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Hannover Messe 2015 Von Salat und Sonntagsbraten zu Industrie 4.0

| Redakteur: Sylvia Lösel

In Hannover wurde der Begriff „Industrie 4.0“ mit viel Leben gefüllt. Doch noch gibt es viele Probleme. Angefangen bei zögerlichen Firmenchefs über Gesetzeslücken bei der Datenhoheit bis hin zu Medienbrüchen.

Perfekt auf den Punkt gebracht.
Perfekt auf den Punkt gebracht.
(Bild: © rainbow33 - Fotolia)

Wie hoch ist der Anteil von Kalium im Salat? In Japan misst Fujitsu diesen Gehalt und leitet ihn über die Cloud an Windows-Tablets wieder. Patienten mit Nierenleiden können sich so bedenkenlos einen Salat pflücken lassen, der ihnen keine gesundheitlichen Probleme macht. Ermöglicht wird dies durch ein Zusammenspiel von Fujitsus Eco-Management Dashbord, IoT-Plattform, Microsoft Cloud Services und den Tablets.

Miele und Microsoft haben vergangene Woche auf der Hannover Messe eine Partnerschaft bekanntgegeben. Während der eine auf ausgekochte Software setzt, hat der andere programmierbare Öfen im Portfolio. Nun aber werden diese beiden Zutaten zusammengerührt. Anwender sollen künftig auf der Miele-Webseite Rezepte und Menüvorschläge auswählen können. Ist eines davon selektiert, werden die notwendigen Arbeitsschritte auf das Smartphone oder Tablet des Anwenders und das passende Backprogramm mittels Microsoft Azure auf den Ofen heruntergeladen. Letzterer stellt dann automatisch die richtige Temperatur, Kochzeit, und Backprogramm ein. Im Moment befindet sich dieses Projekt noch in der Prototyp-Phase, künftig ist ein knuspriger Sonntagsbraten aber vorprogrammiert.

Von der Vision zur Realität

Dies sind nur zwei der Möglichkeiten, die Industrie 4.0 oder das Internet of Things zur Realität machen. „Das Digital Enterprise ist für uns längst keine Vision mehr. Schon heute verkaufen wir wichtige Bestandteile davon an unsere Kunden“, erläutert Klaus Helmrich, Mitglied des Vorstands der Siemens AG. Für die Anwender, sprich für die industriellen Kernbranchen, ist Industrie 4.0 allerdings nur zu 44 Prozent bereits Realität. Diese Zahlen nennt der Bitkom als Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. Befragt wurden dafür je 100 Unternehmen mit mindestens 100 Mitarbeitern aus der Automobilbranche, dem Maschinenbau, der chemischen Industrie sowie der Elektroindustrie. Dabei sind die Autobauer die eifrigsten. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass sich rund ein Viertel dieser befragten Unternehmen noch nicht mit dem Thema beschäftigt, dies aber in Zukunft in Erwägung zieht, weitere 14 Prozent verweigern sich dem Thema komplett.

Auf der Hannover Messe waren diese natürlich nicht zu finden. Hier brummt es in allen Hallen.

Von Software bis Service

Siemens widmet sich dem Thema über vier Bereiche hinweg: Software, Netzwerk, Sicherheit und Services. Für das Smart-Data-to-Business-Prinzip, nach dem Daten in Wissen und Geschäftsmodelle verwandelt werden, sieht Helmrich Siemens bestens gerüstet: mit seiner Kombination aus Domain-, Produkt- und Prozess-Know-how mit tiefen Software-, IT- und Analytik-Kenntnissen.

„Industrie 4.0 beschäftigt den Maschinenbau intensiv“, sagt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. Zwei Stolpersteine gelte es dabei von Brüssel und Berlin aus dem Weg zu räumen: Der Ausbau der Datennetze muss rasch vorankommen. „Und über rechtliche Rahmenbedingungen muss auf europäischer Ebene sichergestellt werden, dass das Know-how der Maschinenbau-Unternehmen geschützt bleibt, wenn sie ihre Daten zum Beispiel in eine Cloud stellen“, fügt Brodtmann hinzu. Allerdings kamen die Wachstumsimpulse zuletzt vor allem aus dem Ausland, „im Inland fehlt es an der rechten Investitionslaune“. Deshalb muss der Schwung aus Hannover nun auch die Berliner Politik erreichen, „es müssen investitionsfreundliche Rahmenbedingungen geschaffen werden“, fordert der VDMA-Hauptgeschäftsführer.

Schelte von EU-Kommissarin

Dies sieht auch die EU-Kommissarin Elzbieta Bienkowska so. In ihrer Keynote auf der Messe stellte sie klar, dass die EU ein Regelwerk für den Umgang mit den gesammelten Daten schaffen muss, im Hinblick auf Haftung, Sicherheit und Rechten an geistigem Eigentum. Außerdem will man in Brüssel auf Standardisierung pochen, um eine Fragmentierung des Industrie-4.0-Marktes zu verhindern.

Bienkowska betonte aber auch, dass es nicht die Aufgabe der EU sei, Industrie 4.0 umzusetzen. Diesen Job hätten die Unternehmen selbst. Ihr Vorwurf: Viele Unternehmer hielten Industrie 4.0 für eine Modeerscheinung, die schon an ihnen vorüber gehen würde. Das könne zum Bumerang werden. Auch EU-Kommissar Günther Öttinger hieb in dieselbe Kerbe: „Wenn wir nicht aufpassen, investieren wir in die Produktion von wunderbaren Autos, aber diejenigen, die die passenden Services dazu verkaufen, werden das Geld verdienen.“

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