Von der Corona-Pandemie über den blockierten Suez-Kanal bis hin zum Ukraine-Krieg: Die Stapelkrisen der vergangenen Jahre haben verdeutlicht, wie verwundbar unsere Lieferketten sind. Die Digitalisierung ist ein zentraler Hebel, um sie belastbarer zu machen; doch viele Unternehmen – auch in Deutschland – lassen Potenziale ungenutzt. Dabei sollten sie gerade jetzt in digitale Lösungen investieren und die gewonnenen Daten, wo immer möglich und sinnvoll, mit Partnern, Lieferanten und Kunden teilen. Das birgt großes Potenzial, um ihre Lieferzuverlässigkeit zu sichern.
Der Autor: Dr. Sebastian Fabel ist Head of Digital Supply Chain Services bei thyssenkrupp Materials Services
(Bild: thyssenkrupp Materials Services)
Im internationalen Vergleich bewegt sich Deutschland bei der Digitalisierung eher im Mittelfeld – das wirkt sich auch auf die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts aus. Der mangelnde Antrieb für die digitale Transformation hat dabei viele Gründe; von hartnäckigen Legacy-Systemen über komplizierte Anforderungen an die Governance bis hin zum fehlenden Vertrauen in digitale Strukturen. Doch der digitale Wandel hat nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen höchste Priorität. Er sichert auch unsere Versorgung. Denn unsere Lieferketten sind nicht nur hochkomplex und globalisiert, sondern angesichts der anhaltenden Stapelkrisen auch fragil.
Die Digitalisierung der Supply Chain ist das Mittel der Wahl, um diesen Risiken zu begegnen, weil sie frühzeitig Transparenz in die Lieferkette bringt und Anpassungen vorgenommen werden können. Dabei wird immer deutlicher, dass dies für ein einzelnes Unternehmen nicht als Insellösung realisierbar ist. Vielmehr bedarf es lieferkettenübergreifender Kollaborationen, in denen alle Beteiligten an einem Strang ziehen, um ihr Ziel zu erreichen: eine resiliente Versorgungsstruktur, in der Materialien und Produkte stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Doch wie lassen sich solche End-to-End-Datenkollaborationen (E2E) aufbauen?
Der Bullwhip-Effekt: ein vermeidbares Risiko
Der Bullwhip-Effekt ist ein Risiko, für das es im Supply Chain Management lange Zeit keine praktikable Lösung gab. Er entsteht, wenn die Nachfrage von Endkonsumenten unvorhergesehenen Schwankungen unterliegt und Pufferanteile in Bestellungen entlang der Lieferkette intransparent sind. Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Hersteller möchte einen ungewöhnlich großen Kundenauftrag erfüllen und bestellt bei seinem direkten Lieferanten (Tier-1) unerwartet eine große Menge an Bauteilen. Um diese produzieren zu können, bestellt der Tier-1-Lieferant bei seinen Zulieferern (Tier-2-Lieferanten) viele Teile – „sicherheitshalber“ mehr, als zur Erfüllung des Auftrags benötigt werden. Die Tier-2-Lieferanten bestellen ihrerseits reichlich Material bei ihren Zulieferern. Sie wissen nicht, dass bereits ein Puffer eingeplant ist und bestellen ebenfalls etwas mehr, als sie akut benötigen. Wenn sich dies über mehrere Stufen der Lieferkette fortsetzt, wird es immer wahrscheinlicher, dass ein Glied der Lieferkette nicht mehr vollständig liefern kann. Da niemand die Pufferanteile der vorgelagerten Aufträge kennt, fällt die Entscheidung selten auf eine anteilige Lieferung. Stattdessen wird die Lieferkette (vorübergehend) lieferunfähig. Diesen Effekt haben wir alle zu Beginn der Corona-Pandemie im Supermarkt erlebt, etwa bei Nudeln.
Grundsätzlich verfügen wir heute aber über Technologien, mit denen wir den Bullwhip-Effekt in seine Schranken weisen können, indem die Transparenz in der Lieferkette erhöht wird. Dazu ist vor allem ein Umdenken erforderlich. Allen Unternehmen muss klar sein, dass ihr wirtschaftlicher Erfolg auch von stabilen Lieferketten abhängt. In den Lieferketten der Zukunft ist deshalb vertrauensvolle Zusammenarbeit gefragt – auch zwischen Parteien, die eigentlich im Wettbewerb zueinanderstehen.
Transparenz durch Vernetzung
Über die gesamte Lieferkette hinweg sollten alle Stakeholder Daten miteinander teilen, um Lieferengpässe zu vermeiden – nicht nur solche, die durch den Bullwhip-Effekt entstehen. Informationen können aber nur dann mit Partnern geteilt werden, wenn sie Unternehmen vollständig und digital zur Verfügung stehen. Wichtig ist dabei, dass diese neuen digitalen Systeme nicht losgelöst von bestehenden Systemen (etwa in der Produktion) eingeführt werden. Vernetzung ist das A und O – sowohl innerhalb des eigenen Betriebs als auch über die gesamte Lieferkette hinweg. Ganz in diesem Sinne treibt thyssenkrupp Materials Services, der größte werksunabhängige Werkstoffhändler und -dienstleister der westlichen Welt, den Aufbau einer lieferkettenübergreifenden E2E-Datenkollaboration voran.
Die Grundidee der E2E-Datenkollaboration hat großes Potenzial für resiliente Lieferketten. Wenn sich alle Beteiligten einer Lieferkette, vom OEM bis Tier-n, gegenseitig Einblick in bestimmte Datensätze gewähren, können sie nicht nur dem Bullwhip-Effekt aktiv entgegenwirken, sondern ganz allgemein ihre Lieferkette resilienter, effizienter und nachhaltiger machen. Die bessere Planbarkeit sorgt für effizientere und dadurch ressourcenschonendere Prozesse, indem beispielsweise Leerfahrten minimiert werden können. Auch Bedarfsanpassungen können schnell vorgenommen werden.
E2E-Datenkollaboration: alle Karten auf den Tisch?
Im Supply Chain Management großer Unternehmen fallen riesige Datenmengen an. Viele Unternehmen haben deshalb bereits begonnen, ihr Lieferkettenmanagement mit KI-basierten Werkzeugen zu unterstützen – insbesondere im Demand Forecasting bestehen immense Potenziale. Künstliche Intelligenz kann bereits heute auf Basis bestimmter Kennzahlen (wie Vergangenheits- und Marktwerten sowie bestehender Bedarfsprognosen) noch akkuratere Forecasts berechnen. Diese Datenmengen mit der gesamten Lieferkette zu teilen, ist jedoch nicht nur technisch unrealistisch, sondern auch nicht zielführend. Wichtige Schritte beim Aufbau einer E2E-Datenkollaboration sind daher, Datenformate zu standardisieren und Kommunikationsschnittstellen mit ausreichender Kapazität zu entwickeln und implementieren. Darüber hinaus müssen die beteiligten Unternehmen festlegen, welche Daten überhaupt ausgetauscht werden sollen. Besonders vielversprechend sind Transaktionsdaten wie Aufträge oder Bestellungen. Insbesondere durch ihre Verfügbarkeit – schließlich kann man in der Regel davon ausgehen, dass sie gut gepflegt und aktuell sind – bieten sie viele Vorteile für die E2E-Datenkollaboration und minimieren den Aufwand für Unternehmen.
Stand: 08.12.2025
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Beispielsweise könnten Transaktionsdaten in anonymisierter Form für die gesamte Lieferkette sichtbar und damit mögliche Pufferanteile in Aufträgen transparent gemacht werden. Lieferanten können auf Basis dieser Informationen bessere Entscheidungen treffen, zum Beispiel über optimale Bestellmengen oder inwiefern sie Teillieferungen realisieren. Gleichzeitig sehen die Unternehmen Bestellungen, die auf nachgelagerten Stufen in der Lieferkette eingehen und in logischer Konsequenz einen baldigen Auftrag für sie bedeuten. So können sie ihre Forecasts und ihre Materialbedarfsplanung agil anpassen. Das ist effizienter und befähigt Unternehmen beispielsweise durch angepasste Routenverläufe dazu, noch nachhaltiger zu agieren.
Ein Blick in die Zukunft: Die Potenziale sind noch nicht ausgeschöpft
E2E-Datenkollaboration ist vielversprechend und hat die Chance, das Supply Chain Management der Zukunft zu transformieren. Denn im Alleingang fehlen wertvolle Perspektiven, etwa aus unterschiedlichen Unternehmensgrößen, Industrien und vor allem aus dem Netzwerk. Es zeigt sich: Die heute bereits genutzten Potenziale sind nur der Anfang. Um die immensen Potenziale aus E2E-Datenkollaboration zu realisieren, ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verschiedener Akteure über alle Projektphasen (d. h. von der Entwicklung bis zur Umsetzung) erforderlich. Denn am Ende kommt es auch auf den „Faktor Mensch“ an, um die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen und die übergreifende digitale Supply Chain in den kommenden Jahren auf ein neues Level zu heben.