Kommentar von Stephen Dyson, Proto Labs So gelingt der Einstieg in die Industrie 4.0

Autor / Redakteur: Stephen Dyson / Nico Litzel |

Willkommen in der Zukunft: Willkommen zu Industrie 4.0. Bislang wenig genutzt, fragen sich Hersteller und Unternehmen, wie sie die Chancen, die Industrie 4.0 offeriert, am besten nutzen können. Stephen Dyson, Leiter von Industrie 4.0 beim Anbieter für digitale Fertigungsdienstleistungen Proto Labs, gibt Tipps aus erster Hand.

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Der Autor: Stephen Dyson ist Leiter Industrie 4.0 bei Proto Labs
Der Autor: Stephen Dyson ist Leiter Industrie 4.0 bei Proto Labs
(Bild: Proto Labs)

Die Euphorie rund um Industrie 4.0 ist förmlich greifbar. Die sogenannte vierte industrielle Revolution führt gerade einen Wandel herbei, der durch den wirksamen Einsatz von digitaler Fertigung, Robotik und Automatisierung neue Chancen eröffnet. Für viele Hersteller stellt sich hinsichtlich Industrie 4.0 jedoch die nüchterne Frage: Wenn digitale Fertigung und Automatisierung die Zukunft sind, wie lassen sich diese Technologien in ihrem Unternehmen einführen?

In der Diskussion um Industrie 4.0 ging es bislang mehr um das Ziel als um den Weg dorthin. Auf moderner Automatisierung und Robotik basierende internetfähige Fertigungsprozesse bieten ein beispielloses Niveau an Produktivität, Qualität und Effizienz und ebnen völlig neuen Geschäftsmodellen, wie Servitization und Build-to-Order, den Weg.

Die Herausforderung liegt in der Umsetzung, also dem Weg vom derzeitigen Istzustand von Unternehmen hin zu einer Zukunft, die durch digitale Fertigung und einen hohen Automatisierungsgrad geprägt ist. Diese Entwicklung betrifft nicht nur den Fertigungsbereich, sondern das weitere Unternehmensumfeld und darüber hinaus die Lieferkette. Schließlich ist Industrie 4.0 mehr als nur ein anderer Fertigungsansatz, sondern bedeutet auch eine komplett neue Herangehensweise ans Lieferkettenmanagement.

Ein Paradigmenwechsel

Bedenken Sie die Auswirkungen von Industrie 4.0 und digitaler Fertigung auf traditionelle Fertigungs- und Geschäftsprozesse. Die Welt von Industrie 4.0 kennt extrem kurze Durchlaufzeiten, bedarfsorientierte Produktion und kundenspezifische Massenproduktion und bietet Herstellern – unabhängig von ihrer Größe – eine Chance, auf globaler Ebene wettbewerbsfähig zu sein.

Daher wird die traditionelle Wertschöpfungskette – von der Fabrik zum Großhändler, vom Großhändler zum Einzelhändler und vom Einzelhändler zum Verbraucher (wobei jede Stufe mit einem Puffer an großen Lagerbeständen verbunden ist) – geschickt durch digitale Verbindungen umgangen. Kunden können Produkte direkt bestellen und dabei mit Online-Tools zur Produktkonfiguration und webbasierten ERP-Systemen zur Auftragsannahme interagieren. Nach Eingang der Bestellung können Fertigung und Abwicklung automatisch erfolgen.

Manche Hersteller werden dies als Hype oder Science-Fiction abtun. Doch auf eigene Gefahr: Im Business-to-Business-Bereich nimmt Industrie 4.0 bereits konkrete Formen an. So kombinieren Hersteller digitale Fertigungstechniken mit Internetkonnektivität, um die Kunst des Machbaren tiefgreifend zu transformieren.

Internetfähige Fertigung

Proto Labs beispielsweise verwendet Spitzentechnologien in den Bereichen 3D-Druck, CNC-Bearbeitung und Spritzguss, um Teile innerhalb weniger Tage herzustellen. Unser Unternehmen ist somit im Bereich der digitalen Fertigung der weltweit schnellste Anbieter von individuell hergestellten Prototypen und Kleinserienteilen. Produktdesignern und Ingenieuren auf der ganzen Welt bietet sich so der Vorteil beispiellos kurzer Produkteinführungszeiten.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Stärke dieses Ansatzes nicht in den einzelnen Bestandteilen der von uns verwendeten Produktionstechnik liegt, sondern in der Art und Weise, wie die digitale Fertigung diese Techniken innerhalb eines digitalen Ende-zu-Ende-Prozesses verfügbar macht, der beim Kunden beginnt und mit dem Versand eines Teils oft nur einen Tag nach der Bestellung endet.

So bietet zum Beispiel unser webbasiertes automatisiertes Angebotssystem Preisangaben in Echtzeit. Diese werden von unserer firmeneigenen Software bereitgestellt, die digitale 3D-CAD-Modelle in Anweisungen für Hochgeschwindigkeits-Fertigungsanlagen übersetzt. Erfahrene Anwendungstechniker sind bei teilebezogenen Fragen sowie bei der Service- und Werkstoffauswahl behilflich. Die Designanalyse erfolgt innerhalb weniger Stunden und nicht erst nach Tagen. Dies alles wird unterstützt durch ein webbasiertes Geschäftsmodell, das eine einfache und komfortable Nutzung unserer Dienstleistungen ermöglicht – egal, ob Sie in Birmingham, Bangalore oder Brisbane sitzen.

Den Sprung schaffen

Es ist offensichtlich, dass derartige Möglichkeiten ein völlig anderes Paradigma darstellen als herkömmliche Geschäftsmodelle und die traditionelle Wertschöpfungskette. Sie machen beispielsweise Investitionen in Integration notwendig. Backoffice-Systeme müssen auf den neuesten Stand gebracht und Webanwendungen für Kunden entwickelt werden. Die Analyse nimmt einen höheren Stellenwert ein. Unternehmen sind in der Regel der Ansicht, dass sich das Qualifikationsprofil ihrer Belegschaft ändern muss. Traditionelle Fertigungskompetenzen verlieren an Bedeutung, während Qualifikationen in den Bereichen digitale Fertigung, Robotik und Automatisierung immer wichtiger werden.

Manche erinnert Industrie 4.0 stark an die unbeaufsichtigte Fertigung der 1980er-Jahre, als das Personal im Zuge der Automatisierung komplett durch Roboter ersetzt werden sollte. Dies ist natürlich nie eingetreten. Nicht weil die Technologie dem nicht gewachsen wäre, sondern weil sich das zugrunde liegende Geschäftsmodell nicht geändert hatte. Bei Industrie 4.0 ist es anders. Hierbei liegt der Fokus nicht so sehr auf der Technologie, sondern auf den betriebswirtschaftlichen Vorteilen, die die Technologie mit sich bringen kann.

Aus unserer Erfahrung heraus können wir Ihnen daher raten, die geschäftlichen Vorteile, die sich aus den technologischen Fortschritten von Industrie 4.0 ergeben, zu nutzen. Kurz gesagt: Die digitale Fertigung besteht aus einer Reihe von Verknüpfungen, um Kunden mit Geschäftsprozessen und Produktionstechnologien zu verbinden. Der erste Schritt könnte also sein, diese Verknüpfungen herzustellen und jede neue Verbindung als ein Voranschreiten auf dem Weg der digitalen Fertigung anzuerkennen, dessen Ziel Industrie 4.0 ist.

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