Wenn erfahrene Fachkräfte in Rente gehen, verschwindet oft kritisches Prozesswissen aus der Produktion. Ansätze mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) versprechen Abhilfe. Doch wo kann sie im Wissensmanagement konkret einen Mehrwert bieten?
Viele Unternehmen stehen vor dem gleichen Risiko: Prozesswissen steckt in Köpfen, nicht in Systemen. Wenn erfahrene Mitarbeitende gehen, entstehen Lücken in Qualität, Effizienz und Problembehebung.
(Bild: Workerbase)
Der demografische Wandel verschärft ein strukturelles Problem in der Industrie: Kritisches Prozess- und Erfahrungswissen ist oft an einzelne Personen gebunden und nur unzureichend dokumentiert. Während Anlagen, Produkte und Varianten komplexer werden, sinkt gleichzeitig die Zeit, in der neues Personal dieses Wissen erlernen kann. Die Folge sind längere Störungsbehebungen, steigende Fehlerquoten und wachsende Abhängigkeiten von wenigen Experten. Hier verspricht KI-gestütztes Wissensmanagement Abhilfe. Doch Für welche Prozesse eignet sich das und wie lässt sich Wissen technisch erfassen?
Welche Wissensbestände technisch erfassbar sind
Aus technischer Sicht ist es entscheidend, zwischen verschiedenen Wissensarten zu unterscheiden.Für KI gestütztes Wissensmanagement ist entscheidend, zwischen beobachtbarem und implizitem Wissen zu unterscheiden:
Erfassbar: Prozedurale Abläufe wie Rüst- und Wechselvorgänge, Maschineneinstellungen, Troubleshooting-Schritte, Prüfprozesse oder logistische Handlungen. Dieses Wissen manifestiert sich in konkreten Aktionen und ist an Maschinen, Varianten oder Umgebungsbedingungen gebunden.
Nur begrenzt erfassbar: Implizite Entscheidungsheuristiken, strategische Überlegungen oder abstrakte Erfahrungswerte ohne klar sichtbare Handlung.
Damit gilt: Technisch erfassbar ist vor allem Wissen, das sich in beobachtbaren Schritten ausdrückt. Wissensmanagement wird überall dort wirksam, wo Handlungen dokumentiert und kontextualisiert werden können.
Warum klassische Dokumentationsansätze scheitern
Viele Unternehmen setzen weiterhin auf vorgelagerte Dokumentation: Arbeitsanweisungen, Checklisten, zentrale Wissensdatenbanken. In der Praxis scheitert das oft aus zwei Gründen:
1. Relevante Routinen werden nicht erkannt. Mitarbeiter wissen häufig selbst nicht, welche Feinheiten ihrer Arbeit entscheidend sind.
2. Kein Zeitfenster für Dokumentation. Gerade in Störfällen oder Engpässen ist spätere nachträgliche Dokumentation schlicht unrealistisch.
Ein zentraler Schwachpunkt klassischer Ansätze liegt darin, dass sie Wissen planen wollen, bevor klar ist, wo es tatsächlich fehlt. Relevante Wissenslücken werden jedoch meist erst im laufenden Betrieb sichtbar, wenn eine Aufgabe nicht wie vorgesehen abgeschlossen werden kann.
Ereignisbasierte Wissensentstehung im Arbeitsprozess
Ein alternativer Ansatz koppelt Wissensentstehung direkt an Ereignisse in der Produktion. Wissenslücken werden erfasst, wenn Mitarbeitende beim Arbeitsvorgang an Grenzen stoßen.
Ein Beispiel verdeutlicht das Prinzip:
Ein Produktionsband kommt zum Stillstand. Der anwesende Mitarbeiter kennt die Störung nicht und fordert über die Plattform Hilfe an. Automatisch werden qualifizierte Kollegen informiert. Ein erfahrener Techniker übernimmt, behebt den Fehler während der weniger erfahrene Mitarbeiter den Vorgang filmt oder dokumentiert. Die KI:
segmentiert das Videomaterial,
extrahiert relevante Schritte,
verknüpft die Handlung mit Maschinendaten, Fehlercodes und Varianten,
ordnet sie dem Kontext (Maschine, Produkt, Skill-Level) zu.
Beim nächsten ähnlichen Fehler liefert das System die passende Anleitung automatisch aus, bevor Hilfe angefordert werden muss.
Diese Form der Wissensentstehung ist situationsgetrieben, multimodal und kontextreich. Genau darin liegt der technische Mehrwert.
Datenquellen und Integration
Technisch basiert dieser Ansatz primär auf der Arbeitsausführung selbst. Die wichtigste Wissensquelle ist der Mensch in der konkreten Situation. Ergänzend sind Kontextsichten erforderlich, etwa:
Auftrags , Produkt und Varianteninformationen aus MES/ERP
Maschinen und Prozessdaten aus OT Systemen
Sensorik zur Zustandsüberwachung
CAD oder PDF-Dokumente sowie weitere Betriebsinformationen
Die Integration erfolgt typischerweise über industrielle Standardprotokolle und APIs. Sensorik liefert zusätzliche Zustandsinformationen, ersetzt jedoch keine wissensrelevanten Inhalte. Der eigentliche Integrationsaufwand liegt in der konsistenten Bereitstellung von Arbeits- und Prozesskontext über Systemgrenzen hinweg.
Rolle und Grenzen von KI
KI übernimmt drei Kernaufgaben:
1. Strukturierung von Inhalten: Segmentierung von Videos, Transkription, Zusammenfassungen.
2. Kontextualisierung: Verknüpfung von Handlungen mit Maschinenzuständen, Varianten oder Skills.
3. Situative Ausspielung: Bereitstellung von Wissen genau dann, wenn es im Prozess relevant ist.
Wichtig ist jedoch eine realistische Erwartungshaltung:
KI erkennt nicht autonom, welches Wissen wichtig ist, sofern kein Ereignis vorliegt.
Fachliche Validierung bleibt notwendig — Versionierung und Freigaben sind zentrale Elemente industrieller Wissenssysteme.
KI ersetzt keine Erfahrung, sondern macht vorhandenes Erfahrungswissen skalierbar und reproduzierbar.
Messbare Ergebnisse aus der Praxis
In der Praxis zeigen sich unter anderem verkürzte Störungsbehebungszeiten, geringere Wiederholfehler und stabilere Prozessqualität. Ein Beispiel liefert der Fahrradhersteller Royal Dutch Gazelle: Durch die digitale Erfassung von Bandstillständen, kontextbezogene Unterstützung der Mitarbeitenden und die strukturierte Rückführung von Problemlösungen in den Arbeitsprozess konnte die Stillstandszeit um 35 Prozent reduziert werden. Auf gleicher Infrastruktur werden dadurch rund 3.500 zusätzliche Fahrräder pro Jahr produziert. Der Effekt entstand nicht durch zusätzliche Dokumentation, sondern durch die systematische Verfügbarkeit von Erfahrungswissen genau dort, wo es im Betrieb benötigt wurde.
Was in der Praxis nicht funktioniert
Grenzen zeigen sich bei hochabstrakten kognitiven Tätigkeiten ohne beobachtbare Handlungen sowie bei stark automatisierten Prozessen mit seltenen menschlichen Eingriffen. Ebenso scheitern Ansätze, die auf Vollständigkeit oder zentrale Wissenssammlungen setzen, ohne den Nutzungskontext zu berücksichtigen. Wissensmanagement kann operative Kompetenz absichern und verbreitern, aber keine Erfahrung ersetzen.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Fazit
Industrielles Wissensmanagement ist keine Dokumentationsaufgabe, sondern eine Systemfrage. Technisch wirksam wird es dort, wo Arbeitskontext, Ereignisse und Wissen miteinander verknüpft sind. KI fungiert dabei als Infrastruktur zur Strukturierung und Verteilung.
Die Grenze verläuft dort, wo Wissen nicht beobachtbar, nicht validierbar oder nicht kontextualisierbar ist.
Über den Autor
Norman Hartmann.
(Bild: Workerbase)
Norman Hartmann ist CEO und Mitgründer der Workerbase GmbH. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung von Produktions- und Shopfloor-Prozessen und verbindet technisches Produktverständnis mit einem Fokus auf nutzerzentrierte Softwarelösungen für die Industrie. Vor der Gründung von Workerbase sammelte er Erfahrung in internationalen Technologieunternehmen, unter anderem in den Bereichen Produktentwicklung und digitale Plattformen.