Kommentar von Stefan Bär, Nagarro Digitale Transformation als Produktinkubator für den Mittelstand

Von Stefan Bär 3 min Lesedauer

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In vielen mittelständischen Unternehmen sind erste Industrie-4.0-Konzepte etabliert, Maschinen vernetzt, ERP-Systeme modernisiert und erste Cloud- oder KI-Anwendungen im Einsatz. Auf den ersten Blick wirkt die Digitalisierung weit fortgeschritten. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Denn trotz erheblicher Investitionen entstehen nur selten neue digitale Produkte, skalierbare Services oder nachhaltige Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung bleibt fragmentiert und ihr wirtschaftlicher Effekt damit begrenzt.

Der Autor: Stefan Bär ist CTO und Business Unit Leiter bei Nagarro und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in Software-Engineering, Enterprise-IT und Innovationsmanagement. (Bild:  Nagarro)
Der Autor: Stefan Bär ist CTO und Business Unit Leiter bei Nagarro und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in Software-Engineering, Enterprise-IT und Innovationsmanagement.
(Bild: Nagarro)

Ein zentrales Muster, das sich in vielen mittelständischen Unternehmen zeigt, ist die fehlende strategische Klammer über Digitalisierungsinitiativen hinweg. Digitalisierung erfolgt häufig projektweise, getrieben von einzelnen Fachbereichen oder akuten technischen Notwendigkeiten. Was fehlt, ist ein übergeordnetes Zielbild: Wie soll das Unternehmen in fünf oder zehn Jahren Wert schaffen und welchen Beitrag leisten digitale Technologien dazu?

Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit des Mittelstands: In vielen Unternehmen existiert keine eigenständige CTO-Rolle. Technologie- und IT-Entscheidungen werden häufig aus der Finanzperspektive getroffen, etwa durch den Chief Financial Officer. Das ist nachvollziehbar, denn IT-Investitionen sind kostenintensiv und risikoanfällig. Gleichzeitig führt diese Konstellation dazu, dass Digitalisierung primär als Effizienz- und Kostenfrage behandelt wird, nicht als Hebel für Wachstum oder Innovation.

Die Folge: Investitionen konzentrieren sich auf Stabilität, Compliance und Betriebssicherheit. Zukunftsfragen wie etwa neue digitale Erlösmodelle oder datenbasierte Services bleiben im Hintergrund. So wird die Digitalisierung nicht gestaltet, sondern lediglich verwaltet.

Die Pilotfalle: Technologie ohne Geschäftslogik

Dieses strukturelle Defizit zeigt sich besonders deutlich beim Einsatz neuer Technologien wie Cloud-Plattformen oder Künstlicher Intelligenz. Viele Unternehmen experimentieren mit modernen Tools, starten Pilotprojekte oder Proofs of Concept. Doch nur wenige schaffen den Schritt in die produktive Skalierung.

Nur selten liegen die Gründe dafür in der Technologie selbst. Häufig fehlt die Antwort auf eine einfache, aber entscheidende Frage: Welches Geschäftsproblem lösen wir und welchen konkreten Mehrwert schaffen wir für Kunden? Ohne klaren Kundennutzen definierte Zielgruppen und messbare KPIs bleiben Projekte isoliert. Daten liegen und bleiben in Silos, Prozesse sind nicht integriert, Verantwortlichkeiten unklar. So entsteht die bekannte Pilotfalle: technisch machbar, wirtschaftlich wirkungslos.

Wenn ERP-Migration Transformation blockiert

Ein weiterer Bremsklotz ist die starke Fokussierung auf große IT-Pflichtprogramme, allen voran ERP-Migrationen. Die Umstellung auf moderne ERP-Plattformen ist für viele mittelständische Unternehmen unvermeidbar. Sie bindet jedoch erhebliche Ressourcen, sowohl finanziell als auch organisatorisch. Budgets, IT-Kapazitäten und Managementaufmerksamkeit werden über Jahre hinweg konzentriert.

Das Thema Transformation rutscht in dieser Situation auf der Agenda nach unten. Innovationen verschieben sich auf die Zeit nach dem Go-live. In der Praxis heißt das oft: Digitalisierung reduziert sich auf Systemerneuerung. Die Chance, parallel neue digitale Produkte oder Services zu entwickeln, bleibt ungenutzt.

Servitization: Vom Produkt zum integrierten Leistungsversprechen

Gerade hier liegt jedoch ein zentrales Zukunftspotenzial für den Mittelstand. Internationale Wettbewerber zeigen, dass Wachstum zunehmend dort entsteht, wo physische Produkte mit digitalen Services kombiniert werden, etwa durch datenbasierte Wartung, nutzungsabhängige Abrechnungsmodelle oder digitale Plattformen rund um den Produktlebenszyklus.

Servitization bedeutet mehr als ein zusätzliches Serviceangebot. Sie erfordert ein Umdenken: weg vom einmaligen Produktverkauf, hin zu integrierten Produkt-Service-Systemen. Daten werden dabei nicht nur zur Prozessoptimierung, sondern zum strategischen Asset als Basis neuer Wertschöpfung. Voraussetzung dafür sind klare Verantwortlichkeiten, eine tragfähige Datenarchitektur und die enge Verzahnung von Business, IT und Organisation.

Transformation ist kein IT-Projekt

Aus unserer Praxis lautet eine zentrale Erkenntnis: Digitalisierung allein reicht nicht aus. Entscheidend ist die Fähigkeit, Technologie in tragfähige Geschäftsmodelle zu übersetzen. Das erfordert eine andere Perspektive auf IT, nicht als Kostenblock, sondern als Enabler für neue Produkte, Services und Kundenerlebnisse.

Wenn Unternehmen diesen Weg einschlagen, betrachten sie Transformation nicht als Abfolge technischer Projekte, sondern als unternehmerische Aufgabe. Sie verbinden Systemmodernisierung mit strategischer Neuausrichtung, bauen interdisziplinäre Teams auf und entwickeln digitale Fähigkeiten entlang klarer wirtschaftlicher Ziele.

Jetzt handeln, statt weiter zu zögern

Der deutsche Mittelstand hat in den vergangenen Jahren viel investiert. Doch Zögern kostet Zeit – und zunehmend auch Wettbewerbsfähigkeit. Wer Digitalisierung weiterhin fragmentiert betreibt und Transformation aufschiebt, riskiert den Anschluss an Märkte, in denen digitale Services längst zum Standard gehören.

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