass Steuereinnahmen direkt in die Förderung einer fortschrittlichen Gesellschaft fließen. Eine Umwidmung dieser Einnahmen zur Finanzierung von Renten oder zum Stopfen anderer kurzfristig auftretender „Lücken“ muss ausgeschlossen werden.
10. Experten-Demokratie
Unser Land ist die Heimat vieler Expertinnen und Experten. Deshalb brauchen wir dringend eine Demokratie, die auf echtem Sachverstand beruht. Fachkompetenz muss bei der Besetzung politischer Ämter im Vordergrund stehen, um fundierte Entscheidungen zu treffen und die technologische Zukunft Deutschlands aktiv zu gestalten.
Fazit: Jetzt handeln!
Meine zehn Thesen sind ein Aufruf, umgehend tätig zu werden. Deutschland hat das Potenzial, hinsichtlich KI eine führende Rolle in der Weltwirtschaft einzunehmen. Aber nur durch Bildung, Investitionen, Innovation und den Mut von Politik, Unternehmen und Gesellschaft, neue Wege zu gehen, können wir dieses Ziel gemeinsam erreichen.
Über Fabian Westerheide
Fabian Westerheide gilt als einer der führenden Köpfe der Künstlichen Intelligenz (KI) in Deutschland. Als Investor, Unternehmer und Netzwerker im Bereich KI hat Westerheide zahlreiche Unternehmen und Institutionen auf ihrem Weg in die Zukunft mit KI begleitet und geprägt. Derzeit ist er Gründungspartner des KI-fokussierten Venture Capital-Investors AI.FUND und investiert seit 2014 privat über Asgard Capital in KI-Unternehmen.
Gemeinsam mit seiner Frau Veronika Westerheide lädt er seit 2016 jährlich zur Konferenz „Rise of AI“ nach Berlin ein.