Closed-Source-Anbieter suchen alternative Einnahmequellen Open Source verändert den Datenbank-Markt

Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

Auch bei Datenbanken scheint Open Source einen viralen Effekt zu haben. Immer mehr Anwender probieren quelloffene relationale Datenbanken aus. Und die Erfahrungen damit sind offenbar der Anlass, weitere Loads von teuren proprietären RDBMS zu verlagern.

Firma zum Thema

(Bild: Ludger Schmitz)

Es dürfte kaum einen Software-Anbieter geben, dessen Kunden noch nicht der Ansicht waren, die Lizenzen könnten weniger teuer sein. Wohl den meisten Ärger dürfte in dieser Hinsicht Oracle haben; Keine Softwarefirma macht dermaßen häufig Schlagzeilen mit Klagen seiner Kunden. Das mag daran liegen, dass die Oracle-Datenbank so weit verbreitet ist. Doch die Sicherheit, das eigene Produkt sei fast immer unverzichtbar, hat Oracle nicht mehr.

In der SQL-Szene sind die ruhigen Zeiten vorbei

Die Gefahr für die Position von Oracle geht nicht von den anderen Anbietern proprietärer relationaler Datenbank-Management-Systeme (RDBMS) aus. Die sind selber einer neuen Konkurrenz ausgesetzt. Der Druck geht auch nicht von NoSQL-Datenbanken aus, die im wesentlichen Open-Source Produkte sind, nicht aber bei Transaktionen mit den relationalen Systemen mithalten können. Die Konkurrenz kommt aus der SQL-Ecke: Open-Source-RDBMS.

Bildergalerie

Soeben meldet EnterpriseDB, Anbieter der Open-Source-Datenbank PostgreSQL (gemeinhin „Postgres“), Ergebnisse des alle zwei Jahre erhobenen „PostgreSQL Adoption Survey“, in diesem Jahr unter 274 Anwendern weltweit. Die (ungenannten) Kundenzahlen steigen – übrigens auch beim Open-Source-Wettbewerber MariaDB, dessen gleichnamiges Produkt aus einem Fork von MySQL entstanden ist. Für das wachsende Interesse an Open-Source-RDBMS sprechen auch Indikatoren wie die zunehmende Zahl der Stellenausschreibungen mit entsprechenden Qualifikationskriterien.

Wer es ausprobiert hat, macht bald mehr

Nach Angaben von EnterpriseDB implementieren laut Umfragebefund 77 Prozent der Anwender alle neu eingesetzten Applikationen auf Postgres. 55 Prozent verwenden diese Datenbank auch für unternehmenskritische Anwendungen; vor zwei Jahren waren es noch 40 Prozent. Das heißt: Den proprietären Datenbanken entgleiten Einsatzgebiete, deren Herstellern entgehen also Lizenzgebühren.

Prompt berichtet EnterpriseDB, 41 Prozent der Anwender hätten Einsparungen von 50 Prozent und mehr im ersten Jahr gemeldet. 37 Prozent der Anwender gaben demnach an, Applikationen von Oracle und Microsoft SQL zu Postgres migriert zu haben. Noch einmal 37 Prozent erklärten, dass sie ihre Legacy-Datenbanken schrittweise durch Postgres ersetzen wollen. Im Jahre 2013 hatten nur 29 Prozent diese Absicht geäußert. 32 Prozent der Anwender gehen davon aus, innerhalb der nächsten zwölf Monate die Postgres-Nutzung um mindestens 30 Prozent zu erhöhen.

Nun sind Befragungen im Kundenstamm immer mit Vorsicht zu genießen. Schon die Art der Fragestellung kann manipulieren, negative Befunde lassen sich unter den Teppich kehren und so weiter. Allerdings stimmen die Befunde von EnterpriseDB mit Erklärungen von Gartner überein. Das Marktforschungsunternehmen hatte im April die Studie „The State of Open-Source RDBMS 2015“ vorgelegt.

Analysten revidieren frühere Einschätzungen

Die aktuelle Gartner-Studie nimmt Bezug auf eine gleichartige aus dem Jahr 2009. Damals bewerteten die Analysten die OSDBMS in allen Punkten als den proprietären Datenbanken unterlegen. Lediglich für nicht-kritische Anwendungen kamen die Open-Source-Produkte fast auf die Punktzahl der proprietären. Selbst in puncto Total Cost of Ownership schnitten proprietäre besser ab, weil 2009 der Mangel an Administrations-Tools und qualifizierten Fachkräften die Kosten der Nutzung indirekt erhöhten.

Jetzt, 2015, beurteilt Gartner die Situation völlig anders. In Sachen TCO führt Open Source deutlich. Die OSDBMS sind auch bei unternehmenskritischen Anwendungen auf gleichem Level. In den Punkten Verfügbarkeit von Datenbank-Administratoren, DBA-Tools und Funktionsvielfalt ist der Vorsprung des proprietären Lagers auf ein Minimum geschmolzen.

Der Markt ist in Bewegung geraten

Der Markt hat bereits reagiert. Gartner kalkuliert den Markt für Open-Source-RDBMS im Jahr 2014 auf 253,6 Millionen Dollar. Der Gesamtmarkt für quelloffene Datenbanksysteme soll sich auf 562 Millionen Dollar belaufen. Das ist laut Gartner ein Plus von 31 Prozent gegenüber 2013, also innerhalb eines Jahres. Die Analysten merken an, dass im gleichen Zeitraum der gesamte Datenbankmarkt nur um 5,4 Prozent gewachsen war. Gartner registriert sehr schnell ansteigende Nachfrage der eigenen Kunden nach Open-Source-Analysen und Beratung.

Open-Source-Kosten ohne Konkurrenz

An dieser Stelle hält Gartner fest, dass es bei den Open-Source-Angeboten keine Lizenzgebühren gibt, sondern nur Subskriptionen die Einnahmequelle der Anbieter sind. Für die Anbieter ergibt sich nach einer Gartner-Rechnung ein beträchtlicher Unterschied. Ausgangsbasis der Berechnung ist ein Server mit zwei Sockets und jeweils Sechs-Core-CPUs. Über drei Jahre kommt hier die Oracle Databse Enterprise Edition auf 473.100 Dollar, MySQL Enterprise Edition auf 15.000 Dollar und EnterpriseDB Postgres Plus Advanced Server auf 41.400 Dollar. Selbst wenn Oracle 50 Prozent Discount gewähren sollte, ist die proprietäre Datenbank 15 Mal teurer als MySQL und sechs Mal teurer als Postgres.

Längst haben die traditionsreichen Datenbank-Anbieter die Gefahr aus der Open-Source-Ecke erkannt. Sie reagieren, indem sie die Datenbank-Nutzung als Cloud-Service anbieten, als dbPaaS, oder in Form von Hosting, zum Teil auch als Managed Hosting. Die Analysten ermahnen die Anwender, solche Angebote äußerst genau und mit einem Auge auf versteckte Kosten zu kalkulieren. Nach Gartner-Ansicht könnten solche Angebote immer noch teurer ausfallen als Open-Source-DBMS in Eigenregie.

Die Datenbankwelt steht vor einem Umbruch

Gartner kommt heute zu einer deutlichen Ansage für die strategische Planung: „2018 werden 70 Prozent der In-house-Anwendungen auf einem Open-Source-DBMS entwickelt. Und 50 Prozent der bestehenden kommerziellen RDBMS-Instanzen werden migriert oder in der Migration sein.“ Anwender von Open-Source-Datenbanken würden von „viel geringeren Kosten als beim kommerziellen Modell“ profitieren, „selbst bei heutigen Angeboten wie hosted Cloud und Datenbank-Platform-as-a-Service (dbPAAS)“.

Die Analysten geben den Anwendern drei Empfehlungen: Erstens sollte sie eine Open-Source-Datenbank für neue Zwecke verwenden und für solche Anwendungen, wo nicht spezielle Funktionalitäten erforderlich sind. Zweitens sollte sie eine Open-Source-Datenbank dann verwenden, wenn der Anbieter einer Anwendung sie als „Platform of Choice“ bezeichnet. Drittens sollten sich Anwender grundsätzlich für Subskriptionen statt Lizenzen interessieren, weil sie in der Regel zu günstigeren Total Costs of Ownership führen.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

(ID:43484413)