Internet of Things Industrie 4.0 – verliert Deutschland den Anschluss?

Autor / Redakteur: Franz Graser / Nico Litzel

Die Politik, aber auch Teile der Wirtschaft, verfolgen Zukunftsprojekte wie das Internet der Dinge und Industrie 4.0 mit zu wenig Mut. Dank großzügiger staatlichen Förderung in den USA und China steht zu befürchten, dass Amerika und Asien hier die Regeln bestimmen werden.

Firma zum Thema

(Bild: fotohansel - Fotolia)

Die Münchner Softwareentwicklungskonferenz OOP stand im Zeichen des Internets der Dinge. In seiner Keynote legte Horst Westerfeld, ehemaliger Staatssekretär im hessischen Finanzministerium, den Stand der Dinge schonungslos offen.

Der Wirtschaftsinformatiker Westerfeld, der bis 2014 die Position des CIO des Landes Hessen bekleidet hatte, verwies zum Einstieg auf eine Bitkom-Umfrage. Diese Befragung habe aufgezeigt, dass ein Großteil der deutschen Unternehmen Themen wie mobile Kommunikation, Cloud Computing, Big Data und IT-Outsourcing mit Skepsis betrachte. „Es macht mir Sorge, dass weniger als 50 Prozent das Cloud Computing gut finden“, kommentierte der CDU-Politiker die Zahlen.

Die Sorge sei deswegen berechtigt, weil die genannten Themen Teile des Konzepts der sogenannten Industrie 4.0 seien. Industrie 4.0 definiert Westerfeld als die elektronische Logistikkette im industriellen Umfeld. Die genannten Techniken sieht der ehemalige Staatssekretär als Voraussetzung für die Umsetzung der Digitalisierung in der Produktion.

Darüber hinaus beklagte Westerfeld, dass gerade auf dem Feld, das gerade in Deutschland so oft als Zukunftsprojekt propagiert wird, die Amerikaner „wieder einmal“ schneller gewesen seien. General Electric habe im vergangenen Jahr zusammen mit einigen weiteren US-Firmen das Industrial Internet Consortium (IIC) gegründet, das Interoperabilitätsstandards für das Internet der Dinge im Industriebereich erarbeiten soll.

„Wer die Schnittstellen bestimmt, der bestimmt das Spiel“, kommentierte Westerfeld im Hinblick auf das amerikanisch dominierte IIC: „Wir haben es dagegen nicht geschafft, ein eigenes Konsortium zu gründen.“

Auch was tragbare Connected Devices betreffe, sei Europa im Hintertreffen. Eine Datenbrille ermögliche es Monteuren zum Beispiel, Instruktionen über die jeweilige Aufgabe leichtverständlich und visuell eingeblendet zu bekommen. „Damit ist es viel einfacher, ein Ikea-Regal zu montieren“, sagte Westerfeld mit feiner Ironie. „Es gibt hier so viele Anwendungsmöglichkeiten, das wird ein Boom werden – und Europa ist nicht dabei.“

Begriff „Industrie 4.0“ verleitet zur Selbsttäuschung

Horst Westerfeld bei seinem OOP-Vortrag: Cloud Computing sieht er als zentrales Zukunftsthema im Umfeld von Industrie 4.0 an.
Horst Westerfeld bei seinem OOP-Vortrag: Cloud Computing sieht er als zentrales Zukunftsthema im Umfeld von Industrie 4.0 an.
(Bild: VBM-Archiv)
Nicht zuletzt verleite der viel benutzte Begriff Industrie 4.0 zur Selbsttäuschung. Denn der Name sei schon von Anfang an politisch gewählt gewesen. Bei der Begriffswahl habe der damals oft zitierte Ausdruck des „Web 2.0“ eine bedeutende Rolle gespielt. Industrie 4.0 suggeriere einen Vorsprung, der nicht vorhanden sei.

So hätten sich die Chinesen bereits sehr früh mit den Möglichkeiten von IPv6 auseinandergesetzt. Der Grund dafür sei gewesen, dass China bei der Verteilung der alten IP-Adressen nach dem IPv4-Standard weitgehend leer ausgegangen sei, da die IP-Adressen von den Amerikanern verteilt worden seien.

Mit IPv6 sei eine große Menge Adressraum für Smartwatches, Datenbrillen und intelligente Maschinenteile vorhanden, sagte Westerfeld: „Die Chinesen kennen sich sehr gut damit aus!“

Der ehemalige Staatssekretär warb darüber hinaus für mehr Mut bei den Unternehmen, Themen wie Cloud Computing und Big Data anzugehen. Big Data verspreche eine großen volkswirtschaftlichen Nutzen in Bezug auf Verkehrsplanung, Energieversorgung und Umweltschutz. Und: „Wer heute nicht Cloud Computing macht, der ist von gestern.“ Hier sei insbesondere der Online-Handelskonzern Amazon führend.

Natürlich gebe es beim Cloud Computing rechtliche Fragen, gestand Westerfeld ein. Diese seien jedoch in dem Praxishandbuch „Rechtsfragen des Cloud Computing“ von Fabian Niemann erschöpfend behandelt, eventuell vorhandene Bedenken würden dadurch entkräftet.

Europas Geheimwaffe: Günther Oettinger

EU-Digitalkommissar Günter Oettinger versucht nach den Worten des früheren hessischen CIOs Horst Westerfeld alles, um die mutlose europäische Politik aufzurütteln.
EU-Digitalkommissar Günter Oettinger versucht nach den Worten des früheren hessischen CIOs Horst Westerfeld alles, um die mutlose europäische Politik aufzurütteln.
(Bild: Martin Kraft/Public Domain)
Hessens ehemaliger CIO kritisierte zudem die Mutlosigkeit der deutschen Regierung, die IT-Zukunftsthemen offensiv anzugehen. Das im vergangenen Jahr verabschiedete IT-Sicherheitsgesetz, das Betreiber kritischer Infrastrukturen verpflichtet, Mindeststandards für IT-Sicherheit einzuhalten und Sicherheitsvorfälle an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zu melden, sei ein „bürokratisches Monster“, das de facto nur dazu diene, die Attacken zu verwalten.

Darüber hinaus kritisierte Westerfeld die im internationalen Vergleich kümmerlichen Fördermittel, die Deutschland in digitale Techniken investiere. Für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 seien 200 Millionen Euro an Fördergeldern vorgesehen. Die USA hätten dagegen Milliarden in ihre digitale Aufrüstung gesteckt, nicht zuletzt in die NSA. Dort arbeite man beispielsweise an Techniken wie Quantencomputern, die jegliches Verschlüsselungsverfahren obsolet machen würden. Letztlich sieht Westerfeld die Investitionen der USA in die NSA auch als Investition in die digitale Zukunftsfähigkeit Amerikas.

Gegen diese Offensive, die vermutlich auch in ähnlichem Umfang in China gefahren wird, hilft aus Sicht des Wirtschaftsinformatikers Westerfeld nur eines: Weiter innovativ zu sein und nicht stehen zu bleiben.

Der ehemalige hessische Staatssekretär sieht hier Günter Oettinger, den EU-Kommissar für digitale Wirtschaft, als untermüdlichen Antreiber und Mahner. Westerfeld zitierte Oettinger mit den Worten: „Fabriken, die in sieben Jahren nicht digitalisiert gesteuert werden, werden leer stehen.“ Und im Hinblick auf den eher zögerlichen Ausbau der Breitbandnetze: „Wenn es auf dem Land nicht in kürzester Zeit entsprechende Internetangebote gibt, werden die Dörfer leer stehen.“

Westerfeld bescheinigte dem mitunter belächelten Oettinger einen guten Job als Treiber für die digitale Wirtschaft. Leider sage Oettinger nicht, woher die dafür benötigten Gelder herkommen sollen. Allerdings würden gewaltige Summen in Projekte wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz oder in den Kauf wackliger Staatsanleihen gesteckt oder seien in Pensionslasten gebunden.

Westerfeld deutete mehr als nur an, dass er diese Prioritäten für falsch hält. „Es ist mehr als Zeit für die Aufholjagd“, sagte er am Ende seiner Betrachtungen.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei unserem Schwesterportal ElektronikPraxis erschienen. Verantwortlicher Redakteur: Franz Graser

(ID:43181655)