Gefahren von Big Data, der Digitalisierung und Industrie 4.0, Teil 6

Liefert der AmazonBot Pakete in 30 Minuten?

| Autor / Redakteur: Joachim Jakobs / Nico Litzel

Humanoide Küchenhilfe bei der Arbeit.
Humanoide Küchenhilfe bei der Arbeit. (Bild: CITEC)

Amazon und die Post wurden kürzlich bestreikt, was zu erheblichen Verzögerungen führte. Der Gewerkschaft Verdi muss aber klar sein, dass sie damit die Automatisierung im Handel und dem Transportgewerbe vorantreibt – Amazon will künftig innerhalb von 30 Minuten liefern.

Um das zu erreichen, braucht es eine vollkommen neue Logistik. Wer früher Ersatzteilbestellungen gepackt hat, der hat aus dem Verkauf eine Liste der zu versenden Artikel per Rohrpost erhalten. Diese hat er mit ins Lager genommen und wusste dann hoffentlich, wo die einzelnen Teile zu finden waren. Diese hat der Mitarbeiter dann zusammengetragen und in eine selbst gefaltete Kiste gesteckt, mit einem Adressaufkleber bestückt und ab ging die Post! Was sich hier allerdings so flott anhört, hat tatsächlich mitunter Wochen gedauert.

Das ist ein Vierteljahrhundert her. Seitdem haben sich die Prozesse gründlich geändert. Beispiel Amazon: Hier wuchten riesige Roboter Paletten aus den Regalen und andere Maschinen, die an überdimensionierte Küchenwaagen erinnern, stemmen ganze Regale und fahren sie dann zu den Mitarbeitern.

Jetzt erst müssen Menschen eingreifen: Der Mensch ist in der Lage, zu erkennen, wie ein Gegenstand angefasst werden muss, ohne dass dabei Schäden entstehen. Schließlich ist Gebäck ist anders zu behandeln als ein Ball, ein Buch oder ein Glas.

Amazon Picking Challenge

2011 haben sich Wissenschaftler der Universität Tübingen versucht, die Maschine zu lehren, Brillen, Kaffeetassen, Flaschen und Schachfiguren zu ergreifen [PDF; Englisch]. Ende Mai dieses Jahres hat die Mannschaft der Technischen Universität Berlin die „Amazon Picking Challenge“ gewonnen – und zwar mit Abstand: Die Maschinen der 28 teilnehmenden Wettbewerber mussten dabei Gegenstände aus dem Regal entnehmen und in einen gewöhnlichen Transportcontainer legen. Ging die Ware unterwegs zu Bruch oder fiel zu Boden, gab es Abzüge.

Die Mannschaft der TU Berlin will eigenen Angaben zu Folge 148 Punkte eingefahren haben – das Massachusetts Institute of Technology soll mit 88, und die drittplatzierte Oakland University mit 35 Punkten durchs Ziel gegangen sein.

Vom Transportcontainer muss die Ware nur noch in den automatisch gefalteten Karton verfrachtet und mit dem Adressaufkleber beschriftet werden. Der Spanische Verpackungsspezialist Ulma meint, am Ende stünde der voll automatisierte Verpackungsprozess. Das würde die Genauigkeit steigern, den Müll reduzieren, Zeit und Geld sparen und den Ausstoß signifikant steigern.

Jetzt kommt die Lieferung des Pakets zum Kunden. Das könnte etwa mithilfe der Amazon-Drohne geschehen. Die hat aber noch Probleme bei der Zustellung: Das Paket kann nicht einfach im Garten des Empfängers abgeworfen werden, ohne einen Schaden zu riskieren. Außerdem findet keine Übergabe statt: Der Lieferant kann seine Leistung nicht nachweisen und jeder Passant könnte das Paket einsammeln.

Der Postboten-Roboter

Das Ziel des Postman-Robot-Projekts (PostBot) beschäftigt sich mit der Zustellung von Schnecken-Post innerhalb von Unternehmen und Behörden und will die Geschwindigkeit der Zustellung erhöhen: Der Roboter könne mehr Post transportieren als sein menschlicher Vorgänger, könne per WLAN mit seiner Umgebung Verbindung halten, sodass alle Mitarbeiter übers Netz immer genau verfolgen könnten, wo der Postman Bot grade unterwegs ist. Die Beschreibung ist dabei mehr als dürftig und eine Möglichkeit, Kontakt mit den Wissenschaftlern aufzunehmen, gibt es nicht.

So müssen eigene Überlegungen her. Im einfachsten Fall könnte ein Postman Bot als autonomer Bürocontainer umherfahren und sich dabei an elektronischen Marken im Boden oder der Wand orientieren. Nach dem Beladen mit der Post wäre die optimale Route von der hauseigenen Poststelle durchs Gebäude bis zum Büro des Empfängers zu berechnen. Stockwerke könnten per Aufzug überwunden und die Büros der Adressaten könnten an Hand der Mitarbeiterdatenbank gefunden werden.

In einigen chinesischen Schnellrestaurants etwa wird den Gästen bereits heute das Essen von Robotern auf diese Weise serviert: Die Roboter transportieren Tablets auf Rollen von der Essensausgabe bis zum Gast. Dazu benötigen sie „Arme“ und Klauen, um die in Schnellrestaurants üblichen Tablets aufnehmen und ablegen zu können.

Datenschutzrechtliche Probleme

Ein anderes Problem könnte sich ergeben, wenn der Mitarbeiter grade in der Kaffeeküche ist und keine Post annehmen kann. Der PostBot könnte den Menschen natürlich auch anhand seines elektronischen Mitarbeiterausweises verfolgen. Was aber mit zusätzlichen datenschutzrechtlichen Problemen verbunden sein könnte – der Betriebsrat könnte angesichts einer drohenden Mitarbeiterüberwachung Sturm laufen.

Gänzlich unklar ist aber, wie denn die Post vom PostBot übergeben werden sollte. Vertrauenswürdige Mitarbeiter könnten sich die Post selbst aus dem Container entnehmen. Massentauglich wäre die Methode jedoch nicht. Einen Hinweis darauf gibt die Universität Bielefeld – das Projekt „Cluster of Excellence Center in Cognitive Interactive Technology (CITEC)“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, einem Google-Roboter namens Mekabot die Fähigkeiten einer Haushaltshilfe anzutrainieren: Staubsaugen oder die Spülmaschine ein- und ausräumen. Außerdem soll der Mekabot auch noch Gäste bedienen und dabei eine Konversation in natürlicher Sprache führen.

Komplexes Multitasking

Das ist aufwendig, denn zunächst einmal muss die Maschine überhaupt in der Lage sein, sich wie ein Mensch auf zwei Beinen zu bewegen, dabei mit den Bewohnern in gesprochener Sprache zu kommunizieren und dann noch unterschiedliche Hausarbeiten erledigen können.

Für einen humanoiden Paketzusteller wären jedoch weitere Qualitäten erforderlich – der müsste nämlich auch noch Geld zählen und schreiben können: „Habe ein Paket bei Frau Müller für Sie abgegeben!“

Wissenschaftler der Case Western Reserve University im US-Bundesstaat Ohio haben einem Arbeiter eine Armprothese verpasst, der seinen eigenen bei einem Unfall verloren hatte. Solche bionische Prothesen lassen sich heute mit Gedanken steuern. Der Patient will jetzt „eine normale Wahrnehmung“ verspüren. Auf einem Bild ist zu sehen, wie er einen Tischtennisball in seiner „Hand“ hält.

Die Wahrnehmung ist das eine. Ob die Prothese aber auch alle Funktionen der natürlichen Extremität imitieren kann, ist nicht bekannt. Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums haben jetzt entschlüsselt, wie Greifbewegungen – etwa beim Schuhe binden – im Gehirn „geplant“ werden. „In ersten Anwendungsversuchen konnten die so entschlüsselten Grifftypen auf eine Roboterhand übertragen werden. Die Ergebnisse der Studie sollen künftig in die Entwicklung von Neuroprothesen einfließen, um gelähmten Patienten die Wiedererlangung von Handfunktionen zu ermöglichen“, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Alle Komponenten stehen zur Verfügung

Theoretisch zumindest wären alle Komponenten verfügbar, um die Vorgabe von Amazon umzusetzen: Die Amazon-Drohne könnte das Paket praktisch vor der Haustür des Empfängers an den AmazonBot übergeben, der das Paket an den Empfänger ausliefert und bei Nachname-Sendungen Geld einkassiert. Das alles ließe sich mithilfe der Cloud perfekt organisieren und der PostBot wäre jederzeit informiert, wann die Drohne eintrifft.

Es ist allerdings denkbar, dass allein die Flugzeit zwischen dem Amazon-Versandzentrum und dem Adressaten des Pakets länger als eine halbe Stunde dauert. Deshalb will der Händler künftig auf Verdacht an ein näher gelegenes Zustellzentrum liefern. Ausgeschlossen sind Amazons Träume jedenfalls nicht.

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