Suchen

Nachbericht SAS Forum 2020 SAS Viya geht in die Cloud

Autor / Redakteur: lic.rer.publ. Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Noch vor wenigen Jahren beäugte SAS kritisch die allgemeine Cloudifizierung. Jetzt stellt der BI- und Analytik-Spezialist innerhalb eines Jahres seine Plattform Viya auf Cloud-native um. Das wurde auf dem SAS Forum verkündet. Und auch das Corona-Virus hinterließ dort deutliche Spuren.

Firmen zum Thema

Die containerisierte Cloud-Native-Architektur von SAS Viya: Einige Teile lassen sich durch Cloud-Provider-Services ersetzen, aber nicht die Kernkomponenten.
Die containerisierte Cloud-Native-Architektur von SAS Viya: Einige Teile lassen sich durch Cloud-Provider-Services ersetzen, aber nicht die Kernkomponenten.
(Bild: SAS)

Wegen der Corona-Krise fand das diesjährige SAS Forum, die Kunden- und Partnerkonferenz von SAS für den deutschsprachigen Raum, diesmal komplett digital statt. Auf vier Kanälen gab es Videos mit Fachvorträgen, unterbrochen von reichlich Werbung für von SAS gesponsorte gemeinnützige Projekte oder das Unternehmen selbst.

Wichtigste News der Veranstaltung, zu der sich 14.500 virtuelle Teilnehmer im Laufe des Tages zugeschaltet hatten: Die Plattform SAS Viya, seit 2017 am Markt, wird im Verlauf des Jahres 2020 komplett mit Cloud-Native-Technologien unterlegt. Sie taugt dann für die Implementierung auf Private Clouds unter VMware und OpenStack und ist als SAS-Service bei den großen Providern Amazon, Microsoft und Google erhältlich.

Udo Sglavo, bei SAS weltweit im Entwicklungsbereich verantwortlich für die Themen Künstliche Intelligenz und Analytics und per Videoschalte aus North Carolina dabei, betonte, dass sich die Einstellung der Kunden zum Cloud-Thema komplett geändert habe. „Vor zwei oder drei Jahren war ich diesbezüglich noch skeptisch, aber jetzt entsprechen wir mit dem Umzug in die Cloud den Bedürfnissen unserer Kunden.“ Laut Annette Green, bei SAS Vice President DACH, gibt es hier bereits einen Beta-Kunden, der die cloudifizierte Version von SAS Viya verwendet. Wer das ist, konnte sie aber nicht verraten.

SAS Subscription-based

Gleichzeitig wurde auch das Lizenzmodell vereinfacht – man kann nun unabhängig von der Zahl genutzter Cores ganze Leistungspakete kaufen und diese uneingeschränkt nutzen. Daneben gibt es auch reine Subskriptionsmodelle. Sglavo: „Was jeweils besser passt, erarbeiten wir zusammen mit den Kunden.“ Insgesamt wolle man Full-Service-Provider für ganze Geschäftsprozesse werden.

In den Cloud-Providern, die ja auch selbst immer mehr analytische Services anbieten, sieht Sglavo keine Konkurrenz. „Unsere 40-jährige Erfahrung in Analytik kann man nicht in ein paar Jahren einholen. Es ist eher so, dass die Cloud-Provider zu uns kommen und uns als Bereicherung sehen.“

Auch im Cloud-Zeitalter, so betonte Green, werde man weiter intensiv mit Partnern zusammenarbeiten. Von denen waren auf der Online-Veranstaltung KPMG, das auf IoT und Industrieumgebungen spezialisierte Beratungshaus Mayato und Core Compete, ein junger US-Spezialist für Cloud-Analytik, vertreten.

Basis: Container und Kubernetes

Die Cloud-Native-Architektur von SAS Viya basiert auf den bewährten Technologien Container und Kubernetes. Ziele waren, Open Source noch besser zu integrieren sowie schnellere und durch mehr Datenanalyse unterlegte Entscheidungen für Unternehmen zu ermöglichen. So passen jetzt auch Modelle in Programmiersprachen wie R oder Python zur SAS-Modellverwaltung und -qualitätssicherung: „Die Lieblingssprachen bei der Datenanalyse ändern sich schnell. Das wollten wir abbilden.“

Das Frontend des neuen SAS Viya 4.0 basiert auf HTML5. Für den Betrieb der eigenen Plattform verwendet SAS Analytik sowie inzwischen CI/CD (Continuous Integration and Delivery). Auf agile Programmierung hatte SAS schon länger umgestellt. „Wir können jetzt neue Funktionen sofort bereitstellen“, freut sich Sglavo.

Vier Containergruppen

Die Cloud-Lösung besteht aus vier Containergruppen: Diverse zustandslose Container realisieren unterschiedliche Mikroservices. Dazu kommen persistente Container für RabbitMQ, Postgres und Consul. Sie können durch entsprechende Services der Cloud-Provider ersetzt werden. Das gilt auch für die Datenhaltung, das Identitäts- und Zugangsmanagement und den Kubernetes-Server. Bei der Verwaltung haben die Anwender Spielraum. Möglich sind der ELK-Stack, aber auch die Kombination der Open-Source-Tools Prometheus und Grafana oder andere Methoden.

Ein nicht austauschbarer Container enthält den SAS-App-Server. Er braucht eine leistungsstarke I/O, viel RAM-Kapazität sowie CPU-Leistung. Schließlich gibt es noch einen SAS-Analytik-Containercluster, der vor allem Rechenleistung, aber auch ausreichend I/O benötigt.

SAS unterstützt Corona-Forschung

Auch Corona machte sich bei SAS bemerkbar – nicht nur durch die Virtualisierung des SAS Forum. Die SAS-Kunden brauchten während der Corona-Krise dringend innerhalb zwei bis drei Wochen Systeme für datengetriebene Entscheidungen, etwa um ihren Personaleinsatz zu planen, die Logistikketten und Lagerhaltung sowie die Produktionsabläufe so zu strukturieren, dass die anfallenden Störungen möglichst wenig Schaden anrichten können. Darauf, so berichtete Andreas Gödde, Director Customer Advisory, habe man gleich mehrfach reagiert.

So realisierte SAS für das Robert-Koch-Institut im Hau-Ruck-Verfahren das aus der Medienberichterstattung inzwischen sattsam bekannte Register der vorhandenen Intensivressourcen in deutschen Krankenhäusern. Daran sind mittlerweile rund 2000 deutsche Kliniken angebunden. Ein weiteres COVID-19-Projekt ist eine frei zugängliche KI-Umgebung, die die aktuell publizierte COVID-19-Forschungsliteratur der visuellen Textanalyse zugänglich macht.

Neuer Umsetzungsprozess für schnellere Resultate

Durch die Anforderungen der Kunden nach schnelleren, datengetriebenen Entscheidungen entstand inzwischen bei SAS ein komplett neuer Prozess zur Umsetzung von Kundenanfragen, der Use Case Accelerator. Dafür wurden geschäftsfallbezogene Bundles vorkonfiguriert, etwa für das Supply Chain Management, die Verkaufsprognose des Einzelhandels oder andere Gebiete. Unterstützt durch Expertise von SAS-Wissenschaftlern, sind schon innerhalb einer Woche greifbare Resultate möglich. Durchschnittliche Projekte dauern zwei bis drei Wochen.

Man habe erkannt, dass die Kunden schnell erste Ergebnisse sehen wollten, statt lange und umständlich Umgebungen und Projekte zu entwickeln, die bei Inbetriebnahme schon wieder veraltet sein können, betonten unisono die Referenten. Deshalb geht auch SAS samt seiner Partner dazu über, sich schrittweise über kleinere, aber kurzfristig machbare Realisierungen (Minimal Viable Product) an den vollen Umfang einer vom Kunden gewünschten Lösung heranzutasten.

Besonders intensiv befasst sich mit analytischen Methoden derzeit der Einzelhandel. Dort geht es vor allem um personalisiertes Marketing. Auf dem virtuellen Meeting etwa stellte die Drogeriekette dm eine mit SAS entwickelte Lösung zur Generierung von Produktbewertungen nach Offline-Käufen vor. Für einen TK-Provider realisierte SAS eine Lösung für die Churn-Prevention. Sie analysiert anhand verfügbarer Daten zunächst die Wechselneigung eines Kunden, bewertet dessen Umsatzpotenzial und bietet ihm gegebenenfalls ein neues Endgerät mit erheblichem Rabatt an, um ihn oder sie bei der Stange zu halten.

Finanzunternehmen und Versicherer setzen KI ein, um Betrügereien vorzubeugen, ihre Kunden an sich zu binden und das Risiko von Ausfällen abzumildern respektive individualisierte Tarife zu berechnen. Letzteres am liebsten in Echtzeit schon bei Anfrage und mit individueller Risikokalkulation.

Industrie-4.0-Implementierung

Aber auch im Sektor Industrie 4.0 lassen sich die Lösungen und Services von SAS gut verwenden. So nutzte das European 4.0 Transformation Center (E4TC) an der RWTH Aachen SAS-KI-Lösungen zur Entwicklung einer Referenzarchitektur für das Internet of Products. Kooperationspartner waren Liebherr und Elisa. Ausprobiert wurde die Lösung in einer an der RWTH betriebenen flächendeckend mit IoT/Industrie-4.0-Technologien automatisierten Demo-Fabrik.

Die Lösung ist klassisch in drei Schichten (Endgeräte/Rohdaten, analytische Schicht von SAS, Enduser-Apps) aufgebaut. Dazu gehört auch ein dreidimensionales echtzeitfähiges Digitalmodell der gesamten Fabrik. Damit lassen sich beispielsweise alle im System registrierten Gegenstände in Echtzeit verfolgen, was den Produktionsfluss, die Gestaltung der Lagerflächen oder die interne Logistik optimieren kann. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Dinge einen Funk-Tag haben.

Dr. Thomas Gartzen vom E4TC: „Das ist keine Einzelfall-Lösung. Sie lässt sich auf andere Technologiestacks übertragen und ist skalierbar, passt also auch auf andere Werke oder Produktionsstätten.“ Wegen der agilen Entwicklungsmethode haben man nur zwölf Wochen für die Realisierung gebraucht und damit laut Gartzen „90 Prozent weniger Zeit als üblich“.

(ID:46636035)

Über den Autor

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

Freie Journalistin, Redaktionsbüro Rüdiger