Die Messlatte liegt hoch: Bis 2045 will Deutschland klimaneutral werden, bis 2030 seine Emissionen im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent mindern. Um das zu schaffen, braucht es ein neues Wirtschaftskonzept. Wo heute lineare Wertstoffkreisläufe an der Tagesordnung sind, soll deshalb künftig die Circular Economy für mehr Nachhaltigkeit sorgen. Daten spielen dabei eine tragende Rolle.
Der Autor: Mathias Kaldenhoff ist Partner Sustainability & Innovation Management – Office of the Chief Technology Officer bei SAP
(Bild: SAP)
Drückende Hitzewellen, anhaltende Dürren, unzählige Überschwemmungen: Die vergangenen Monate haben eindrücklich gezeigt, wie sich der Klimawandel auf die Erde auswirkt. Trotz aller Warnzeichen einer drohenden Klimakatastrophe bleiben die globalen Treibhausgas-Emissionen auf Rekordniveau. Das belegt der Forschungsbericht „Global Carbon Budget 2022“. Anzeichen für einen Rückgang seien nicht erkennbar. Höchste Zeit gegenzusteuern, konstatierten Mitte November 2022 dementsprechend einmal mehr die Teilnehmerländer der 27. Weltklimakonferenz in Ägypten.
Circular Economy ist mehr als Recycling
Das Cradle-to-Cradle-Konzept im Überblick
(Bild: SAP)
Neben der konsequenten Reduzierung der weltweiten Treibhausgas-Emissionen liegen die Hoffnungen im Kampf gegen den Klimawandel auch auf der sogenannten Circular Economy. Wer dabei automatisch an klassische Kreislaufwirtschaft, Recyclinghöfe und Pfandsysteme denkt, befindet sich aber auf dem Holzpfad. Das Konzept der Circular Economy fokussiert nämlich nicht nur die Weiterverwertung von Reststoffen, sondern den gesamten Produktlebenszyklus – von der Rohstoffbeschaffung bis zur Wiederverwertung.
Eine konsequente Circular Economy betrachtet dabei sowohl den biologischen als auch den technologischen Kreislauf. Während der biologische Kreislauf darauf abzielt, natürliche Ressourcen wieder der Natur zurückgegeben, geht es im technologischen Kreislauf darum, biologisch nicht abbaubare Güter, wie beispielsweise Kunststoffe oder Chemikalien verlustfrei zu neuen Gütern weiterzuverarbeiten und so einen geschlossenen Stoffkreislauf sicherzustellen. Davon profitiert nicht nur das Klima: Laut einer Deloitte-Studie könnte der konsequente Ausbau der Kreislaufwirtschaft die bundesweite Bruttowertschöpfung um zwölf Milliarden Euro ankurbeln, die Importabhängigkeit der Prozessindustrie verringern und zugleich die inländische Wertschöpfung erhöhen.
Die gesamte Wertschöpfung im Fokus
Das klingt gut, erfordert von der Wirtschaft allerdings ein rigoroses Umdenken: Unternehmen müssten Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten neu ausrichten, Produktlebenszyklen gezielt in den Fokus rücken. Um die dafür erforderlichen Informationen zu sammeln und zu nutzen, braucht es leistungsstarke digitale Technologien“, sagt Michael Heinze, Vorstand bei der Intense AG. Denn zirkuläre Lösungen können ihr Gesamtpotenzial erst entfalten, wenn sich Stoffströme und Ressourcennutzung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg nachverfolgen und steuern lassen. „Spezifische Echtzeitdaten entlang der gesamten Wertschöpfungskette bilden deshalb das Fundament für eine effiziente und effektive Kreislaufwirtschaft“, so Heinze.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt Climate Solution for Industries (CS4I) an. Darin entwickeln mehrere Partner – darunter SAP, Intense und das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) – eine Software, die Unternehmen den Weg in die Kreislaufwirtschaft erleichtern soll. „Ziel ist es, CO2-Emissionen in allen an die Produktion angeschlossenen Bereichen wie Lagerhaltung, Abfallentsorgung oder Transport und Logistik sichtbar zu machen und zu senken“, sagt der Intense-Vorstand. Dazu werden relevante Unternehmens-, Energie- und Transport-Daten sowie weitere Einflussfaktoren auf der SAP Business Technology Platform zusammengeführt und mithilfe intelligenter Simulationsmodelle in Echtzeit ausgewertet. Diese Erkenntnisse helfen Unternehmen, die richtigen Weichen für energie- und ressourceneffizientere Prozesse zu stellen.
Nachhaltiges Energiedatenmanagement
Aufseiten der Industrie treibt unter anderem Gerolsteiner das CS4I-Projekt mit voran. Der Getränkehersteller bekennt sich klar zum Klimaschutz und will bis 2030 seinen CO2-Fußabdruck am Hauptsitz in der Eifel im Vergleich zu 2016 um knapp 60 Prozent senken. Dazu nimmt Gerolsteiner sowohl die biologischen als auch die technologischen Kreisläufe in den Blick. So hat das Unternehmen beispielsweise gemeinsam mit SAP und Intense eine Software entwickelt, mit der sich die Mineralwasserentnahme und -abfüllung je nach Produktionsbedarf passgenau planen und steuern lässt. Der Vorteil: „Wir entnehmen das Wasser konstant, vermeiden dadurch ein ständiges An- und Abfahren der Pumpen und produzieren weniger Ausschuss“, sagt Arnd Büchsenschütz, Gerolsteiner-Betriebsleiter für Prozess- und Verfahrenstechnik. Die Basis dafür schafft die nahtlose Integration der Mess- und Planungsdaten. Denn dadurch lassen sich durchschnittliche Verbräuche und benötigte Mengen fundiert prognostizieren.
Stand: 08.12.2025
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Im Rahmen des CS4I-Projekts sollen nun sowohl die Produktion als auch die Transportwege von Gerolsteiner nachhaltiger ausgerichtet und der tatsächliche CO2-Fußabdruck jedes einzelnen Produkts unter die Lupe genommen werden. Die Basis dafür liefert der sogenannte „True-Footprint-Index“ (TFI), der die tatsächlichen Zusammenhänge sämtlicher Einflussfaktoren auf den ökologischen Fußabdruck des Getränkeherstellers abbildet. Der TFI geht also weit über die Unternehmensgrenzen hinaus, berücksichtigt auch vor- und nachgelagerte Wertschöpfungsketten und ermöglicht damit fundierte Aussagen über den gesamten Lebenszyklus jedes einzelnen Produktes. Und genau die braucht es, um die Kreislaufwirtschaft in Gang zu bringen.
Circular Economy
Die Circular Economy gilt als Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft. Derzeit wird der Großteil der weltweiten Güter nach dem Prinzip „von der Wiege zur Bahre“ hergestellt. Bedeutet: Rohstoffe werden abgebaut, verarbeitet und die daraus produzierten Produkte erst genutzt und anschließend weggeworfen. Dagegen zielt die Circular Economy nach dem Motto „Cradle-to-Cradle“ (von der Wiege zur Wiege) auf ein abfallfreies Wirtschaftssystem ab. Im Gegensatz zum linearen Wirtschaftssystem steht dabei nicht nur der primäre Nutzen eines Produkts im Fokus. Vielmehr geht es darum, die verwendeten Rohstoffe nach der Nutzung wieder in den Wertschöpfungskreislauf einzubringen. Kostbare Ressourcen werden also nicht verschwendet, sondern wieder verwendet.