Gefahren von Big Data, Teil 7

Verheißen Daten Gesundheit und ein langes Leben?

| Autor / Redakteur: Joachim Jakobs / Nico Litzel

Big Data soll einen gewaltigen medizinischen Fortschritt erlauben, doch wo bleibt der Datenschutz?
Big Data soll einen gewaltigen medizinischen Fortschritt erlauben, doch wo bleibt der Datenschutz? (Bild: © Vege – Fotolia.com)

Je länger der Mensch lebt, desto länger lässt sich an ihm verdienen. Daher will uns Google mit seiner Tochter Calico zum ewigen Leben verhelfen. Dazu ist aber mehr notwendig, als die menschlichen Erbanlagen zu entschlüsseln. So muss etwa geklärt werden, was eine Billion Lebewesen in einem Gramm Darminhalt so treiben.

Diesem Thema hat sich das weltweite „Mikrobiom“-Projekt verschrieben. Hinzu kommen die Eiweiße – die „Human Proteon Map“ hat in 30 menschlichen Organen unter anderem 17.000 Gene, 30.000 Proteine und 360.000 Peptide – eine besondere Form der Proteine – identifiziert.

Wie Google vergangenen Herbst bekanntgab, untersucht der Konzern in seiner „Baseline“-Studie Körperflüssigkeiten wie Urin, Blut, Speichel und Tränenflüssigkeit von 175 Personen, um herauszufinden, wie gesunde Menschen Lebensmittel, Nahrungsbestandteile und Medikamente verstoffwechseln. Bei den Untersuchungen wurde unter anderem die Herzfrequenz unter Stressbedingungen, das vollständige Erbgut der Probanden, die familiäre Gen-Historie und außerdem berücksichtigt – so Google – „wie chemische Reaktionen das Verhalten der Gene verändern“. In Zukunft soll die Studie auf „tausende“ Teilnehmer ausgedehnt werden. Dazu kooperiert der Konzern mit Ancestry (dt: „Abstammung“), einer Internetseite zur Ahnenforschung, die über Stammbäume von sieben Millionen Menschen verfügen soll.

Kontaktlinsen messen den Blutzuckerspiegel

Mit diesen Erkenntnissen lassen sich dann neue Produkte auf den Markt bringen – etwa Kontaktlinsen, die den Blutzuckerspiegel messen können. Und wenn die Kontaktlinse schon mal mithilfe von Google Messungen anstellt, kann man diesem Computer am Auge auch grade noch die Fähigkeiten von Googles Brille „Glass“ beibringen. So vermeidet der Träger künftig Anfeindungen wie „Glasshole!“.

Weitere Informationen könnten hinzukommen: Eine Japanische Studie hat sich 2007 mit dem Zusammenhang zwischen sozialem Status und Lebenswandel wie physische Arbeit oder Sport einerseits und Krankheiten wie Bluthochdruck, Schlaganfall und Krebs sowie deren jeweilige Behandlung andererseits beschäftigt. Gut möglich, dass soziologische Informationen nicht nur für die Behandlung von Krankheiten, sondern auch zur Lebensverlängerung eignen. Google könnte diese Daten ohnehin bereits hoch aufgelöst zur Verfügung haben.

Genomanalysen und Gesundheitsakten kombinieren

Die Daten wollen „intelligent“ ausgewertet werden. Damit her nichts dem Zufall überlassen bleibt, kommt auch hier die Informationstechnik zum Einsatz. So entwickelt die Hochschule Darmstadt mit Unterstützung der Europäischen Union Software zur Kombination von Genomanalysen und Gesundheitsakten. Diagnostiziert eine Ärztin etwa ein bestimmtes Krankheitsbild, erhält sie Informationen über erfolgreiche Behandlungen derselben Symptome in anderen Kliniken. Auch die Diagnose erhält künftig maschinelle Unterstützung: IBM hat eigenen Angaben zufolge Watson das Sehen beigebracht – und so soll die künstliche Intelligenz die Ärztin bei Diagnose, Behandlung und anschließender Beobachtung unterstützen.

Jürgen Schmidhuber, wissenschaftlicher Direktor am Schweizer Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz IDSIA in Lugano, behauptet in einem Interview mit HealthTech Wire: „Unsere neuronalen Netzwerke haben Wettbewerbe gewonnen, bei denen es darum ging, zu lernen, auf Mikroskopbildern von Brustgewebe Vorstufen von Krebszellen zu erkennen, ebenso wie ein erfahrener Histologe.“ Die gleiche Entwicklung fände auch in anderen Bereichen statt – etwa bei Röntgenbildern und Fotos.

Derzeit behindern für ihn Fragen nach den Konsequenzen von Fehlern und der Haftung die technische Entwicklung. Aber: „Langfristig allerdings wird man aber die Erfahrung machen, dass die künstlichen Systeme einfach besser sein werden als die Menschen. Dieser Tatsache wird irgendwann auch die Gesetzgebung Rechnung tragen müssen.“ Die vielfältige Forschung hat Erfolg: 90-Jährige sollen einer Dänischen Studie zufolge heute fitter sein als noch vor zehn Jahren.

Google und die Hochschule Darmstadt betonen dabei die Bedeutung des Datenschutzes. Der ist wichtig, denn sonst fordert womöglich die Überwachungskamera am Bahnhof irgendwann: „Herr Müller-Lüdenscheid: Sie sollten sich mit Ihrem Leberfleck an der Stirn bei Dr. Klöbner vorstellen – der ist in einem Monat um 33,5 Prozent gewachsen!“ Das Zauberwort beim „Datenschutz“ scheint den Protagonisten der vielen Daten die „Anonymisierung“ zu sein.

Deanonymisieren von Daten ist ein Kinderspiel

Wie einfach jedoch das Deanonymisieren ist, hat eine US-amerikanische Studentin Mitte der 1990er-Jahre nachgewiesen – und zwar ohne jegliche Datenanalysesoftware: Die Massachusetts Group Insurance Commission hatte entschieden, der Forschung Daten über alle Krankenhausbesuche aller Behördendiener zur Verfügung zu stellen. Zuvor jedoch wurden die Daten „anonymisiert“: Dazu wurden Namen, Adressen und Sozialversicherungsnummern entfernt.

Das spornte das Jagdfieber der damals angehenden Informatikerin Latanya Sweeney an: Sie wollte die Krankenakte von William Weld, dem Gouverneur von Massachusetts. Sie wusste, dass Weld im dortigen Cambridge – eine Stadt mit 54.000 Einwohnern und sieben Postleitzahlbezirken – wohnte. Daraufhin kaufte sie für 20 Dollar das Wählerverzeichnis der Stadt – in dem sich unter anderem Namen, Adressen, Postleitzahlen, Geburtsdatum und Geschlecht von jedem Bürger fanden.

Gouverneur Weld zu finden, soll recht einfach gewesen sein: Nur sechs Personen hatten das gleiche Geburtsdatum wie er, nur drei davon waren Männer und von diesen Dreien lebte allein er in diesem Postleitzahlbezirk. Anschließend schickte sie ihm seine Krankenakte – einschließlich Diagnosen und Verschreibungen – ins Büro. In ihrer späteren Arbeit wies Sweeny nach, dass sich mit den Parametern Geburtsdatum, Postleitzahl und Geschlecht 87 Prozent aller Amerikaner identifizieren lassen.

Jetzt zu den Möglichkeiten des Informationszeitalters – überraschend ungeschminkt erläutert diese das Big-Data-Unternehmen Datarella aus München auf seiner Internetseite und die Probleme beim Umgang mit Daten: „Sie sind so reichhaltig und so individuell, dass es stets möglich ist, auf einzelne Personen zurückzugreifen. Eine Anonymisierung, z. B. dadurch, dass man die Userkennung oder die IP-Adresse löscht, ist nicht möglich. Wie ein Fingerabdruck können wir über die Spur identifiziert werden, die wir in den Daten hinterlassen.“

Problem Datensicherheit

Neben dem Datenschutz will die Datensicherheit wohlüberlegt sein: Im März 2014 wurde bekannt, dass die Daten von einer halben Million Patienten des nationalen britischen Gesundheitsdienstes NHS ins Internet gelangt waren. Die Daten sollen unter anderem das Alter der Patienten, ihr Geschlecht, die Ethnie, Diagnosen und Operationen umfassen, wie das Internetmagazin Wired berichtete. Und es scheint, als ob der NHS nicht nur dateninkontinent ist, sondern sogar selbst mit den Daten Handel treibt.

Das zumindest behauptete die britische Tageszeitung Daily Mirror: Die Daten von 47,5 Millionen Versicherten seien an die Staple Inn Actuarial Society (SIAS), den Berufsverband der Versicherungsmathematiker, „zum Selbstkostenpreis“ abgegeben worden. Zuvor seien die Daten zumindest anonymisiert worden – bis auf die Altersklasse, das Geschlecht, die Ethnie und die Wohngegend der jeweiligen Person.

Diese Informationen kombinierten die Versicherungsmathematiker nach Angaben der Zeitung mit den Daten von Experian, einem der größten Datenhändler weltweit. In Großbritannien soll das Unternehmen über 49 Millionen Datensätze verfügen. Die SIAS verglich also die 47,5 Millionen Datensätze des NHS mit den 49 Millionen von Experian und konnte so feststellen, welcher Lebenswandel in welchem Wohngebiet mit welcher Wahrscheinlichkeit zu welchem körperlichen Leiden führt. Das könnte nach Meinung der Organisation Institute and Faculty of Actuaries (IFoA), einer Bildungseinrichtung der Versicherungswirtschaft, zur Gestaltung „kritischer Krankheitspreise“ genutzt werden, wie der Daily Mirror weiter berichtete.

Daten von 200 Millionen US-Amerikanern machen die Runde

Das ist kein Einzelfall: Bereits im Oktober 2013 hatte der Sicherheitsexperte Brian Krebs gemeldet, dass Experian die Daten von 200 Millionen US-Amerikanern an einen Kriminellen in Vietnam gegeben haben soll, darunter auch Sozialversicherungs- und Führerscheinnummern, Bank- und Kreditkarteninformationen. Um seine Kosten zu senken, habe sich der Käufer als Privatermittler ausgegeben – so musste er nur eine „Gebühr“ entrichten. Die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses des US-Senats diskutierten zwei Monate später über die „detaillierten und intimen Profile amerikanischer Verbraucher“, die Experian und andere Datenhändler angelegt haben sollen – bis zu 1.500 Detailinformationen über Lebensstandard, Lebenswandel, Konsumgewohnheiten und vieles mehr sollen darin gespeichert sein.

Technisch ist es möglich, das Gesundheitswesen mit zig Millionen Patienten in beliebiger Detailtiefe zu digitalisieren. Es wäre sinnvoll gewesen, die Risiken zu analysieren, zu bewerten und daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. Auf diese Idee ist Gesundheitsminister Hermann Gröhe nicht gekommen – tatsächlich drohte er im Januar 2015: „Wir beginnen gerade erst, die Chancen des digitalen Zeitalters im Gesundheitsbereich zu nutzen. Ich will hier mehr Tempo [...] Wer blockiert, zahlt. Die zentralen Akteure der Selbstverwaltung – insbesondere die Kassenärztlichen Bundesvereinigungen und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen – erhalten Fristen, zu denen sie festgelegte Ergebnisse erreichen müssen. Wird nicht geliefert, müssen sie finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen.“

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