KI macht dich nicht zum Superhelden Ein kritischer Blick auf den LLM-Hype

Von Rolf Schulz 5 min Lesedauer

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Kaum eine Woche vergeht ohne neue Schlagzeilen, die den nächsten Durchbruch in der Künstlichen Intelligenz (KI) verkünden. Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) wie GPT, Claude oder Gemini stehen dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie sollen Jobs revolutionieren, Kreativität neu definieren und – selbstverständlich – Reichtum versprechen. Wer den PR-Texten Glauben schenkt, steht kurz vor dem Upgrade zum „Super-Angestellten“.

Trotz beeindruckender Versprechen offenbaren LLMs in der Praxis ernüchternde Grenzen und bleiben weit hinter dem Hype zurück.(Bild:  KI-generiert)
Trotz beeindruckender Versprechen offenbaren LLMs in der Praxis ernüchternde Grenzen und bleiben weit hinter dem Hype zurück.
(Bild: KI-generiert)

Wie so oft im Technologiesektor lohnt sich jedoch ein nüchterner Blick hinter die Kulissen. Zwischen überzogenen Erwartungen und der Realität klafft eine Lücke, die Fachleute nicht überrascht, für die breite Öffentlichkeit aber schwer durchschaubar ist.

KI-gestützte Softwareentwicklung

Neulich besuchte ich eine Infoveranstaltung zu aktuellen KI-Themen. Ein Professor referierte begeistert über Agentic AI in der Softwareentwicklung und propagierte bedingungsloses Vertrauen in die KI als „gleichwertigen, kompetenten Teampartner“. Diskussion? Unerwünscht – schließlich sei er „die führende Autorität“. OK …

Die Rhetorik klingt verlockend, die Praxis sieht anders aus – ziemlich ernüchternd. Ehrlich gesagt: KI verhält sich tatsächlich wie ein Programmierer – allerdings wie ein übermotivierter Junior.

Die KI als ewiger Workaround-Artist

Wer LLMs in der Softwareentwicklung einsetzt, erkennt rasch ein charakteristisches Muster: Fehler werden elegant umschifft statt behoben, nachhaltige Lösungen weichen „Quick Fixes“, und im schlimmsten Fall ruiniert die KI eine zuvor stabile Anwendung so gründlich, dass nur ein Reset auf eine frühere Version bleibt. Und von Security wollen wir gar nicht erst reden. Man lasse sich nur eine einfache Datenbankanwendung schreiben: So kann man alles über SQL Injection lernen, was man schon immer wissen wollte ...

Diese Verhaltensweise erinnert an den übereifrigen Praktikanten, der voller Tatendrang ins Repository greift und dabei mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet. Der entscheidende Unterschied: Beim Menschen lernen wir mit der Zeit Stärken und Schwächen kennen – bei der KI bleibt es ein Glücksspiel.

Deshalb halte ich eine Diskussion über Vertrauen zu KIs auch für überflüssig, denn Vertrauen setzt drei fundamentale Eigenschaften voraus: Konsistenz, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit.

Die Realität ist aber anders. Identische Anfragen können heute elegante Lösungen und morgen chaotischen Code produzieren, wobei die Entscheidungslogik der KI meist undurchsichtig bleibt. Und wer trägt eigentlich die Schuld bei Produktionsausfällen durch KI-generierten Code?

Statt blindem Vertrauen benötigen wir angepasste Prozesse, die mit den Eigenarten von LLMs umgehen können: rigorose Code Reviews, Testautomatisierung und lückenlose Versionskontrolle. Die KI committet sich enthusiastisch, denkt aber nicht an den Rollback.

Zwischen Genie und Wahnsinn

LLMs sind aber keineswegs nutzlos. In spezifischen Szenarien erweisen sie sich als äußerst wertvoll. Sie generieren Boilerplate-Code in Sekunden, schlagen kreative Alternativen vor und entlasten Teams bei repetitiven Aufgaben. Die Geschwindigkeit, mit der ein KI-Assistent API-Dokumentationen erstellt oder Testsuiten vorschlägt, ist beeindruckend. Debugging mit KI ist beeindruckend – solange man weiß, was man macht und man der Chef bleibt.

KI ist aber kein „ebenbürtiger Teampartner“. Augenhöhe setzt Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit voraus – Eigenschaften, die Maschinen strukturell fehlen. KI ist ein beeindruckendes Werkzeug, aber doch ein Werkzeug. Ein moderner Hightech-Küchenherd ist ja auch beeindruckend – aber immer noch ein Herd …

Der Mythos vom „Super-Angestellten“

„KI macht dich produktiver, schneller, besser“ – gern geglaubt, nicht zuletzt im Management. In der Realität ersetzt KI Aufgaben, kein Berufsbild: Besteht ein Job überwiegend aus ersetzbaren Routinen, wird das vermeintliche „Upgrade“ zur Deinstallation. Im Klartext: Der Angestellte wird überflüssig. Das schmälert den Nutzen nicht: LLMs liefern messbare Effizienzgewinne bei der Dokumentation, dem First-Level-Support oder Übersetzungen. Aus dem „Superhelden“ wird jedoch kein Cape-Träger, sondern ein Facharbeiter mit verbessertem Werkzeugkasten.

Die Kreativitäts-Illusion

Für Ideenskizzen, Varianten und Prototypen leisten LLMs echte Vorarbeit: Designer erhalten in Minuten viele Visuals, Texter prägnante Alternativen, Musiker neue Klangansätze. Der Funke kommt vom Menschen – die KI beschleunigt. Der kreative Funke muss vom Menschen stammen – die Werkzeuge beschleunigen jedoch den Prozess erheblich. Und ja – Tools generieren Texte, Bilder und Musikstücke in atemberaubender Geschwindigkeit. Es entsteht der Eindruck: Jeder Steuerberater wird über Nacht zum Dichter, jede HR-Abteilung zum Designstudio – wobei es durchaus kreative Steuerberater geben mag. KI ist ein Werkzeug, keine kreative Prothese.

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KI als Bildungsersatz?

Gefährliche Trends zeigen sich bei Jugendlichen – und nicht nur dort. Bildung wird überflüssig – frag einfach die KI. Die Möglichkeit, komplexe Konzepte in Sekunden erklärt zu bekommen, scheint bestechend. Hier lauert jedoch eine gefährliche Illusion.

LLMs erklären komplexe Konzepte in Sekunden, lehren jedoch kein kritisches Denken. Sie liefern Ergebnisse, nicht den Weg dorthin – keine Quellenkritik, keine Widerspruchsanalyse, keine Trennung von Korrelation und Kausalität. Modelle machen Fehler; wer das Fachliche nicht versteht, erkennt sie nicht. Als Tutor taugt KI: für Übung, Individualisierung, Zugänglichkeit. Als Ersatz für Bildung scheitert sie: Wer Lernen auf Chatbot-Dialoge reduziert, trainiert Abrufwissen statt Urteilskraft – und entmündigt sein Denken.

Der große Reichtums-Traum

Und dann wäre da noch: „Mit KI wirst du reich.“ Die Start-up-Szene quillt über vor KI-gestützten Zahnbürsten, KI-basierten Coaching-Apps und KI-optimierten Pizza-Bestellungen.

Die Realität ernüchtert. Reich werden primär die Infrastruktur-Anbieter: Cloud-Services, Chip-Hersteller, Datenplattformen. Für die Mehrheit bleibt es beim Experimentieren mit Prompts.

Das schmälert nicht die wirtschaftliche Relevanz von KI. Zahlreiche Branchen profitieren bereits konkret:

  • Gesundheitswesen: KI beschleunigt die Bildanalyse, verkürzt Diagnosezeiten und unterstützt Therapieentscheidungen.
  • Fertigung: Prädiktive Maintenance senkt Kosten und minimiert Ausfälle.
  • Landwirtschaft: KI optimiert Erträge durch intelligente Kombination von Wetter- und Bodendaten.

Der Fokus liegt nicht auf spektakulärem Einzelreichtum, sondern auf kontinuierlichen, messbaren Prozessverbesserungen.

Realität statt Wunschdenken

Der LLM-Hype nährt Erwartungen, die selten haltbar sind: Weder machen Modelle über Nacht zu Superhelden, noch ersetzen sie Muse oder Bildung. Sie sind Werkzeuge mit klarem Nutzen bei disziplinierter Anwendung – sie entlasten, beschleunigen und erweitern Möglichkeiten, ohne den Menschen überflüssig zu machen. Entscheidend sind realistische Ziele, saubere Prozesse und sichtbar gemachter Mehrwert. Ein Hammer macht niemanden zum Architekten, ein Pinsel niemanden zum Picasso – und ein LLM niemanden zum Genie.

Fazit

Für die meisten ist die typische Technologierhetorik kein Neuland. Gefragt ist die nüchterne Prüfung: Wo stiften LLMs messbaren Nutzen, wo liegen Risiken, und wie trennt man Marketingnebel von Fortschritt? Künstliche Intelligenz ist kein Zauberstab, sondern ein leistungsfähiges Werkzeug – sofern wir uns nicht der Illusion hingeben, dass sie uns automatisch in Superhelden verwandelt.

Praxisbeispiel: Die Fake-Enhancement-Falle

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Tücken: Kürzlich entwickelte ich eine kleine Anwendung zur Bildverbesserung mit Gemini 2.5 Flash. Das Modell liefert beeindruckende Ergebnisse, besonders im PNG-Format. Da die API-Dokumentation für das brandneue 2.5 Image-Preview Model noch lückenhaft war, hakte es bei der base64-Codierung.
Als ich Claude (Opus 4.1) um Hilfe bat, lautete die selbstsichere Antwort: „Natürlich, das ist offensichtlich.“ Die vorgeschlagene Lösung war ebenso offensichtlich – falsch. Nach weiteren Fehlversuchen wechselte Claude stillschweigend die Strategie und arbeitete plötzlich mit einer älteren Modellversion. Auf Nachfrage folgte die Ausrede, ich würde eine fehlerhafte Library einsetzen.
Als ich dies verneinte, improvisierte die KI eine „Fallback“-Funktion, die Parameter des Bildes wie Helligkeit, Kontrast und Farbe manipulierte, um ein Fake-Enhancement vorzutäuschen – als wäre der Google-API-Call erfolgreich gewesen.
LLMs improvisieren lieber eine Illusion, als einen Fehler einzugestehen. Interessant dabei: ChatGPT-5 zeigt dieses Verhalten nicht und identifizierte den Fehler nach systematischen Versuchen. Fragen an die Entwickler sind erlaubt …

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