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IDC-Studie Industrie 4.0 – Unternehmen stehen noch am Anfang

| Autor / Redakteur: Dipl. -Ing. Thomas Drilling / Nico Litzel

Deutsche Unternehmen, so die Studie „Industrie 4.0 in Deutschland 2015“, haben sich im vergangenen Jahr intensiv mit dem Thema Industrie 4.0 auseinandergesetzt, stehen aber bei der Umsetzung noch am Anfang. Weitere Erkenntnisse sind: Anwendungsfälle drehen sich vorrangig um eine bessere Kontrolle und Transparenz, statt um stärkere Kundenorientierung oder neue Geschäftsmöglichkeiten.

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Deutsche Unternehmen planen zwar Industrie-4.0-Initiativen, stehen aber noch am Beginn.
Deutsche Unternehmen planen zwar Industrie-4.0-Initiativen, stehen aber noch am Beginn.
(IDC)

Die von IDC im August 2015 durchgeführte Befragung von 201 Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe mit mehr als 100 Mitarbeitern sollte ein besseres Verständnis über die Umsetzungspläne, Erfolgsfaktoren und Einschätzungen hinsichtlich Industrie 4.0 ans Licht bringen. Im Fokus standen insbesondere Gegenüberstellungen der Einschätzungen von Fabrikausstattern und -Betreibern, IT- und Produktionsverantwortlichen sowie mittelständischen und großen Unternehmen.

Das Potenzial von Industrie 4.0 wird greifbarer

Das Konzept der vierten industriellen Revolution durchdringt das verarbeitende Gewerbe immer stärker. So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich bereits mehr als zwei Drittel der befragten Teilnehmer mittlerweile mit Industrie 4.0 auseinandergesetzt haben. Das ist ein deutlicher Zuwachs um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein wesentlicher Treiber ist dabei die starke Präsenz von Industrie 4.0 in den Medien und auf Messen wie der HMI oder der CeBIT. Zudem wird das Potenzial durch immer mehr Umsetzungen greifbarer.

Digitalisierung wird noch unterschätzt

Entscheidungsträger in Industrieunternehmen treibt in erster Linie die Frage um, wie sich Kosten reduzieren, Umsätze und Erlöse steigern und interne Prozesse verbessern lassen, denn die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft und die Behauptung gegenüber dem Wettbewerb aus Niedriglohnländern erhöhten den Handlungsdruck.

Die Lösung dieser Aufgaben ist für viele Unternehmen eine gute Ausgangsbasis für Industrie-4.0-Initiativen, also die Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe. Diese stellt nach Ansicht der Analysten von IDC für IT-Verantwortliche in den kommenden zwei Jahren eine wesentliche Herausforderung dar, weil den Produktions- und Fachbereichsverantwortlichen nach wie vor das Verständnis fehlt, in welchem Ausmaß technologische Entwicklungen die Geschäftstätigkeit ihres Betriebs verändern werden.

Daher bietet sich, so IDC, insbesondere für die IT die Chance, die Digitalisierung federführend voranzutreiben, indem sie den Dialog zwischen IT, Fachbereichen und Geschäftsführung initiiere und sich zum Partner der Fachbereiche auf Augenhöhe etabliere.

Industrie 4.0 in Zahlen

Ein Großteil der Mittelständler und Großunternehmen in Deutschland schafft momentan die Basis für Industrie-4.0-Initiativen. Allerdings kommt die Studie auch zu dem Ergebnis, dass nur knapp ein Drittel der Firmen bereits Erfahrungen mit Industrie-4.0-Technologien in Pilotprojekten oder im operativen Betrieb gesammelt hat. Viele Betriebe wollen aber die Vernetzung des Shop Floors mithilfe von Cyber Physical Systems (CPS) in den kommenden Jahren deutlich vorantreiben.

Dazu trägt der technische Fortschritt maßgeblich bei, weil Sensoren, eingebettete Systeme und Funktechniken immer leistungsstärker, kostengünstiger und somit attraktiver für den Einsatz in der Produktion werden.

Status quo bei der Umsetzung von Industrie-4.0-Initiativen in Deutschland
Status quo bei der Umsetzung von Industrie-4.0-Initiativen in Deutschland
(IDC)

Use Cases

Bei den meisten befragten Unternehmen steht momentan noch die Erfassung, Überwachung und Kontrolle von Prozessen und Produkten im Fokus von Industrie-4.0-Use-Cases; die Fehlerreduzierung hat also offenbar eine größere Relevanz als die Neugestaltung und Optimierung von Fertigungsverfahren. Das sei nach Ansicht der IDC-Analysten allerdings wenig überraschend, denn Betriebe treiben im ersten Schritt die Vernetzung ihres Shop Floors mittels Sensoren und CPS voran. Erst im zweiten Schritt will man auf Basis der erhobenen Daten die Transparenz und Kontrolle über die Fertigungsprozesse stärken und im letzten Schritt das Optimierungs- und Monetisierungspotenzial der Daten erschließen.

Industrie 4.0 der zwei Geschwindigkeiten

Die Studie bringt ebenfalls ans Licht, dass „Fabrikausstatter“ mit 35 Prozent deutlich mehr Industrie-4.0-Initiativen pilotiert oder umgesetzt haben als „Fabrikbetreiber“ mit 35 Prozent – ein Aspekt von vielen, der Maschinen- und Anlagenbauern eine höhere Aufgeschlossenheit und einen stärkeren Umsetzungswillen bescheinigt.

Cloud Computing als Enabler von Industrie 4.0

Ferner wird die Bedeutung von Software und Services für die Umsetzung von Industrie-4.0-Initiativen aus Sicht der Befragten in den kommenden Jahren deutlich steigen. Dabei rücken besonders Security Software, Big-Data-Analytics-Lösungen, eine zentrale CPS-Plattform und Digital Factory Solutions in den Fokus der Unternehmen.

Gleichzeitig wollen sie die Integration des Shop Floors und Top Floors durch ein durchgängiges Engineering vorantreiben und die Sicherheit der vernetzten Produktionssysteme durch IT-Lösungen verbessern. Daher werden, so IDC, viele Industriebetriebe ihre digitale Transformation in den kommenden Monaten vorantreiben und dabei zunehmend auf Cloud Services setzen, welche die meisten Befragten als „Enabler“ von Industrie 4.0 ansehen. So planen 25 Prozent der befragten Betriebe laut Angabe der jeweiligen IT-Veranwortlichen im kommenden Jahr die Nutzung von Cloud Computing im Rahmen von Industrie 4.0.

Sicherheitsvorfälle sind bereits heute alarmierend

Der Schutz und die Sicherheit von internen Daten und Know-how bleiben für Industriebetriebe sehr wichtig. Daher muss die Gewährleistung der IT-Sicherheit und Compliance besonders bei der Umsetzung einer intelligenten und vernetzten Fertigung eine Schlüsselrolle einnehmen. So sei die Anzahl an Sicherheitsvorfällen in den befragten Unternehmen bereits heute alarmierend. Etwa 54 Prozent der Fertigungsbetriebe hatten in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens einen Sicherheitsvorfall. Die Wahrscheinlichkeit, im Fokus von Cyber-Kriminellen zu landen, steigt offenbar mit der Größe der Unternehmen.

Technologische Verbesserungen als Hebel zur Verwirklichung von Industrie 4.0

Die befragten Teilnehmer sahen dabei ausgereiftere Technologien und Lösungen als wichtigsten Erfolgsfaktor für die intelligente und vernetzte Fabrik an und zwar mit 39 Prozent deutlich vor Konzepten zur Verbesserung der IT-Sicherheit (26 Prozent), der Unterstützung durch das Management (21 Prozent) oder einer gesicherten Finanzierung (13 Prozent). Dies spiegele nach Ansicht von IDC die Dynamik des Marktes und das sich entwickelnde Ökosystem wider.

So wünschen sich Industriebetriebe an erster Stelle Industrie-4.0-Lösungen, die sich „out of the box“ einsetzen lassen. Solche Lösungen bieten allerdings nur die wenigsten Anbieter aus einer Hand.

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Über den Autor

Dipl. -Ing. Thomas Drilling

Dipl. -Ing. Thomas Drilling

IT-Consultant, Trainer, Freier Journalist