Deloitte „State of AI in the Enterprise Survey“

Künstliche Intelligenz von der Stange

| Autor: Heidemarie Schuster

Deutschland ist bei gewissen KI-Technologien vorne mit dabei.
Deutschland ist bei gewissen KI-Technologien vorne mit dabei. (Bild: © fotomek - stock.adobe.com)

Deloitte hat für den „State of AI in the Enterprise Survey“ weltweit Unternehmen nach ihrem Stand bei Künstlicher Intelligenz befragt. Das Erfreuliche: Deutschland liegt bei dieser Technologie nicht ganz so weit hinten, wie erwartet.

In Deutschland sind neue Technologien oftmals mit der „German Angst“ verbunden, besonders, wenn Daten im Spiel sind. Bei der Künstlichen Intelligenz (KI oder AI vom englischen artificial intelligence) war die öffentliche Debatte vor ein paar Monaten noch hauptsächlich von Befürchtungen geprägt, die Technologie würde viele Arbeitsplätze vernichten. Nun geht es um die Angst, den Anschluss an Länder wie China oder die USA verloren zu haben. Deloitte ist mit dem „State of AI in the Enterprise Survey“ dem aktuellen Stand nachgegangen.

Die gute Nachricht: Deutschlands Firmen beschäftigen sich mit Künstlicher Intelligenz und sind bei gewissen KI-Technologien im internationalen Vergleich sogar vorne mit dabei.

„Es ist erfreulich, dass es bei der Anwendung von AI-Technologien in deutschen Unternehmen keine generellen Lücken gibt“, sagt Milan Sallaba, Partner und Technology Sector Lead bei Deloitte. „Alle Varianten Künstlicher Intelligenz kommen zum Einsatz. Auffällig ist allerdings die starke Verbreitung von Process Robotics in Deutschland. 67 Prozent der befragten deutschen Unternehmen nutzen robotergesteuerte Prozessautomatisierung.“

In den internationalen Vergleichsmärkten USA, China, UK, Frankreich, Kanada und Australien setzen derzeit nur 49 Prozent diese Technologie ein. Bei keiner anderen KI-Variante weichen deutsche Unternehmen so stark vom internationalen Durchschnitt ab.

Aufholbedarf im internationalen Vergleich gibt es aber bei den Strategien. So verfügen erst ein Viertel (26 %) der befragten Unternehmen über eine umfassende, unternehmensweite KI-Strategie. Alle sechs Vergleichsmärkte sind weiter: Im Durchschnitt haben dort bereits 35 Prozent der Unternehmen eine übergreifende KI-Strategie.

Die Angst ist da

Die Zurückhaltung bei der Entwicklung übergreifender KI-Strategien ist vielleicht auch auf das noch immer ausbaufähige Vertrauen deutscher Unternehmen in KI zurückzuführen, glauben die Experten von Deloitte. Intern werden KI-Initiativen häufig eher mit Sorge begleitet. Die Angst, falsche Entscheidungen basierend auf KI zu treffen, ist verhältnismäßig groß. 46 Prozent der deutschen Unternehmen haben entsprechende Bedenken geäußert. Unsicherheit herrscht aber vor allem beim Thema Cyber-Sicherheit. Hier fürchten deutsche Unternehmen vor allem den Diebstahl sensibler Daten und Algorithmen.

Fachkräftemangel als Bremse

Die größte Herausforderung für die Unternehmen ist der Studie zufolge der Fachkräftemangel. 62 Prozent beklagen fehlende KI-Kompetenzen, mehr als jedes fünfte Unternehmen spricht sogar von großen Schwächen in diesem Bereich. Bemerkenswert ist, dass sich der Mangel nicht primär auf IT- und Tech-Spezialisten erstreckt. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Change-Managern, die die Digitale Transformation im Unternehmen organisieren und umsetzen.

KI-Lösungen von der Stange

Ein Mittel im Kampf gegen den Fachkräftemangel erfreut sich bei deutschen Unternehmen bereits großer Beliebtheit und prägt maßgeblich die Implementierung von KI in den Firmen: „AI as service“ (AIas) oder salopp gesagt: „KI-Lösungen von der Stange“. Nur 15 der befragten Unternehmen implementieren KI hauptsächlich mit firmeneigenen Kräften.

Stattdessen setzen 65 Prozent der Studienteilnehmer auf fertige KI-Bausteine für die eigenen Produkte und Dienstleistungen. In den internationalen Vergleichsmärkten nutzen nur 49 Prozent diese Möglichkeit. Die Offenheit deutscher Unternehmen ist potenziell vorteilhaft, denn cloud-basierte „Off the shelf“-Lösungen versprechen einen schnellen und relativ kostengünstigen Zugang zu intelligenten Produkten, Services und Geschäftsmodellen. Für die Verbreitung und nicht zuletzt die Demokratisierung von KI sind diese fertigen Lösungen essenziell, da so auch kleinere Unternehmen mit KI arbeiten können. Sie hätten sonst weder den Anspruch noch die Ressourcen, die Technologie von der Pike auf selbst für die eigenen Zwecke zu entwickeln, so Deloitte.

„Die Ergebnisse zeigen, dass der KI-Standort Deutschland eindeutig noch nicht ‚abgehängt‘ ist“, bilanziert Milan Sallaba. „Führende deutsche Unternehmen haben längst den Mehrwert von Künstlicher Intelligenz für die eigenen Produkte und Dienstleistungen, aber auch für interne Abläufe erkannt und sind die ersten Schritte erfolgreich gegangen.“ Jetzt gehe es darum, KI ganzheitlich zu denken und die Strategielücke zu schließen, denn Künstliche Intelligenz werde nicht nur einzelne Bereiche, sondern ganze Wertschöpfungsketten verändern. „Statt hier wie das sprichwörtliche Reh im Scheinwerferlicht zu verharren, sollten wir diese Veränderungen aktiv mitgestalten. Unternehmen kommt hier eine Vorreiterrolle zu – sie haben die Ressourcen und sind aufgerufen, ihre Mitarbeiter entsprechend weiterzubilden und KI-Lösungen zu entwickeln, die Ängste und Befürchtungen ernst nehmen und ihnen ein positives Ergebnis entgegenstellen.“

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